Droge Langspielplatte

Vinyl boomt in Berlin wie nie seit den 80ern


(nmz) -

Ich bin ein Vinyl-Junkie und habe als solcher meine Existenzkrise bereits hinter mir. Das war Ende der 80er-Jahre, die Vertreter der Musikvertriebe kamen und gingen, aber niemand von ihnen konnte Neuerscheinungen auf Vinyl besorgen. Die hoffnungslose Zeit wurde nur durch sensationelle Ankäufe überbrückt, insbesondere wenn Sammler auf CD umstiegen und mir ihre Raritäten zu Schleuderpreisen überließen. Einmal konnte ich 16 seltene Mingus-LPs von einem Altfreak abstauben, unter anderem die damals hoffnungslos vergriffene „Mingus plays Piano“. Englische Lieferanten witterten als Erste die bestehende Marktlücke und zogen Mitte der 90er die Vinylproduktion neu an. Während aktuell die CD-Verkäufe in den Keller sinken, betrete ich bei meinem Berliner Rundgang freudestrahlend Fachgeschäfte randvoll mit Alben, LPs, Singles, EPs und 12“ Maxisingles.

Ein Artikel von Al Weckert.

In Neukölln erhalte ich den ersten heftigen Adrenalinstoß im DJ-Treff Soultrade (Sanderstraße). Der Laden ist derart voll mit Vinyl-Neuerscheinungen, dass man sich kaum bewegen kann. Verkauft wird HipHop, TripHop, Soul, House und Jazz – ungefähr in dieser Reihenfolge und in jeder denkbaren Kombination. Ich finde das psychedelische Cannonball Adderley Sternzeichen-Album „Soul Zodiac“ (1972, 2nd Hand) und kaufe dazu „Zodiac Blowfly“ (1978, Reissue), Sex-Orakel von Blowfly, dem Schweinepriester des Funk. Der Plattenverkäufer preist mir dazu das Freeform Arkestra „Metamorphosis“ (2003) als genialen Free Jazz an. Unter seiner Baseballkappe verwechselt er Free und Crossover, aber das Album nehme ich trotzdem mit. Anschließend spaziere ich in das zwei Straßen entfernte No Name Räkortz (Lenaustraße), wo es nicht so hip, aber dafür mit Trödler-Flair zugeht. Auch hier wieder ein Volltreffer! M’Booms „Collage“ von Max Roach (1984, 2nd Hand) wechselt in meinen Besitz über.

In der Bergmannstraße gibt es zwei Einzelhandelsrelikte aus den chaotischen 80ern. Im Logo entdecke ich die John Coltrane Live-LP „Afro Blue Impressions“ mit dem erschütternden Spiel von Elvin Jones zu „Cousin Mary“ (1977, 2nd Hand). Im halbdunklen MOT steht „Monster Movie“ von Can (1969, Reissue), den Vordenkern des außergewöhnlichen Versuchs. In der Zossener Straße begutachte ich im Scratch „Nana Mouskouri in New York“ (1962, Reissue), die ich stehen lasse, obwohl Quincy Jones ganze Arbeit geleistet hat. Dafür stecke ich den „Pink Panther“-Soundtrack von Henry Mancini (1963, Reissue) und „Sunrise over Brooklyn“ (2003), eine düstere 12“ EP aus dem zeitgenössischen New York von William Parker und Matthew Shipp mit einer Leerseite (!) ein.

Nebenan, in der verschlossen wirkenden Space Hall gibt es tonnenweise Elektronisches. Dem Jazzfan mit aufgeschlossenen Ohren kommt Refuse 73 „One Word Extinguisher“ (2003) und Fjd2 „Deadringer“ (2003) entgegen. HipHop mit experimentellem Charakter verkauft sich gut in der Szene. Hier erlebe ich auch meine erste herbe Enttäuschung. Doctor L „Monkey Dizzyness“ (2003) ist tatsächlich nur auf CD erhältlich. Schräg gegenüber im RAW stoße ich endlich auf die Matthew Herbert Big Band: „Goodbye Swingtime“ (2003), ein absolutes Muss.

Jetzt bin ich im Kaufrausch! Im Prenzlauer Berg in der Kastanienallee werde ich in der Station B von einem großen Packen Cinematic Orchestra „Man with a movie camera“ (2003) empfangen. Das Orchester hat zuletzt in der Volksbühne den gleichnamigen Film vertont und anschließend einen hinreißenden DJ-Set hingelegt. Jeder liebt sie, auch im OYE um die Ecke in der Oderberger Straße, wo ich den nächsten Kracher finde: Das Quantic Soul Orchestra entwickelt sich mit „Stampede“ (2003) von der DJ-Schiene zu einer Funkband mit Kultstatus zurück. Am Regal neben mir langt Christian Kellersmann, Jazzchef bei Universal, in die Kiste mit Brazil-Importen. Ich aber spare für das Finish.

Zurück in der Kastanienallee lasse ich meine letzten Cents im Laden mit der besten Second-Hand-Jazzauswahl. Im Da Capo finde ich Thelonious Monk „Genius of Modern Music Vol.2“ (1948) und Herbie Nichols „The Third World“ (1956) jeweils als Blue Note Reissue Second Hand und wirklich günstig. Mir tanzt Farbe vor den Augen, ich halte dicke amerikanische Pappe zwischen den Fingern. Die Cover sind kleine Kunstwerke und künden von großartiger Musik. Zurück zu Hause läuft der Rosarote Panther auf dem Kinderplattenspieler meiner Tochter und wir tanzen gemeinsam Freestyle zu den wahnsinnigen Bläsersätzen. Während CDs ihre Sammler schon nach zehn Jahren mit Datenverlusten im Stich lassen, wird sich diese Platte noch bei meinen Enkeln ohne Probleme im Kreis drehen.

Kommentar hinzufügen

Der Inhalt dieses Feldes wird nicht öffentlich zugänglich angezeigt.
CAPTCHA
Diese von Menschen zu lösende Aufgabe ist zur Vermeidung von Spam-Inhalten leider notwendig.
Bild-CAPTCHA
Geben Sie die Zeichen ein, die im Bild gezeigt werden.

Tags in diesem Artikel

Ähnliche Artikel

Erstaunliche Fülle, aufschlussreich reflektiert - Das Opernlexikon im Laaber-Verlag verbindet Werk-, Sach- und Personenartikel
01.02.2003 Ausgabe 2/03 - 52. Jahrgang - Rezensionen - Norbert Christen
Soundtracks
01.02.2003 Ausgabe 2/03 - 52. Jahrgang - Rezensionen - Viktor Rotthaler
Ein Traumberuf mit kleinen Tücken - Neues Handbuch: Praktische Tipps für angehende Künstler
01.02.2003 Ausgabe 2/03 - 52. Jahrgang - Rezensionen - Jeannine Hoppmann
Ein Leben im wilden Wirbel - Gisela Mays Erinnerungsbuch neu erschienen
01.02.2003 Ausgabe 2/03 - 52. Jahrgang - Rezensionen - Ursula Gaisa
Hör- und Lauschvermögen - Sieben Spielgeschichten für verschiedene Altersstufen
01.02.2003 Ausgabe 2/03 - 52. Jahrgang - Rezensionen - Ludger Kowal-Summek
Kaugummi-Blues und chinesische Drachen - Dreizehn kleine Kompositionen für Ensembles: leicht, aber oho…
01.02.2003 Ausgabe 2/03 - 52. Jahrgang - Rezensionen - Marion Mirwald
Die großen Herren der Bühne - Live-Konzerte von Tom Jones und Hermann van Veen auf DVD
01.02.2003 Ausgabe 2/03 - 52. Jahrgang - Rezensionen - Ursula Gaisa