Deutscher Kulturrat stellt die K-Frage

Olaf Zimmermann im nmz-Gespräch über den Aktionstag „Kultur gut stärken“ am 21. Mai 2011


(nmz) -
Der Deutsche Kulturrat ruft bundesweit zum „Tag für Kulturelle Vielfalt und gegen Kulturabbau“ auf. Am 21. Mai 2011 sollen unter dem Motto „Kultur gut stärken“ im gesamten Bundesgebiet Aktionen, Veranstaltungen, Lesungen, Konzerte, Ausstellungen, Aufführungen, Demonstrationen, Protestaktionen und vieles andere mehr stattfinden. Die neue musikzeitung sprach mit Olaf Zimmermann, Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates, über den neuen Aktionstag.
Ein Artikel von Andreas Kolb, Olaf Zimmermann

neue musikzeitung: Es gibt den Tag der Muttersprache, den Tag gegen Gewalt an Frauen, den Tag der offenen Tür und eine Vielzahl anderer, teils kurioser Tage wie etwa den Tag der Jogginghose. Am 21. Mai findet zum ersten Mal der Aktionstag „Kultur gut stärken“ statt. Warum braucht es einen neuen Aktionstag?

Olaf Zimmermann: Zuerst einmal möchte ich betonen, dass wir keinen neuen Tag erfunden haben. Der 21. Mai ist ohnehin der Internationale Tag der Kulturellen Vielfalt. Wenn Sie so wollen, versuchen wir nur, diesen Internationalen Tag der Kulturellen Vielfalt ein wenig aufzupeppen, indem wir an diesem Termin den Aktionstag „Kultur gut stärken“ veranstalten. Wir wollen kulturelle Vielfalt zeigen und nicht mehr nur ständig über den Abbau von Kultur lamentieren. Es geht um die verschiedenen kulturellen Angebote in allen künstlerischen Bereichen, der Musik, der Literatur, der Bildenden Kunst, in den großen Institutionen, aber auch bei den Künstlern und in den Vereinen vor Ort.

nmz: Der Kulturrat beschreitet mit dem Aktionstag einen neuen Weg. Sind die alten Mittel des Kulturlobbyings denn nicht mehr wirkungsvoll genug?

Zimmermann: Ich erhoffe mir vom Aktionstag „Kultur gut stärken“ eine Erweiterung der Handlungsmöglichkeiten. Bislang haben wir die vielfältigen Strukturen des Kulturrates nie wirklich genutzt. 234 Bundeskulturverbände aus allen künstlerischen Bereichen zählen zu unseren Mitgliedern. Diese Bundeskulturverbände wiederum haben in der Regel Landesverbände, Bezirksverbände, Kreisverbände, Ortsverbände. Das sind tausende von Vereinen und Initiativen! Aber bei den Fragen, die wir bisher behandelt haben, haben wir sozusagen organisatorisch immer nur an der Oberfläche gekratzt. Unser Weg ist etwas Neues für den Deutschen Kulturrat, aber wenn es funktioniert, werden wir uns im Kulturbereich insgesamt besser positionieren können.

nmz: Wer ist denn Ihre Zielgruppe am Tag „K“? Die Politik? Das Publikum? Wandelt sich der Kulturrat vom Lobbyisten zum Aktionisten und Veranstalter?

Zimmermann: Unser Ziel ist sicherlich eine Erweiterung der Zielgruppe. Bisher bieten wir als Lobbyisten letztendlich eine unmittelbare Politikberatung hauptsächlich für Bundestagsabgeordnete und für Mitarbeiter in den Ministerien. Unsere Adressaten sind jetzt auch die Menschen in Deutschland, die sich dafür einsetzen wollen, dass die Vielfalt an Kultur auch in der Zukunft erhalten bleibt. Die Unterstützung in der Bevölkerung ist sogar der entscheidende Punkt. Wir, die wir unmittelbar im Kulturbereich arbeiten und unmittelbar in diesen Strukturen verwoben sind, werden das nicht alleine schaffen können. Wir werden uns alleine nicht erfolgreich gegen einen weiteren Kulturabbau zur Wehr setzen können, wenn die Masse der Bevölkerung der Meinung ist: „So wichtig ist die Kultur doch gar nicht“. Deshalb halte ich es für bedeutend, dass wir die Vielfalt der Kultur zeigen, und hoffe, dass unsere Begeisterung auf die Bevölkerung überspringt. Dies hätte obendrein auch große Wirkung im politischen Bereich.

nmz: Ist der Aktionstag ein Tag, mit dem man die Schwachstellen aufzeigen oder aber vielmehr aufgrund von kulturellen Darbietungen eine neue Begeisterung wecken will?

Zimmermann: Der Aktionstag ist ein Tag, der die kulturellen Stärken zeigen soll. Wir sind nur mit Hilfe der Bevölkerung imstande, die Kultur zu schützen. Deshalb ist dieser Aktionstag letztendlich auch ein Tag, um das zu zeigen, was beschützt werden soll. An einigen Orten wird man trotzdem auch auf die Probleme hinweisen müssen. Gerade in den letzten zwei Jahren haben wir gesehen, dass überall dort, wo Kultur abgebaut werden sollte und wo die Menschen laut protestiert haben, sie auch erfolgreich waren. Kultur wird nur dort abgebaut, wo sich die Bevölkerung eben nicht für die Kultur einsetzt.

nmz: Brauchen wir den kulturellen „Wutbürger“?

Zimmermann: Natürlich ist es sehr positiv, dass die Menschen sich immer mehr für ihre Anliegen einsetzen, dass wir in einer sich entfaltenden Zivilgesellschaft leben, die sich auch außerhalb der Vereins- und Verbandsstrukturen entwickelt. Das stellt für uns eine wichtige politische Veränderung dar, über den wir uns klar werden müssen. Wir werden das nicht mehr alleine in unseren Verbandsstrukturen regeln können, sondern müssen auch diejenigen mit einbinden, die nicht in Vereinen und Verbänden aktiv sein wollen.

nmz: Welche Rolle werden Internet und soziale Netzwerke spielen?

Zimmermann: Uns liegen bereits jetzt Bestellungen von fast 20.000 Plakaten vor, mit denen in Kultureinrichtungen auf den Aktionstag hingewiesen werden soll. Ein altes, aber immer noch sehr erfolgreiches Mittel, um Öffentlichkeit zu schaffen. Ab Anfang März wird im Internet außerdem der Blog www.kulturstimmen.de zur Verfügung stehen. Dort wird man die verschiedenen Aktionen sehen und kommentieren können. In einer Art Werkzeugkasten wird man die Möglichkeit haben, sich Materialien herunterzuladen, um seine eigene Aktion leichter durchzuführen. Selbstverständlich werden wir auch auf Facebook und Twitter aktiv sein, so dass ich die Hoffnung habe, das Neue und das Alte gleichermaßen einsetzen zu können, um für diesen Aktionstag eine Öffentlichkeit zu schaffen.

nmz: So eine groß angelegte Kampagne ist bekanntlich nicht umsonst. Ist für die Akquise der benötigten Mittel der Kulturrat zuständig, oder sind es die einzelnen Teilnehmer?

Zimmermann: Hierbei gibt es zwei verschiedene Ebenen. Um das, was vor Ort geschieht, müssen sich die Akteure dort selbst kümmern. Was wir jedoch in Kooperation mit der Kulturstiftung des Bundes zur Verfügung stellen, sind Materialien für die Öffentlichkeitsarbeit. Wir stellen außerdem den virtuellen Kommunikationsraum zur Verfügung, den Blog. Eine ganze Reihe von Verbänden aus dem Kulturbereich unterstützt uns mit finanziellen Mitteln. Somit sind wir in der Lage, diese Dienstleistung für die Veranstalter vor Ort anzubieten, damit sie über ihre Verbände (zum Beispiel im Bibliotheks- oder im Musikschulverband) auf Werbematerial zurückgreifen können. Das alles wird bei Bestellung über die Fachverbände kos­tenlos zur Verfügung gestellt. Selbst die beiden Kirchen sicherten bereits ihre Unterstützung zu und werden die Materialien verteilen.

nmz: Was ist konkret für den 21. Mai geplant?

Zimmermann: Es gibt eine große Bandbreite an Aktionen. Das geht von einem Tag der offenen Tür, über Demonstrationen bis hin zu Präsentationen und Kunstaktionen. Dabei gibt es von unserer Seite keinerlei Vorgabe. Es werden große Einrichtungen dabei sein, die sich beteiligen, aber auch einzelne Künstler, die an diesem Aktionstag ihr Atelier öffnen wollen, damit man sie bei der Arbeit beobachten kann. Das Spannende ist vor allen Dingen auch, dass es keine geregelten Strukturen gibt; eben keinen Masterplan unter dem Namen „Kulturveranstaltungen in Deutschland“.

nmz: Ist bereits an eine jährliche Wiederholung gedacht?

Zimmermann: Wenn die Veranstaltung erfolgreich ist, liegt es auf der Hand, sie zu wiederholen. Warten wir also den 21. Mai ab. Im Moment liegen uns viel mehr Anfragen vor, als ich mir vor einigen Wochen noch erträumt hatte.

nmz: Welches Feedback nach dem Aktionstag wünschen Sie sich für die Struktur des Kulturrates?

Zimmermann: Ein Teil der Wirkungen hat schon begonnen. Auf einmal melden sich sehr viele Menschen aus unseren Mitgliedsverbände bei uns, die bisher noch nicht in Erscheinung getreten sind, um mit uns zu sprechen. Ich hoffe, dass diese Menschen sehen: Dieser Kulturrat in Berlin besteht nicht aus verschrobenen Funktionären oder Lobbyisten, die weitab von Gut und Böse sind.

Das Gespräch führte Andreas Kolb

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