Die Marke heißt Entdeckerlust

Christine Fischer, künstlerische Leiterin des World New Music Festivals, über Marketing und Neue Musik


(nmz) -

Neue Musik ist schwer zu vermarkten. Musik der Jahrhunderte und auch das World New Music Festival (WNMF) sind jedoch zwei Beispiele für Veranstalter, denen das besonders gut gelingt. Die neue musikzeitung fragte Christine Fischer, künstlerische Leiterin des WNMF und Geschäftsführerin von Musik der Jahrhunderte, nach ihrer Marketingstrategie.

Ein Artikel von Interview: Andreas Kolb.

Ausgabe: 
9/06 - 55. Jahrgang

neue musikzeitung: Im Gegensatz zu Festivals wie den Salzburger Festspielen, dem Beethovenfest Bonn oder dem Menuhin Festival in Gstaad können Sie nicht mit einem prominenten Musiker als Marke auftreten. Das, was Sie produzieren, ist neu, ist immer zum ersten Mal. Wie gehen Sie damit um?
Christine Fischer: Genau das ist die Marke: Man muss die Menschen dafür begeistern, etwas bei sich selber zu entdecken. Im Grunde muss man ihnen klarmachen, dass sie einen ganz persönlichen Gewinn daraus ziehen, wenn sie sich mit Neuer Musik beschäftigen. Genau diese Entdeckerlust wollen wir als Marke prägen.

neue musikzeitung: Vermittlung ist da ein wichtiges Marketing-Element?
Christine Fischer : Es geht nicht ohne Vermittlung. Das Wichtigste ist, an der Rezeptionshaltung anzusetzen. Musik hat vielleicht von allen Künsten das höchste Identifikationspotential. Viele empfinden Musik als etwas Persönliches, das einen in alle möglichen emotionalen Zustände begleitet. Ich halte es für die wichtigste Aufgabe im Vermittlungsprozess klarzumachen, dass die Rezeption von Neuer Musik zunächst ganz andere Kriterien anspricht. Es geht nicht primär darum zu entscheiden, wie sehr die Musik einem gefällt, sondern es gefällt der Prozess, sich mit der Sache auseinanderzusetzen, es gefällt, das Abenteuer zu erleben, es gefällt, sich auf Neuland zu bewegen, auch auf unsicherem Neuland zu bewegen und immer sicherer zu werden in einer Beurteilung. Das ist es, was man vermitteln muss. Wenn das gelungen ist, und das gelingt uns immer wieder, dann ist unglaublich viel bewegt – und meist ändert sich übrigens auch die Rezeptionshaltung gegenüber traditioneller Musik.

neue musikzeitung: Das wichtigste Mittel der Vermittlung ist natürlich das Konzert, die Aufführung, nichtsdestotrotz haben Sie einen ganzen Strauß von Vermittlungsforen entwickelt. Es gibt Meisterkurse für Hörer, Schulkooperationen und so weiter.
Christine Fischer : Wir haben vor allem unser Projekt „CLASH“, das ist ein sehr umfangreiches Vermittlungsprojekt, das sich an Schüler aller Schularten richtet. Der Jugendkongress N[you], der auf diesem Konzept basierte, war ein wichtiger und umfangreicher Bestandteil des World New Music Festivals.Ähnliche Formen haben wir für Erwachsene entwickelt. Dabei richten wir uns mit Afterwork-Veranstaltungen an bestimmte Berufsgruppen. Wir haben bereits mit Architekten gearbeitet, mit Straßenbahnern, mit Lektoren, mit Bankern.Dann haben wir die Meisterkurse für Zuhörer, die Reihe „1 und 1“. Das ist eigentlich ein ganz elitäres Projekt, wo die Interpretation Neuer Musik der verbalen Interpretation gegenübergestellt wird. Es gibt zwei Vorträge, nämlich ein Solokonzert und einen Wortvortrag, der nichts mit der Musik zu tun hat, sondern sich um etwas ganz anderes dreht. Damit verändert sich auch die Rezeptionshaltung gegenüber der Musik.

neue musikzeitung: Wieviel Prozent verschlingt das Marketing vom Gesamtbudget?
Christine Fischer : Ich habe beim World New Music Festival ungefähr fünf Prozent des Budgets für Werbung eingesetzt. Wenn ich die Kosten für das Personal noch mitrechne, sind es vielleicht sieben Prozent.

neue musikzeitung: Also eigentlich eine überschaubare Größenordnung.
Christine Fischer : Ich denke, dass wir unser Marketing sehr zielorientiert, sehr synergetisch und punktgenau betreiben.

neue musikzeitung: Was ist punktgenaues Marketing?
Christine Fischer : Eine aufwändige Plakat- oder Fahnenwerbung, die sehr viel Geld gekostet hätte, haben wir nicht gemacht. Über Monate hinweg haben wir hauptsächlich mit Pick-ups geworben, das sind Postkarten, auf denen wir freche Kommentare mit echter Information verbunden, also ein plakatives Element mit dem Informativen kombiniert haben. Damit haben wir vor allem die Highlights des Festivals beworben.

neue musikzeitung: Beginnt das Marketing nicht schon beim Kompositionsauftrag?
Christine Fischer : Mit dem Komponisten zusammen zu überlegen, was er macht und wo und für wen, hängt natürlich schon mit Marketing zusammen, aber dies ist für mich nicht primär ein Marketingaspekt, sondern ein inhaltlicher. Und wenn ein Künstler auf mich zukommt, der etwas geschaffen hat, das mich beeindruckt, versuche ich eben, einen Markt dafür zu finden. Wenn wir aber gezielt einen Auftrag erteilen, dann weiß ich normalerweise auch, wo wir das Stück spielen.

neue musikzeitung: Welche Rolle spielen in Ihrem Marketing-Konzept die Sponsoren, die Förderer, die Mäzene?
Christine Fischer : Beim World New Music Festival machte das Sponsoring ungefähr ein Drittel der Finanzierung aus. Es ist allerdings wesentlich einfacher, Sponsoren für ein solches einmaliges Großereignis zu finden als für ein jährlich wiederkehrendes wie das Festival ECLAT. Aber auch für ECLAT muss Sponsoring künftig eine größere Rolle spielen, insbesondere weil der SWR sich dort zurückzieht.

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