Ehrenrettung für Lorenz unnötig

Zum DVD-Tipp „Wagner’s Mastersinger …“, nmz 3/09, S. 47


(nmz) -
In Ihrer Besprechung meiner Film-Dokumentation „Wagners Meistersänger – Hitlers Siegfried. Auf den Spuren von Max Lorenz“ zitieren Sie einleitend Jürgen Kesting: Max Lorenz sei ein „Parteigänger der Nationalsozialisten“ gewesen und sein Gesang hätte – dem Sinne nach – Nazirhetorik auf die Wagnerbühne übertragen. Sie drücken ferner vor diesem Hintergrund Ihr Bedauern darüber aus, dass kritische Stimmen im Film nicht zur Sprache kämen. Hierzu stelle ich fest: Die Behauptung von Jürgen Kesting entbehrt jeder seriösen Grundlage, da er sein drastisches Urteil mit keinem Wort begründet. Darüber hinaus ist er einer Bitte von meiner Seite um eine Stellungsnahme nicht nachgekommen. Das ist auch nicht verwunderlich, da es für die Aussage, Lorenz sei ein „Parteigänger der Nationalsozialisten“ gewesen, nicht den geringsten Beleg gibt. Es handelt sich somit um eine Denunziation – eine üble zudem –, wie sie in dieser Schärfe im Fall Lorenz seit dem Ende des Dritten Reiches bis dato unbekannt war. Tatsache ist, dass Max Lorenz von den Nazis verleumdet, angeklagt und wegen seiner jüdischen Ehefrau erheblich in Bedrängnis gebracht wurde, dass er ferner kein Parteimitglied war und – nach derzeitigem Kenntnisstand – nie bei einer Parteiveranstaltung aufgetreten ist.

Ausgabe: 
5/09 - 58. Jahrgang

Der Schnitzer von Kesting scheint allerdings kein Einzelfall zu sein.

Zumindest legt das der Fall des Sängers Herbert Janssen nahe, den Kesting noch im vergangenen Jahr in einer Buchveröffentlichung zum Nazigegner stilisierte: „1937 verlässt er Deutschland. Keiner zwingt ihn, im Gegenteil: Noch im Frühjahr ist ihm neben Kollegen, die Parteimitglieder waren, der Titel Kammersänger verliehen worden. Aber die Braunhemden waren ihm unerträglich“. – Tatsächlich war Janssen Mitglied der NSDAP (Nr. 3.912.155), hatte noch 1935 zum Auftakt des Reichsparteitags in Nürnberg auf der Bühne gestanden und Deutschland später keineswegs aus politischer Überzeugung den Rücken gekehrt.
Ihre Annahme, der Film hätte sich eine „Ehrenrettung“ von Max Lorenz zur Aufgabe gemacht, ist nicht richtig, da außer Jürgen Kesting meines Wissens seit 1945 niemand mehr öffentlich die Ehre von Max Lorenz in Frage gestellt hat.

Somit ist auch Ihr Vorwurf, keine „kritischen Stimmen“ miteinbezogen zu haben, haltlos. Dietrich Fischer-Dieskau etwa und René Kollo sind allgemein als kritische Zeitgenossen bekannt, und die jüdische Sängerin Hilde Zadek, die die Zeit des Dritten Reiches unter erniedrigenden Umständen im Exil verbringen musste, hätte sich mit Sicherheit „kritisch“ geäußert, wenn es dazu eine Veranlassung gegeben hätte. Abschließend möchte ich feststellen, dass eine Beteiligung von Jürgen Kesting (den ich generell durchaus schätze und seine Leistungen nicht in Abrede stelle) an dem Filmporträt über Max Lorenz entgegen der von Ihnen geäußerten Kritik aus den angeführten Gründen nicht zur Debatte stehen konnte.

Eric Schulz, Berlin

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