Ein großer Umbruch, aber kein Neuanfang

Porträt, Bestandsaufnahme, Visionen: Fünfzig Jahre Knabenchor Hannover


(nmz) -

Vor wenigen Wochen ist in Hannover eine Ära zu Ende gegangen. Heinz Hennig, Gründer und über fünfzig Jahre lang Leiter des Knabenchores Hannover, starb am 29. Januar im Alter von 74 Jahren. Nur wenige Tage zuvor hatte er sein Amt an den erst 29-jährigen Jörg Breiding weitergegeben. Auf den studierten Musik- und Gesanglehrer kommt eine Aufgabe zu, die es in sich hat. Er ist als künstlerischer Leiter des Knabenchores nicht nur für ein international anerkanntes Ensemble verantwortlich, sondern auch für eine regelrechte Sing- und Musikschule, in der mehr als zweihundert Knaben und Jugendliche von mehreren Mitarbeitern betreut werden.

Ein Artikel von Burkhard Wetekam

Ausgabe: 
3/02 - 51. Jahrgang

Vor wenigen Wochen ist in Hannover eine Ära zu Ende gegangen. Heinz Hennig, Gründer und über fünfzig Jahre lang Leiter des Knabenchores Hannover, starb am 29. Januar im Alter von 74 Jahren. Nur wenige Tage zuvor hatte er sein Amt an den erst 29-jährigen Jörg Breiding weitergegeben. Auf den studierten Musik- und Gesanglehrer kommt eine Aufgabe zu, die es in sich hat. Er ist als künstlerischer Leiter des Knabenchores nicht nur für ein international anerkanntes Ensemble verantwortlich, sondern auch für eine regelrechte Sing- und Musikschule, in der mehr als zweihundert Knaben und Jugendliche von mehreren Mitarbeitern betreut werden. Der Knabenchor Hannover ist, verglichen mit anderen bedeutenden Ensembles dieser Art in Dresden, Leipzig oder Regensburg, vergleichsweise jung. 1950 gründete der damals 23-jährige Hennig den Chor unter materiell schwierigsten Bedingungen. Er knüpfte dabei vor allem an seine eigenen Chorerfahrungen aus der Zeit am Frankfurter Musischen Gymnasium an, wo er als Schüler von Kurt Thomas bereits künstlerisch prägende Anregungen erhielt. Schon bald entdeckte Hennig, dass er das richtige Fingerspitzengefühl besitzt, um Kinder ohne unnötigen Druck zu erstaunlichen Leistungen zu führen. Neben dem beruflichen Werdegang als Professor für Chorleitung an der Musikhochschule in Hannover, wo er zuletzt auch das Amt des Vizepräsidenten innehatte, baute Hennig quasi nebenberuflich den Knabenchor Hannover auf.

Die ersten künstlerischen Erfolge ließen nicht lange auf sich warten. Alfred Koerppen, Freund und Weggefährte Hennigs, komponierte 1951 für den Chor eine Jugendoper mit dem Titel „Virgilius, der Magier von Rom“, die beim ersten Sängerfest in Frankfurt am Main viel Aufsehen erregte. Schon bald kristallisierte sich dann der eigentliche künstlerische Schwerpunkt des Knabenchores heraus: die Alte Musik. Lange vor dem großen Boom trat der Chor aus Hannover mit wegweisenden Interpretationen hervor. Kooperationen mit Ton Koopman, Philippe Herreweghe und dem Hilliard Ensemble markieren den Weg des Chores. Das vom Umfang her größte Projekt überhaupt war die Mitwirkung an der Gesamteinspielung der Bach-Kantaten unter der Leitung von Gustav Leonhardt und Nikolaus Harnoncourt. Eine besondere Herzensangelegenheit bedeutet Hennig die Musik von Heinrich Schütz, die er in ihrer einzigartigen Kunst des Sprachausdruckes aus gutem Grund für pädagogisch besonders wertvoll hielt. Für die Einspielung der kompletten Geistlichen Chormusik 1648 erhielt der Knabenchor 1985 den Preis der Deutschen Schallplattenkritik, weitere Schütz-Aufnahmen wurden in Frankreich mit dem Diapason d’or ausgezeichnet. Um diesen Kern herum fächert sich das Repertoire des Chores von Werken des 16. Jahrhunderts bis hin zur französischen Spätromantik oder zur Moderne auf. Selbstverständlich spielt auch die Aufführung großer Oratorien und Messen in der Konzertpraxis des Chores eine wichtige Rolle. Im Jahr 2000 feierte der Chor sein 50-jähriges Bestehen, unter anderem mit einer Aufführung von Bachs Matthäuspassion – gemeinsam mit dem Thomanerchor Leipzig.

Anders als dieser und andere berühmte Knabenchöre ist das Ensemble aus Hannover kein Internatschor. Die Kinder kommen zweimal in der Woche nachmittags zu Proben in das Chorheim. Wer in Hannover zur Schule geht, aber außerhalb wohnt, kann dort auch die Mittagszeit verbringen. Es gibt eine Küche und Freizeitmöglichkeiten. Da die Kinder nur vergleichsweise kurze Zeit für Proben zur Verfügung stehen, hat der Knabenchor ein besonders effizientes System aus Kursen und Chorgruppen entwickelt, in denen die sechs- bis siebenjährigen Knaben systematisch an das Singen herangeführt werden und zugleich eine umfassende musikalische Grundausbildung erhalten.

Das Angebot muss stimmen, damit die jungen Sänger bei der Stange bleiben. Im Knabenchor wird viel von ihnen verlangt, aber auch viel geboten. Konzerttourneen, Freizeiten und regelmäßige Auslandsreisen gehören dazu. Als musikalischer Botschafter hat der Knabenchor Hannover bis auf Australien alle Kontinente bereist, zumeist mit Unterstützung des Deutschen Musikrates. Schon lange vor dem Fall des eisernen Vorhangs ging es durch Osteuropa, nach Israel und Jordanien, nach Südafrika, nach Süd- und Mittelamerika – dies alles mit vergleichsweise geringem Personalaufwand. Die erwachsenen Sänger der Männerstimmen betreuen auf Reisen jeweils einen oder zwei Knaben – eine Regelung, die für das familiäre Miteinander in der Chorgemeinschaft spricht.

Trotz der Schwierigkeiten, mit denen Knabenchöre wegen des heute so früh einsetzenden Stimmbruchs zu kämpfen haben, ist es Hennig kontinuierlich gelungen, einen klanglich gut ausbalancierten und zuverlässigen Konzertchor aufs Podium zu bringen. Und das, obwohl der Chor in Hannover weitgehend auf sich gestellt ist: Er ist weder an eine Kirche noch an eine andere finanzkräftige Institution angebunden, sondern lebte bis vor kurzem von mageren öffentlichen Zuschüssen, von Spenden und selbst eingespielten Honoraren. Dass dieser Zustand nach dem altersbedingten Rückzug von Heinz Hennig zu einem großen Problem werden könnte, war vor allem einem klar: ihm selbst. Deshalb begann der Chorleiter schon vor einigen Jahren damit, Interessenten für eine Stiftung zu suchen, die die zukünftige Arbeit des Chores auf eine solide finanzielle Basis stellen sollte. Sein Werben für das Fortbestehen einer künstlerisch wie pädagogisch wichtigen Einrichtung hatte Erfolg. 1998 wurde unter Beteiligung namhafter Unternehmen der „Stifter- und Förderkreis Knabenchor Hannover e. V.“ gegründet. Die Erträge aus dem derzeitigen Stiftungskapital von drei Millionen Mark reichen zwar noch nicht aus, um die Arbeit des Chores zu finanzieren, aber sie bilden zumindest eine verlässliche Basis.

Ein derartiges Finanzierungsmodell dürfte im Bereich kultureller Institutionen bislang die Ausnahme sein – vielleicht eine mit Beispielcharakter. Ein anderes innovatives Vorhaben scheiterte allerdings: Knabenchor und Musikhochschule Hannover hatten geplant, für den Nachfolger Hennigs zugleich eine Stiftungsprofessur zu schaffen. Da sich beide Seiten nicht auf einen Kandidaten einigen konnten, ist Jörg Breiding nun zunächst einmal „nur“ Leiter des Knabenchores Hannover. Welche Verantwortung er damit übernommen hat, weiß er. Aber er weiß auch, worauf er aufbauen kann, und hat verkündet, dass er am künstlerischen Profil und am musikpädagogischen Konzept des Chores zunächst nichts Wesentliches ändern wird.

Der Autor ist Verfasser des Buches „Knabenchor Hannover“,
Verlag der Buchdruckwerkstätten, ISBN 3-89384-040-0.

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