Droge Langspielplatte
Vinyl boomt in Berlin wie nie seit den 80ern
Ein Artikel von Al Weckert.
In Neukölln erhalte ich den ersten heftigen Adrenalinstoß im DJ-Treff Soultrade (Sanderstraße). Der Laden ist derart voll mit Vinyl-Neuerscheinungen, dass man sich kaum bewegen kann. Verkauft wird HipHop, TripHop, Soul, House und Jazz – ungefähr in dieser Reihenfolge und in jeder denkbaren Kombination. Ich finde das psychedelische Cannonball Adderley Sternzeichen-Album „Soul Zodiac“ (1972, 2nd Hand) und kaufe dazu „Zodiac Blowfly“ (1978, Reissue), Sex-Orakel von Blowfly, dem Schweinepriester des Funk. Der Plattenverkäufer preist mir dazu das Freeform Arkestra „Metamorphosis“ (2003) als genialen Free Jazz an. Unter seiner Baseballkappe verwechselt er Free und Crossover, aber das Album nehme ich trotzdem mit. Anschließend spaziere ich in das zwei Straßen entfernte No Name Räkortz (Lenaustraße), wo es nicht so hip, aber dafür mit Trödler-Flair zugeht. Auch hier wieder ein Volltreffer! M’Booms „Collage“ von Max Roach (1984, 2nd Hand) wechselt in meinen Besitz über.
In der Bergmannstraße gibt es zwei Einzelhandelsrelikte aus den chaotischen 80ern. Im Logo entdecke ich die John Coltrane Live-LP „Afro Blue Impressions“ mit dem erschütternden Spiel von Elvin Jones zu „Cousin Mary“ (1977, 2nd Hand). Im halbdunklen MOT steht „Monster Movie“ von Can (1969, Reissue), den Vordenkern des außergewöhnlichen Versuchs. In der Zossener Straße begutachte ich im Scratch „Nana Mouskouri in New York“ (1962, Reissue), die ich stehen lasse, obwohl Quincy Jones ganze Arbeit geleistet hat. Dafür stecke ich den „Pink Panther“-Soundtrack von Henry Mancini (1963, Reissue) und „Sunrise over Brooklyn“ (2003), eine düstere 12“ EP aus dem zeitgenössischen New York von William Parker und Matthew Shipp mit einer Leerseite (!) ein.
Nebenan, in der verschlossen wirkenden Space Hall gibt es tonnenweise Elektronisches. Dem Jazzfan mit aufgeschlossenen Ohren kommt Refuse 73 „One Word Extinguisher“ (2003) und Fjd2 „Deadringer“ (2003) entgegen. HipHop mit experimentellem Charakter verkauft sich gut in der Szene. Hier erlebe ich auch meine erste herbe Enttäuschung. Doctor L „Monkey Dizzyness“ (2003) ist tatsächlich nur auf CD erhältlich. Schräg gegenüber im RAW stoße ich endlich auf die Matthew Herbert Big Band: „Goodbye Swingtime“ (2003), ein absolutes Muss.
Jetzt bin ich im Kaufrausch! Im Prenzlauer Berg in der Kastanienallee werde ich in der Station B von einem großen Packen Cinematic Orchestra „Man with a movie camera“ (2003) empfangen. Das Orchester hat zuletzt in der Volksbühne den gleichnamigen Film vertont und anschließend einen hinreißenden DJ-Set hingelegt. Jeder liebt sie, auch im OYE um die Ecke in der Oderberger Straße, wo ich den nächsten Kracher finde: Das Quantic Soul Orchestra entwickelt sich mit „Stampede“ (2003) von der DJ-Schiene zu einer Funkband mit Kultstatus zurück. Am Regal neben mir langt Christian Kellersmann, Jazzchef bei Universal, in die Kiste mit Brazil-Importen. Ich aber spare für das Finish.
Zurück in der Kastanienallee lasse ich meine letzten Cents im Laden mit der besten Second-Hand-Jazzauswahl. Im Da Capo finde ich Thelonious Monk „Genius of Modern Music Vol.2“ (1948) und Herbie Nichols „The Third World“ (1956) jeweils als Blue Note Reissue Second Hand und wirklich günstig. Mir tanzt Farbe vor den Augen, ich halte dicke amerikanische Pappe zwischen den Fingern. Die Cover sind kleine Kunstwerke und künden von großartiger Musik. Zurück zu Hause läuft der Rosarote Panther auf dem Kinderplattenspieler meiner Tochter und wir tanzen gemeinsam Freestyle zu den wahnsinnigen Bläsersätzen. Während CDs ihre Sammler schon nach zehn Jahren mit Datenverlusten im Stich lassen, wird sich diese Platte noch bei meinen Enkeln ohne Probleme im Kreis drehen.
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