Ein Zukunftsplatz für Hersteller, Vertriebe und Händler

Deutsche Firmen positionieren sich auf der Musikmesse Shanghai


(nmz) -
Mit neuem Rekord ging in Shanghai die Musikmesse, welche als weltweit zweitwichtigste gilt, im neunten Jahr ihrer Veranstaltung über die Bühne des „Shanghai New International Exhibition Center“ (SNIEC) im ultramodernen Stadtteil Pudong.
Ein Artikel von Anno Blissenbach

In den beiden Messeteilen „Music China“ und „prolight+sound“ präsentierten sich Mitte Oktober 1.677 Aussteller den insgesamt 63.247 Besuchern, die aus 96 Staaten (Music China) bzw. 79 (prolight+sound) an die Mündung des Huang Pu Flusses gekommen sind. So wie die Weltstadt und Mega-Metropole Shanghai (18,5 Mio. Einwohner) sich im Expo-Jahr 2010 (73 Mio. Besucher in sechs Monaten) als Tor ins 21. Jahrhundert des Boom-Kontinents Asien präsentiert, verstehen viele Hersteller, Vertriebe und Händler die Shanghai-Musikmesse als eigentlichen Zukunftsplatz der Branche. Kaum etwas symbolisiert das atemberaubende Tempo dieser Entwicklung besser als der Transrapid (Maglev), der mit 431 Stundenkilometern in 7,5 Minuten vom Internationalen Flughafen Pudong bis kurz vor die Tore des Messegeländes schwebt. Wie sich die Gewichte weltweit gen Asien (und innerhalb Asiens gen China) verschoben haben, zeigte sich exemplarisch an der Klavierbranche: Während bei der Musikmesse Frankfurt der Piano-Salon von Jahr zu Jahr schrumpft und der Bundesverband Klavier (BVK) künftig nur noch jedes zweite Jahr teilnehmen will, belegen in Shanghai derart viele Aussteller die riesige Klavier-Halle, dass vier Messetage kaum ausreichen, sie alle zu besuchen. Dass China zur mit Abstand größten Klavierbau-Nation generiert ist – weit vor Europa, Japan, USA oder Süd-Korea – ist ebenso Fakt wie permanente Produktverbesserung, die ein teils beachtliches Qualitätsniveau hervorgebracht hat.

Zwar ist die Qualitätsspitze immer noch in Deutschlands mittelständischer Klavierindustrie zu Hause, doch ist deren Produktionszahl von 14.229 Klavieren und Flügeln im Jahr 2000 auf 5.075 im Jahr 2009 zurückgegangen. Allein der größte Klavierhersteller der Welt, die in Kanton ansässige „Guangzhou Pearl River Piano Group“ weist mit einer Stückzahl von jährlich ca. 100.000 die zwanzigfache Produktionskapazität dessen auf, was Deutschland 2009 für den Weltmarkt produziert hat.

Dabei profitieren der im nächsten Jahr zur Privatisierung anstehende Staatsbetrieb sowie zahlreiche weitere chinesische Klavierfabriken – wie Beijing Xinghai, Hailun, Quingdao Sejung, Shanghai Artfield oder Yantai Kingsburg (jeweils fünfstellige Jahres-Stückzahlen) – vom künstlich niedrig gehaltenen Wechselkurs des Renminbi. Dieser kommt deutschen Klavierkäufern in Form eines nie dagewesenen Preis-Leistungsverhältnisses zugute, welches es der unter sinkenden Real-Löhnen leidenden deutschen Mittelschicht sowie sozial Schwachen ermöglicht, ein qualitativ ordentliches fabrikneues Klavier zu einem äußerst günstigen Preis zu erwerben.

Doch die Talsohle der Produktionszahlen deutscher Hersteller scheint allmählich durchschritten – paradoxerweise auch dank China: Zuerst spürte dies die Zulieferindustrie, greifen chinesische Hersteller doch für ihre Premium-Segmente gern zu Premium-Produkten deutscher Zulieferer, seien es Renner-Mechaniken, Otto-Heuss-Klaviaturen, Strunz-Resonanzböden, Delignit-Stimmstöcke, Abel-Hammerköpfe oder Röslau-Stahlsaiten. Beste Chancen bestehen, dass künftig vermehrt Fertigprodukte folgen: Während in Deutschland die Mittelschicht schrumpft, wächst im Boom-Land China in atemberaubendem Tempo eine wohlhabende urbane Mittelschicht heran, die höchst bildungsaffin ist, auch bezüglich westlicher Musik. Deren ausgeprägtes Status- und Markenbewusstsein in Kombination mit dem Anliegen, dem einzigen Sprössling (Ein-Kind-Politik) optimale (Musik-) Bildung zukommen zu lassen, generiert dauerhaft neue Absatzmärkte für die Deutschen.

Dass diese ihre Chance wahrnehmen, zeigte sich einerseits an der Präsenz – so waren Marken wie Blüthner, Grotrian-Steinweg, Schimmel, Steinway & Sons oder Rönisch mit großen eigenen Ständen vertreten, Bechstein durch die Geschäftsleitung, Förster sowie Steingraeber & Söhne durch den Distributor – andererseits durch gute Verkaufszahlen, die von deutschen Herstellern im China-Geschäft gemeldet und von BDMH-Präsident Gerhard A. Meinl für diverse Instrumentengruppen bestätigt wurden.

Viele deutsche Firmen hatten sich – sofern sie nicht in einer der sechs Hallen einen eigenen Stand betrieben – zum deutschen Gemeinschaftsstand zusammengetan. Hierzu gehörten auch die Verlage, welche in Shanghai naturgemäß in geringerer Anzahl und Größe präsent sind als in Frankfurt, funktioniert der Bereich Sheetmusic in China doch auf Grund polit-ökonomischer Rahmenbedingungen eher als Lizenz- denn als Verkaufsgeschäft.
Gemeinschaftlich organisiert wurde die Messe von: China Music Instrument Association (CMIA), INTEX Shanghai und Messe Frankfurt. Im Jahr 2011 findet sie vom 11. bis 14. Oktober statt.

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