Ein Dorf voller Vorfahren im Genick
Unkonventionelles Festival: „Klangspuren“ in Schwaz/Tirol
Ein Artikel von Heike Lies.
Mit sinfonisch-klaren Interpretationen von Erkki-Sven Tüür („Insula deserta“, „Aditus“, „Magma“) und Giya Kancheli („Vom Winde beweint“) setzten das Tiroler Symphonieorchester Innsbruck (Leitung: Georg Schmöhe) und das Bruckner Symphonieorchester Linz (Dennis Russell Davies) mit dem Eröffnungs- und Abschlusskonzert sozusagen den klassischen Rahmen um die nordische Schiene der Veranstaltungsreihe. Die Programmkombination mit Uraufführungen von Erich Urbanner und Christof Dienz eröffneten den Dialog mit der heimischen österreichischen Komponistenwelt; die Experimente aber fanden vor allem im kammermusikalischen Bereich statt.
Prägnant war die Begegnung des Tiroler Lyrikers Hans Aschenwald mit seinem Verleger Klaus Wagenbach und dem norwegischen Akkordeonisten Frode Haltli als Sonntagsmatinee in einem örtlichen Supermarkt. Die spröden Natur-Motive in Aschenwalds Lyrik trafen sich hier mit den Volksmusik-Anklängen in der Musik eines Bent Sörensen oder einer Maja Solveig Kjelstrup Ratkje und zeichneten auf, wie zwei zeitgenössische Künstler jenseits aller Kitsch-Romantik die Traditionen ihrer jeweiligen Heimat als Wurzel und Inspiration für ihr Schaffen begreifen – und gleichzeitig damit vertraute Wegweiser für die Zuhörer in die eigenwilligen poetischen Gedankenwelten setzen. Wagenbach gelang es dabei auf witzige und originelle Weise, die Themenwelt seines neugeworbenen Verlagsautoren zu charakterisieren („Vielleicht könnte man Ihre Gedichte als eine neue Umwelthöflichkeit bezeichnen.“) und Aschenwald sehr persönliche Aussagen über seine Vergangenheit in „einem ganzem Dorf voll Vorfahren im Genick“ zu entlocken. In eine ähnliche Richtung ging auch das Nachtkonzert des österreichischen Ensembles „Super Acht“, das sich kompromiss- und dirigentenlos der Originalität eines sperrigen Oktettes von Haimo Wisser oder dem spielerischen „Flaschenachter“ von Gunter Schneider widmete.
Die größte Überraschung des diesjährigen Festivals dürfte Christof Dienz Uraufführung „Pyromen“ gewesen sein; ein Werk, in dem durch eine schier unglaublich differenzierte vielfältige Instrumentation Farbspiel und Schattierungen des Naturphänomens Feuer in Klänge umgesetzt werden, ohne dass Dienz je zur platten Bildmetapher greifen würde. Im Bruckner Orchester Linz unter der Leitung von Dennis Russell Davies hatte das Werk die optimalen Uraufführungsinterpreten gefunden, die des Komponisten herbe Balance zwischen klangfarblichen und melodiösen Anspielungen auf (spät-)ro-mantische Musikgeschichte und abstrakten Energiezuständen differenziert herausarbeitete.
Fazit: Im zehnten Jahr ihres Bestehens mussten die „Klangspuren“ zum ersten Mal ganz ohne ihren Gründer und langjährigen Leiter, den Pianisten und Komponisten Thomas Larcher auskommen. Stattdessen wurde das Programm von der Trias Peter Paul Kainrath, Maria Luise Mayr und Reinhard Schulz ausgewählt und begleitet. Diese „demokratische“ Nachfolgeregelung scheint glücklicherweise zu funktionieren; die Einzelteile des Programmes immer noch harmonisch ineinanderzugreifen – gute Aussichten für den Osteuropaschwerpunkt im kommenden Jahr.
Vom 10. bis 25. September 2004 werden sich dann die Klangspuren dem zeitgenössischen Musikschaffen der neuen EU-Länder Ungarn, Slowenien und Litauen widmen.
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