Den Graben sehen, den Garten bestellen

Ursula Mamlok: Geschichte einer Rückkehr und Protokoll einer Schallplattenaufnahme


(nmz) -
Jede jüdische Remigra­tion hat ihre eigene Geschichte. Auch die der Berliner Komponistin Ursula Mamlok. 67 Jahre nach ihrer Flucht über Ecuador in die Vereinigten Staaten ist sie 2006 zurückgekehrt. Nicht in die „Heimat“. Es ist eine Rück­kehr in die Geburtsstadt, verbunden mit Erwartungen an ein Land, das eigentlich erst jetzt zu geben in der Lage ist, was Vertrie­bene, was Künstler wollen: aufgenommen werden. In jeder Bedeutung des Wortes.
Ein Artikel von Georg Beck

Köln, im November 2010. – Für Ursula Mamlok ist der Weg länger. Mit einem Rollstuhl unterwegs zu sein im Funkhaus am Raderberggürtel, dort, wo die Domstadt südlicherseits zusehends ausfranst, ist eine Sache für sich. Rechts, links, jetzt diesen Gang, bitte die nächste Tür. Ja, wohin geht es denn? In den Regieraum im Deutschlandfunk Kammermusiksaal. So sehr dieser zum Kölner Sender dazugehört – Arbeitstakt, Arbeitsalltag sind hier anders, merklich anders. Eine Welt für sich, abgeschottet vom Normalbetrieb, beatmet von einem Quartett aus Techniker, Toningenieur, Tonmeister samt Inspizientin, immer in Sorge um das Eine: hochqualitative Musikaufnahmen herzustellen. Exakt dafür ziehen sie die Fäden, die DLF-Fachre­dak­­teure der Sparten Sinfonik, Klavier/Lied, Kammermusik, Alte Musik, Jazz und Neue Musik. Klar, dass ein Produktionsort von fürstlichem Zuschnitt wie dieser, selbst unter­halb der großen Orchesterbesetzung, hochbegehrt ist bei vielen namhaften E-Musik-Labels im In- und Ausland. Auch bei Bridge Records New York, dem Co-Partner der in dieser letzten Novemberwoche anstehenden Produktion Nr. 540 „Ensemblemusik Ursula Mamlok“. – Eine letzte Kurve, dann ist die Komponistin nach ihrer kleinen Zickzack-Anfahrt durch Funkhaus-Gänge, Funkhaus-Etagen am Ziel. Ein Platz am Regiepult gleich neben Tonmeister Stephan Schmidt ist reserviert. Kurze Begrüßung durch Redakteur Frank Kämpfer, dann werden schon die Kopfhörer gereicht, und im Handum­drehen ist das lästige Handicap vergessen, mit dem sich Ursula Mamlok herumschlagen muss. Denn was jetzt kommt, geht sie an. Unmittelbar. Kurz fällt ihr Blick auf die Monitore, dann bleibt er hängen in den Noten. Achtung, Aufnahme läuft!

„Es blüht ein Garten / der Verwerfung nahe“

San Matteo, California, USA. – Wann genau es war, daran kann sich Ursula Mamlok nicht mehr erinnern. Es muss in den Achtzigern gewesen sein, als die Mamloks allmählich gewahr werden, dass ihr Sommerhaus gefährlich nah am San Andreas Fault steht, der tektonischen Verwer­fung des San-Andreas-Grabens. Daher das Grummeln, wenn sich die Kontinentalplatten millimeterweise gegeneinander verschieben. Dann klirren die Scheiben, und auch der Schreibtisch wandert da schon mal durchs Zimmer. Zurück bleiben Risse in den Wänden und die Frage: Sind dies die Vorboten des großen Crashs? Schwer zu glauben für die Hausherrn, wenn sie auf die Idylle schauen, die ihr kleines Ferienparadies dem Auge bietet. Nur, dass solcher Idylle in San Matteo letztlich nicht zu trauen ist, was bei Ursula und Dwight Mamlok eine Art Déjà-vu-Erlebnis auslöst. Ein ums andere Mal appelliert die Komponistin ans literarische Talent des Ehemanns. Gern hätte sie für ihre Kompositions­werkstatt ein paar Gedichte, die diese zwiespältige Erfahrung zusammenfassen. Dwight schreibt sie – in seiner deutschen Muttersprache – und hilft so, einen tönenden „Andreasgarten“ anzulegen, ohne das Abgründige des namensgleichen Grabens unter den Tisch fallen zu lassen. Einerseits heiterer Grundton: „Baum“ und „Tau“, „Kolibri“, „Libelle“, „Taubenflug“, „rote“ Mittagssonne, „geister-heller“ Nachtmond. Auf der anderen Seite transportiert ein Subtext die Ahnung, dass all dies, und zwar auf einen Schlag, buchstäblich versinken kann. Es ist diese Spannung, die Ursula Mamlok Musik werden lässt. Ihr „Andreasgarten“ für Flöte, Harfe, Mezzosopran beschwört post-impressionistische Naturstimmung, in der sich die Sängerin immer wieder zur Sprechstimme abdunkelt: Die Existenz bleibt gefährdet. Ein Umstand, der den Mamloks nicht unbekannt ist.

Woraus das Leben ist

Im Leben von Ursula und Dwight Mamlok – 1923 kommen sie beide zur Welt – liegt die Parallele dazu auf der Hand. Was die Natur als verstörende Gleichzeitigkeit von Graben und Garten, von fault and garden parat hält, das widerfährt ihnen Jahrzehnte zuvor als Einbruch einer wild gewordenen Gesellschaft ins private Lebensglück. Die Zivilisation versinkt, die Barbarei tritt hervor. Die deutschen Juden lernen, Weimar auf Buchenwald zu buchstabieren. Ganz schnell müssen jetzt auch die Berlinerin Ursula Meyer-Lewy und Dieter Mamlok in Hamburg erwachsen werden. Wobei der Umstand, dass sie Juden sind, hätten sie, weil allen Bräuchen entwöhnt, so Ursula Mamlok heute, „erst durch Hitler“ erfahren. Wahrheit und Sarkasmus. 1939, in letzter Minute gelingt die Flucht. Ein Kindertransport bringt Dieter Mamlok nach Schweden, ein Überseedampfer Ursula und die Eltern nach Ecuador. Da sind sie sechzehn und wissen noch nichts voneinander. Erst 1947 lernen sie sich in San Francisco kennen und lieben. Da liegt er schon hinter ihnen, der Graben, der sich aufgetan und ihnen die Erfahrung nicht erspart hat, in den Abgrund schauen zu müssen. Dagegen freilich steht die andere Erfahrung: aufgenommen zu werden. Graben und Garten. Daraus, aus beidem, ist das Leben der Mamloks gewoben.

Stationen

Berlin, Herbst 2010. – Mit dem Lift ins fünfte Stockwerk des Tertianum, dem vis-à-vis zum KaDeWe gelegenen hochnoblen Seniorenheim, auf den ein Allerweltsname wie dieser eigentlich nicht recht passen will. Es dauert etwas, bis Ursula Mamlok die Tür geöffnet hat. Der Gehwagen, den sie braucht, ist ihr Tribut ans Alter. Fast alles andere geht gut. Manches sogar sehr gut. Die Erinnerung, das Sprechen vor allem. Am liebsten spricht Ursula Mamlok über ihr Leben, über dessen Haarnadelkurven, über die Stationen und Menschen, denen sie begegnet ist, die auf die eine oder andere Weise zu Bündnis­partnern geworden sind auf ihrem Weg. Immer wieder überrascht sie dabei ihr Gegenüber mit der geschliffenen Präzision, mit der sie die Namen, die Ereignisse aufruft. Und mit ihrem Witz. Wie es ihr ergangen ist, als sie als ganz junges Mädchen nichts anderes als Komponistin hat werden wollen, wie sie mit neun Jahren („Viel zu spät!“, beklagt sie heute) mit dem Klavierspielen angefangen hat („Ach Gott, die Stücke kann ich auch selber schreiben!“), wie sie an der Hand der Mutter bei den ins Auge gefassten Lehrern die denkwürdigsten Erlebnisse hatte („Dieses wunderbare Kind!“, hört sie Gustav Ernest über sie sagen). Und wie sie bis buchstäblich kurz vor der Ausreise (diesen 11. Februar 1939 vergisst sie nicht) noch Noten schreibt, wie sie von der Exilstation Guayaquil in Ecuador („Nightmare!“) dank einer US-amerikanischen Zufallsbekannt­schaft in einem Zugabteil auf der Fahrt nach Prag Jahre später tatsächlich in eine „Family made in USA“ kommt, nur um dort den Satz zu hören, „I hate classical music!“. Über das Absurde gerade dieser Situation – Gerettet und doch im Schlamassel – darüber kann Ursula Mamlok noch heute Tränen lachen, nur um von dort zur nächsten story zu eilen. Immer wieder, eine Herzensangelegen­heit, zu Gustav Ernest, dem bis heute hochverehrten Lehrer, weiter zu George Szell, der alles konnte, alles wusste, nur nicht, wie man Damen die Tür aufhält, und weiter zu prominenten Komponisten wie Stefan Wolpe, den Ursula Mamlok vor allem als einen von sich eingenommenen Menschen erfährt. – Geschichten, die jede für sich mit Elan, mit Tempo, mit „lebhaftem Ausdruck“ vorgetragen werden, als seien sie ers-tens soeben passiert und als wetteiferten sie zweitens ums Erzähltwerden: Ich zuerst! Dabei ist das rote Band in all diesen Verästelungen einer Emigration in jedem Moment klar erkennbar. Nicht umsonst steht mitten in ihrer schönen Tertianum-Wohnung dieser schwarzpolierte Bechstein. Dazu stapelweise aufgeschlagene, herumliegende Noten. Keine Frage: Hier verstellt kein Deko-Möbel den Weg, hier steht ein Gebrauchs-Instrument, auf dem Ursula Mamlok bis heute spielt. Ihren Brahms, ihren Chopin – und, natürlich, die eigenen Kompositionen. Gerade sitzt sie über einem Klavier-Stück zu vier Händen. Eine Anfrage aus Amerika. Überhaupt: Es mehren sich in den letzten Jahren die Mamlok-Aufführungen – in Berlin wie andernorts, was ihr indes keineswegs reicht: Vier-, fünfmal im Jahr lädt Ursula Mamlok zu musikalischen Vortragsabenden in den Tertianum-Clubraum – wo dann vor größerem, auch auswärtigem Publikum ihr Baldwin-Flügel zum Einsatz kommt. Eben der, den sie 2006 aus New York mitgebracht hat.

Wirkliche Musik

Noch so ein Wendejahr im Leben der Ursula Mamlok. Nach dem Tod des Ehemanns kann sie einen Schritt wagen, den Dwight nicht gehen konnte, nicht gehen wollte. Jetzt fühlt sie sich frei, definiert sich kurzerhand von der Emigratin zur Remigrantin – auch eingedenk des Umstands, dass das Leben in New York beschwerlich geworden ist, dass sie die alten Freunde mehr und mehr aus den Augen verliert. Ein Moment, in dem sie das Interesse bemerkt, das sich im alten Europa regt. Neue Freunde, vor allem Freundinnen wie die Musikwissenschaftlerin und Rundfunkautorin Bettina Brand, treten in ihr Leben, initiieren entsprechende Projekte. Endlich steht der Entschluss fest. Ursula Mamlok kehrt zurück – ganz unsentimental, nüchtern-abwägend, aber doch mit Erwartungen, mit Hoffnungen in und an ein Umfeld, das der Entfaltung, der „Ernte“ in bestem Sinn entgegenkommen möge. Und, finanziell unabhängig geworden, macht sie nun wieder das, was sie überhaupt immer gemacht hat und schon immer machen wollte, seitdem sie als junges Mädchen angefangen hat, Musik aufzuschreiben. Nicht diese blöden Schlager, die sie beim Onkel hört, sondern „wirkliche“ Musik, wie sie sagt. Kennengelernt hat sie die, da war sie wirklich noch ein Kind, über das Grammophon einer Cousine, die die „Kleine Nachtmusik“ laufen lässt. Ein Augenblick, in dem Ursula Mamlok ihre künstlerische Heimat entdeckt. „Dies ist meine Musik! Die muss ich hören und schreiben!“ Aber: Die Fähigkeit dazu muss sich Ursula Mamlok überhaupt erst einmal erwerben und das immer wieder neu, einschließlich einer völligen Neuorientierung in den 60er-Jahren, wo sie der tonalen Musiksprache den Rücken kehrt. Ein Ereignis, das ausgelöst wird durch die Erfahrungen am Emigrantentreffpunkt „Black Mountain College“ der University of North Carolina. Denkwürdig die Begegnungen mit Eduard Steuermann (ihrem Klavierlehrer), mit Rudolf Kolisch, Ernst Krenek. Noch einmal alles neu lernen, neu sehen. Noch einmal, mit ganz neuen Ohren in die Konzerte gehen.

Und jetzt, Jahre später sind zu den Konzertsälen im Leben der Ursula Mamlok die Aufnahmestudios dazu­ge­kommen. Transkontinentale Kooperationen zwischen amerikanischem Label und Produzenten wie dem Kölner Deutschlandfunk machen es möglich. So also findet sich die Komponis­tin im November 2010 im Regieraum des Deutsch­landfunk Kammermusiksaals wieder. Den Kopfhörer umgelegt, die Noten vor, den Tonmeister ihrer im Entstehen begriffenen neuen CD-Produktion neben sich, bekommt sie zugespielt, was das Berliner Sonar Quartett, was das Kölner Ensemble musikFabrik aus ihren Partituren machen. Und da ist es dann wieder, dieses Leuchten in den Augen der Ursula Mamlok. Wie sich die jungen Leute reingehängt, wie sich vorbereitet hätten – das beeindruckt, ­bewegt sie. Und dass es Orte gibt wie diesen, in Gang gesetzt, in Gang gehalten von Musikredakteuren, die sich dem Entdecken verschrieben haben, dem zu Unrecht Vergessenen. Schöner kann Aufgenommen­werden nicht sein.

Musik von Ursula Mamlok auf CD
Vol I., Chamber works (Bridge Records 9291)
Vol II., Chamber works (Bridge Records 9293), u.a. Der Andreasgarten

  • Sonderausstellung und Konzertreihe „Von den Nazis verfemte Komponisten: verdrängt, vertrieben, ermordet“ des Förderkreises „Denkmal für die ermordeten Juden Europas e.V.“ in Kooperation mit dem Förderverein „musica reanimata  Berlin, Cora-Berliner-Straße 2 (1. OG), täglich 11 bis 17 Uhr :
  • Sonntag, 3.4.2011, 19 Uhr: Berlin – New York – Berlin: Komponistinnen-Portrait Ursula Mamlok (Bettina Brand im Gespräch mit der Komponistin)
  • Freitag, 15.4.2011, 19 Uhr: Das verdächtige Saxophon – Moderation: Albrecht Dümling

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