Ein Tropfen Milch im Wasserglas

Kammermusikalische Spielgenüsse für Holzbläser


(nmz) -
Leoš Janácek: Die Jugend, Bläsersextett *** Harald Genzmer: Trio für Flöte, Oboe und Klavier *** Friedrich Cerha: Quintett für Klarinette in A und Streichquartett
Ein Artikel von Hagen Andert.

Ausgabe: 
4/11 - 60. Jahrgang

Leoš Janácek: Die Jugend, Bläsersextett, TP 528 und BA 9528 (2010), ISMN 979-0-2601-0476-1 (TP) und 979-0-2601-0477-8 (BA)

Janácek entführt den Spieler in eine mitreißende und vertraute Reise in die Facetten der Jugend. Während er zu Beginn heitere Unschuld und kindliche „Leiden“ mit einem soliden Zusammenspiel kombiniert, setzt er im Verlaufe zunehmend auf die Virtuosität der Musiker und lässt in einen Rausch innerer Zwiespältigkeit von Spaß und Ernst verfallen. Besonders auffällig ist, dass der Komponist das Spiel dieses Werkes rhythmisch äußerst präzise geplant hat. Das Notenbild erscheint daher zu Beginn etwas ungewohnt, jedoch bringt der umfassende Einleitungstext sowohl Entstehungsgeschichte als auch Absicht des Komponisten rasch näher. Zusammenspiel und technische Phrasen weisen einen erhöhten Schwierigkeitsgrad auf, sodass dieses bezaubernde Werk vor allem für erfahrene beziehungsweise Profimusiker geeignet ist.

Harald Genzmer: Trio für Flöte, Oboe und Klavier, Edition Peters Nr. 11258 (2010), ISMN 979-0-014-11020-8

Mit diesem Trio führt Genzmer sein Prinzip von Vitalität, Kunsthaftigkeit und Verständlichkeit sowohl für den Instrumentalisten als auch den Zuhörer fort. Während das Klavier die Rolle des dezenten Erzählers zu Beginn übernimmt, legen sich die Stimmen von Oboe und Flöte durch Imitation und Gegenläufigkeit teils kämpferisch, teils ironisch verspielt auf diesen Klang.

Avantgardistisch, aber mit klassischer Erscheinung zeigt sich dieses Werk als eine Geschichte von Verzweiflung, Akzeptanz und Befreiungsversuchen, die das Gefühl eines kurzen Sommergewitters nahelegt. Zusammenspiel und Einzelstimmen beinhalten kleinere Passagen, die genauerer Betrachtung bedürfen, jedoch zeigt sich das Werk beziehungsweise diese Ausgabe in einem soliden und angenehmen Bild, sodass man es getrost in der fortgeschrittenen Musikerziehung verwenden kann.

Friedrich Cerha: Quintett für Klarinette in A und Streichquartett, Doblinger 06 817 (2005), ISMN M-012-19597-9

Friedrich Cerha ist neben Originalität vor allem durch Vielseitigkeit seiner Kompositionen verschiedenster Methodik bekannt. Mit avantgardis­tischer Feder führt er den Spieler in diesem Quintett durch Verzweiflung und die sphärischen Breiten des Lebens. Während die Streicherstimmen den Charakter kontrollierender, metrumgebender Wellen widerspiegeln, vollzieht die Solostimme der Klarinette eine gekonnt akzentuierte bis aufbrausende, energische Reise zum Ende.

Diese scheint aus der Bewegung eines Tropfens Milch in einem Glas Wasser zu stammen. Die Gesamtbotschaft vermittelt, dass das Leben aufgrund mangelnder Kontinuität scheitern kann. Die spielerische Freiheit, geführt von klarer Tempivorgabe seitens des Komponisten und die anspruchsvollen Einzelstimmen ergeben in ihrem Zusammenspiel für Profimusiker einen Spielgenuss der besonderen Art!
  

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