Eine Revolution von unten?

Wie eine Dirigentenwerkstatt die Orchesterhierarchie auf den Kopf stellt


(nmz) -
Ob es sich um die Vollendung einer Demokratisierung der Orchesterverhältnisse handelt, sei dahingestellt. „Demokratisierung“ ist ein beliebtes Schlagwort, wenn es darum geht, die Entwicklung, die seit einigen Jahren im Verhältnis zwischen Orchestermusikern und Dirigent zu beobachten ist, zu umschreiben. Aber es ist etwas sehr plakativ.
Ein Artikel von Céline Grillon.

Ausgabe: 
4/09 - 58. Jahrgang

Von aufrührerischen Tönen ist hier dagegen keine Spur. Vielmehr ist es eine ausgesprochen ausgelassene Atmosphäre, in der die Berliner Hochschule für Musik Hanns Eisler die Umkehrung der hierarchischen Verhältnisse im Orchester vorantreibt. Seit 2002 lädt sie regelmäßig zu einer Dirigentenwerkstatt ein, die ihre Gründer, Klaus Harnisch und Christhard Gössling, unter das Motto „Interaktion – Dirigentenwerkstatt des Kritischen Orchesters“ stellten. Einmal im Jahr wird vier auserwählten Jungdirigenten die Chance geboten, mit routinierten professionellen Musikern aus deutschen Spitzenorchestern ein Wochenende lang zu proben. Feedback der Orchestermusiker selbst, die Kritik und Wünsche bezüglich der Dirigiertechnik äußern, soll den jungen Gästen am Pult praktische Starthilfe für ihre Karriere geben.

Klaus Harnisch, der das Dirigentenforum des Deutschen Musikrates lange geleitet hat, ist die Idee zu verdanken, vom Weg der traditionellen Dirigentenausbildung abzukommen: Nicht mehr nur am Klavier oder vor dem Spiegel, nicht mehr allein durch abstraktes Partiturstudium oder mit Aufnahmen, sondern eben in Interaktion mit einem echten Orchester soll sich der Lehrling dem Ziel nähern, „das Orchester dahin zu führen, wo es seine Potenzen voll entfalten kann“. Die Gäste der diesjährigen Ausgabe – Fuad Ibrahimov (Aserbaidschan), Tara Villa Chamra (USA), Viliana Valtcheva (Bulgarien) und Lam Tran Dinh (Deutschland) – bestätigen, dass es sich um eine glänzende Idee handelt: „Die Kommentare direkt aus den Mündern der Personen zu hören, die das spielen, hat einen ganz anderen Einfluss. Es ist viel leichter zu verinnerlichen“, meint Lam Tran Dinh. „So direkt verständlich und nachvollziehbar war es noch nie.“

Auch bei den ehrenamtlich engagierten Orchestermusikern stößt der Workshop auf große Resonanz. Für den dirigentischen Mentor Michael Helmrath liegt deren Motivation in der „leidvollen Erfahrung“ begründet, „dass viele Dirigenten viel zu früh auf viel zu große Orchester losgelassen werden, mit einem sehr schmalen Repertoire, mit sehr wenig Fähigkeiten, sehr wenig Praxis“. Die Werkstatt biete die „Möglichkeit, den jungen Dirigenten von Orchesterseite aus auch die Meinung zu sagen“.

Bilder zur Veranschaulichung einer interpretatorischen Idee seien gut, doch sie müssten immer mit genauen technischen Angaben verbunden werden, moniert etwa der Solo-Posaunist. Mal vermisst der erste Cellist visuellen Kontakt, mal bittet der Konzertmeister um einen freundlicheren Umgangston. Zwischendrin birgt die ungewohnte Rollenverteilung echtes komisches Potenzial: Als die Dirigentin abermals um Knackigkeit im Einsatz, Klarheit in der Artikulation und mehr rhythmische Präzision bittet, stellt sich der erste Bratschist quer. Rossinis „Barbier von Sevilla“ dürfe nicht zur Bodybuilding-Veranstaltung verkommen, appelliert er – und beginnt unvermittelt, ihr Rossini-Verständnis quakend nachzuäffen … Das Orchester lacht. Die Dirigentin bedankt sich.

Hier legen die Orchestermusiker ein neues Selbstbewusstsein an den Tag. Man wolle als Musizier-„Partner“ wahrgenommen und behandelt werden, schließlich seien sich Orchestermusiker und Dirigent heutzutage von ihrer Ausbildung her durchaus ebenbürtig. Ob dies die hierarchischen Verhältnisse untergrabe? „Autorität ist nötig, und sie kann aus der Kompetenz in der Sache erwachsen, was bei allen großen Dirigenten schließlich der Fall ist“, meint Werkstatt-Teilnehmer Christhard Gössling, Soloposaunist der Berliner Philharmoniker. Doch autoritäres Verhalten hätten die eben gar nicht nötig.

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