Die Probleme sind auf dem Tisch
Zur Konferenz der „International Artist Managers’ Association“ (IAMA)
Ein Artikel von Paul Bräuer.
Nachdem die klassische Musik als Wirtschaftszweig schon lange unter Druck steht, scheint die Schockstarre sich allmählich zu lösen: befreiter als zuletzt, die Stimmung auf den Fluren des Berliner Konzerthauses bei zahllosen Vier-Augen-Meetings – dem informellen Kern dieser Netzwerkkonferenz. „Vor zwei, drei Jahren hörte man noch überall Klagen, mittlerweile herrscht wieder eine Aufbruchsstimmung“, so Cornelia Schmid, Geschäftsführerin der gleichnamigen Konzertdirektion und Vorsitzende des Organisationskomitees der Konferenz, gegenüber der nmz.
Mit der Einladung von Jochen Sandig als „Keynote-Speaker“ wurde auch gleich nahe gelegt, wohin es aufzubrechen gilt. Aus der Tanzszene quer einsteigend hat der junge Geschäftsführer sein „Radialsystem V“, einen flexibel gestaltbaren Veranstaltungsort an der Spree, unter anderem mit Nachtkonzerten oder Orchester-Choreografien etabliert. Euphorisch warb Sandig für ein „unternehmerisches Denken“, welches Kreativ- und Finanzarbeit verzahnt und anstatt auf Fördergelder lieber auf das innovative Potenzial von Publikum und Künstlern setzt. Solche kreativen Forderungen fügen sich ein in Tendenzen des Konzertmarktes. Neben der populären Starbranche boomen Nischenangebote wie Alte Musik und eben neuartige Darbietungsformen, etwa auch auf sommerlichen Festivals, deren Vertreter entsprechend gefragt waren.
Doch mit diesen Entwicklungen fangen die Probleme erst an, wie sich während der Diskussionsrunden der Konferenz zeigte. Deren offizielles Motto lautete „Reaching Out“ – man ahnte wohl, dass die Fähigkeiten zur Handreichung allenthalben noch wenig ausgebildet sind. Verfechter seriöser Entschleunigung machten die Realitätsferne der Hochschulen als Grund für zu ehrgeizige Solokünstler aus und beklagten die fehlende Nachfrage nach charakterlich geschulten Künstlern bei den neuen großen Häusern sowie bei populären „Klassik-Events“. Deren Vertreter wehrten sich gegen den Vorwurf, bloß abzuschöpfen und sahen sich lieber als Botschafter der Klassik. So erfreulich es ist, wenn den Akteuren die Kunst scheinbar noch am Herzen liegt: zu Lösungen beitragen konnten solch pauschale Schuldzuweisungen nicht. Leider wurden allerdings Innovationen wie „Education“-Projekte, lokale Profilbildung von Konzerthäusern oder Vermarktungsformen im Internet eher mit biederer Einstimmigkeit abgehandelt, während über Anna Netrebko viel mehr gestritten wurde, als es ihr – künstlerisch wie wirtschaftlich – zustünde.
Die Schieflage ist kein Zufall. Noch zu schmerzhaft ist der Branche die wirklich dringende Frage der Mengenverhältnisse, weckt sie doch berechtigte Existenzängste angesichts eines langfristig sich verringernden Publikums und des für Krisenzeiten typischen institutionellen Wandels. Wie sehr und wie präsent braucht die Klassik Stars oder Außergewöhnliches? Und wie viel Basis an Stadttheatern, traditionellen Abonnementreihen et cetera braucht es entsprechend? Und ist es schließlich nicht wahrscheinlich, dass die Kunst in neuer Zusammensetzung bestehen bleibt, der Wirtschaftszweig aber insgesamt schrumpft? Diese Möglichkeit bleibt auf einer Konferenz von Agenten und Managern wohl notwendigerweise ein Tabu.
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