Die Zivilgesellschaft hat die Ärmel hochgekrempelt: Italiens „Sistema“ – rund 5.000 Kinder in 20 Musikzentren aufgenommen


(nmz) -
Mit sichtlicher Freude hört Claudio Abbado einem riesigen venezolanischen Kinderorchester zu, das temperamentvoll Arturo Márquez‘ Ohrwurm „Danzón No. 2“ spielt. Zum Schluss hält ihn nichts mehr auf seinem Sitz. Er läuft auf die Bühne zu, wirft den Musikern Kusshände zu und dankt ihnen mit einer symbolischen Umarmung. Die bewegende Szene aus Cristiano Barbarossas preisgekröntem Dokumentarfilm „A Slum Symphony“ zeigt, wie inspirierend junge Musiker auf den großen Dirigenten wirken.
Ein Artikel von Corina Kolbe

Mit seinen europäischen Jugendorchestern überwand Abbado schon in früheren Jahren Grenzen und leistete einen wichtigen Beitrag zur Nachwuchsförderung. Dass Musik alle sozialen Barrieren überwinden kann, ist ihm jedoch nirgendwo so bewusst geworden wie in Venezuela, wo mittlerweile rund 400.000 Kinder und Jugendliche unterschiedlicher Herkunft in staatlich finanzierten Orchestern spielen. Mit Unterstützung von Abbado schlägt „El Sistema“ nun auch in seiner krisengeschüttelten Heimat Italien Wurzeln.

Als Abbado seine Vision im Frühjahr 2010 in einer populären Fernsehsendung erläuterte, hatten Musikpädagogen und andere Experten aus dem ganzen Land schon mit Planungen begonnen. Im folgenden November wurde das Projekt auf einer Tagung an der Scuola di Musica in Fiesole bei Florenz offiziell vorgestellt. Ziel ist es, auf regionaler Basis landesweit Kindern aus allen gesellschaftlichen Schichten unentgeltlich das gemeinsame Musizieren und Singen in Orchestern und Chören zu ermöglichen. Den massiven Kürzungen im Kultur- und Bildungsbereich zum Trotz versuchen Abbado und seine Mitstreiter nicht nur private, sondern auch öffentliche Mittel zu akquirieren, um mit vereinten Kräften einen Weg aus der Misere zu finden.

Als Gustavo Dudamel und das Simón Bolívar Sinfonieorchester kürzlich in der Mailänder Scala gastierten, nutzten die Organisatoren des italienischen „Sistema“ die Gelegenheit, um nach dem ersten Jahr eine durchaus positive Bilanz zu ziehen. Bislang wurden rund 5.000 Kinder in 20 Musikzentren („nuclei“) aufgenommen, die meist mit bestehenden privaten Musikbildungsprojekten kooperieren. Innerhalb von 3 Jahren sollen 250 Pädagogen gezielt auf die neuen Aufgaben vorbereitet werden. Staatspräsident Giorgio Napolitano hat die Schirmherrschaft über das Projekt übernommen, das auch von dem italienischen Städteverband ANCI und der Union der Provinzen UPI unterstützt wird. 

Instrumente sammeln

Auf Betreiben der Vereinigung „Milano Musica“ und ihres internationalen Partners „Music Fund“ wurden in Mailand mehr als 730 gebrauchte Instrumente gesammelt. Auch die Scala und die Stradivari-Stiftung in Cremona beteiligten sich an der Initiative „Costruire con la musica“. Das „Sistema“ in Italien hat einen Teil dieser Instrumente erhalten, die über den Music Fund in erster Linie an Bildungsprojekte in Entwicklungsländern gehen. Mitte Februar wird in Bari die zweite Sammelaktion stattfinden, an der sich auch die Stadt und die „Fondazione Teatro Petruzzelli“ beteiligen.

Roberto Grossi, Präsident des Kulturverbandes „Federculture“, macht allerdings keinen Hehl daraus, dass noch viele Hürden zu überwinden sind. Ein parteiübergreifender Gesetzentwurf zur Gründung einer Stiftung, die das Dach des nationalen „Systems der Kinder- und Jugendorchester und -chöre Italiens“ bilden soll, wurde von der damaligen Berlusconi-Regierung auf Eis gelegt. „Die Zivilgesellschaft hat daraufhin die Ärmel hochgekrempelt“, sagt Grossi. Das Orchestersystem wird inzwischen durch ein gemeinnütziges Komitee unter seinem Vorsitz verwaltet. Abbado und der Gründer des venezolanischen „Sistema“, José Antonio Abreu, sind Ehrenpräsidenten. Wie Grossi erklärt, gibt es in jeder Region je einen künstlerischen und einen administrativen Referenten, die dem Komitee regelmäßig über Fortschritte berichten. Zahlreiche Kommunen haben bereits Räume für die Musikgruppen zur Verfügung gestellt. In einem Ort in Apulien wird sogar eine ehemalige Diskothek genutzt, die früher der Mafia gehörte. 

 Netzwerk

Das Orchesternetzwerk nach einheitlichen Kriterien auf das gesamte Land auszudehnen, bleibt allerdings eine große Herausforderung. In wirtschaftlichen Krisenzeiten halten sich nicht nur die Behörden, sondern auch private Sponsoren mit finanziellen Zusagen zurück. Die Situation ist von Region zu Region unterschiedlich. Maria Majno, Projektkoordinatorin für die Lombardei und Verantwortliche für die internationalen Beziehungen des „Sistema“, lobt das große ehrenamtliche Engagement. „Wir arbeiten hier mit etwa 25 privaten Musikinitiativen zusammen. Alle haben bisher mit eigenen Mitteln ihr Spektrum erweitert, um die Kriterien des ‚Sistema‘ zu erfüllen.“ So werden beispielsweise nur Zentren anerkannt, in denen die Kinder mindestens vier Stunden wöchentlich zusammen musizieren. Wie in Venezuela soll das Singen und Musizieren das staatliche Bildungssystem ergänzen, das weder flächendeckenden Instrumentalunterricht noch soziales Lernen durch Musik bieten kann. Das Modell in Italien richtet sich an 3- bis 17-Jährige und setzt damit wie in dem südamerikanischen Land schon im Vorschulalter an. 

Die wichtigsten Partner in der Lombardei sind das Teatro Dal Verme und die „Fondazione Pasquinelli“. Zu den ersten Resultaten der „Sistema“-Aktivitäten zählt das „FuturOrchestra“, in dem die besten Schüler aus den Mailänder Musikzentren spielen. Es sei gewissermaßen die „Lokomotive“ des gesamten Projekts, sagt Majno. Das Orchester soll bald auch Kinder aus anderen Orten der Region aufnehmen. Im Chorbereich ist das Projekt „Coro SONG Lombardia“ geplant, das ebenfalls Begabte fördern will. 

Auch im strukturschwachen Süden Italiens pflanzen sich Abbados Ideen fort. In der Basilicata sind mittlerweile in drei kleinen Gemeinden Jugendorchester gegründet worden. Der künstlerische Projektleiter Giovanni Pompeo berichtet, dass Zuschüsse von den Kommunen und von der Regierung in Rom kommen. Auch die Schulen sind in das „Sistema“-Projekt eingebunden. „Kinder und Eltern haben begeistert darauf reagiert, dass Instrumente und Unterricht nichts kosten. So etwas hat es hier bis jetzt noch nicht gegeben.“

Die Musikzentren sollten vor allem an sozialen Brennpunkten entstehen, sagt Grossi. Auch die Integration der Kinder von Einwanderern sei ein wichtiges Anliegen, denn der Zustrom von Migranten nach Italien habe viele Ressentiments geschürt. „Wenn die Kinder gemeinsam mit Italienern musizieren, werden letztlich auch ihre Familien besser in die Gesellschaft aufgenommen. Ich hoffe, dass wie in Venezuela auch hier bald Elternorchester entstehen.“

Vivaldi in Venedig

Grossi beklagt, dass in Italien nicht nur das Interesse an klassischer Musik, sondern auch das Bewusstsein für deren soziale Dimension weitgehend verschwunden seien. „Vivaldi unterrichtete in Venedig Mädchen in einem Waisenhaus. Und in Neapel spielten schon im 17. Jahrhundert Orchester in Kirchen, auf Plätzen und bei Prozessionen. Diese Tradition wollen wir jetzt wiederbeleben.“

Dass sich auch soziale Organisationen inzwischen stärker an die Kultur annähern wollen, zeigte sich bei dem Benefizkonzert des Simón Bolívar Orchesters in der Scala. Die Einnahmen flossen dem „Progetto Arca“ zu, das Arme, Obdachlose und Asylsuchende betreut und sich mit Abreus Zielsetzungen identifiziert.

Brücken zur Gesellschaft

Abbado, der das Mailänder Opernhaus in seiner Zeit als Musikdirektor auch für Arbeiter und Studenten öffnete, schlägt mit seinem „Orchestra Mozart“ in Bologna ebenfalls Brücken zur Gesellschaft. Im Oktober 2008 führte er in einer Sporthalle Berlioz’ „Te Deum“ mit mehr als 600 Chorkindern auf, um ein Zeichen für besseren Musikunterricht an Schulen zu setzen. Das „Progetto Tamino“ des „Orchestra Mozart“ realisiert bereits seit 2006 in Zusammenarbeit mit Einrichtungen im Gesundheitssektor interaktive Musikprojekte mit kranken und behinderten Kindern. Jährlich erreicht „Tamino“ mehr als 300 junge Patienten. Abbado hat außerdem das Modell des venezolanischen Chors der Weißen Hände in Italien eingeführt. Gehörlose und schwer hörgeschädigte Kinder, die weiße Handschuhe tragen, ahmen die Bewegungen ihres Lehrers nach und erfahren Musik somit über Gebärden. Das von Abbado initiierte Orchesternetzwerk beginnt 2012 eine feste Kooperation mit Abreus „Sistema“, die unter anderem den Austausch von Lehrkräften vorsieht. Die Organisatoren hoffen indes auf weitere Zuschüsse und internationale Kontakte.

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