Doppelter Weltschmerz und kein Ende

Durch Binsenwahrheiten getrübt: eine Schubert-Biografie zum 175. Todestag


(nmz) -

Veronika Beci: Franz Schubert. Fremd bin ich eingezogen, Artemis & Winkler, Düsseldorf/Zürich 2003, 350 S., Abb., € 26,00, ISBN: 3-538-07151-9

Ein Artikel von Michael Kohlhäufl.

Schuberts „Winterreise“ nimmt kein Ende. Der unglückselige Wanderer zwischen Emanzipation und Resignation hat Chronisten der Moderne stets fasziniert. Nun verspricht eine zu Franz Schuberts 175. Todestag (19. November) erschienene Biografie, „einen neuen Blick auf das widersprüchliche Leben des ersten bürgerlichen Komponisten“ zu werfen.

Und genau das ist zu viel versprochen. Denn der von Veronika Beci beschrittene Weg, sich Schubert über sein Umfeld anzunähern, ist in den letzten Jahrzehnten in Literatur und Wissenschaft so häufig beschritten worden, dass Spötter behaupten, man wisse über Schuberts Lebenswelt mittlerweile mehr als über sein Werk.

Den zeitgeschichtlichen Hintergrund von Schuberts Weltschmerz, die Zerrissenheit seiner Generation zwischen holder Kunst und politischem Engagement wurde von mehreren Biografen bereits eindringlich vor Augen geführt. Vor allen Frieder Reininghaus und Friedrich Dieckmann haben gezeigt, wie sehr Idylle und Depression in der Musik des Biedermeier eng mit der politischen Repression im Zeitalter zwischen Romantik und Vormärz zusammenhängen. Becis kenntnisreiche Biografie illustriert dies einmal mehr.

Ihr gelingt es nicht nur, Schubert als Teil eines politisch bewegten Künstlerkreises darzustellen, sondern ihn im Besonderen als Geistesverwandten Heinrich Heines vorzuführen. So zeigt sie am Beispiel des „Schwanengesang“ eindrucksvoll, was man gerne auch über die im Buchtitel zitierte „Winterreise“ erfahren hätte: Wie sich nämlich „doppelter“ Weltschmerz in Text und Musik zu absoluter Negativität steigert.

Erhellendes über Politik und Weltanschauung in Schuberts Tonkunst wird oft jedoch durch Binsenweisheiten über Menschliches und Allzumenschliches getrübt: So distanziert sich Beci zwar von der psychoanalytischen Schubert-Forschung, übernimmt aber deren Hypothese von Schuberts Homosexualität. Ihre Stärke, das Einfühlungsvermögen, wird hier zur Schwäche, die Grenzen zwischen Dokumentation und Fiktion fließen. Die intuitiv gewonnenen „Erkenntnisse“ über Schubert als „Bohemien“ und Rebell lauten dann zum Beispiel so: „Typisch für sein jugendliches Alter revoltiert er gegen alles, was dem Vater viel bedeutet …“ Auch Schuberts Verhältnis zu dem Dichter Mayrhofer wird dahingehend geklärt, dass Schubert „schlicht für den Älteren schwärmte und zwar in jener typisch pubertären Mischung erotischer und idealistischer Annäherung.“

Ebenso irritierend wirken einige haarsträubende historische Vergleiche (unter anderem die Griechen als die Palästinenser des 19. Jahrhunderts). Auch ein angebliches Bild Beethovens, das ansonsten als Porträt Hölderlins geläufig ist, stimmt misstrauisch. Und dass als Schlusswort Robert Schumanns Aufsatz über Schuberts C-Dur-Symphonie dienen muss, weckt Zweifel daran, ob der Weg über Schuberts politisches Umfeld immer zu Schubert, dem Komponisten, führt.

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