Engagement für verkannte Klaviermusik

Historische und aktuelle Einspielungen mit Cyprien Katsaris beim Label „Edition 21“


(nmz) -
Anfang Juni 1970 in Moskau. Beim Tschai­kowsky-Wettbewerb geht ein 19-jähriger Pianist ins Rennen, der noch nie an einer internationalen Ausscheidung teilnahm. Dieser junge Mann, Cyprien Katsaris, überrascht die Jury durch seinen Wagemut. Den ersten Durchgang, in dem jeder Kandidat eines der Präludien und Fugen aus dem „Wohltemperierten Klavier“, eine Mozart- oder Haydn-Sonate, je eine Etüde von Chopin, Liszt und Rachmaninow sowie ein Stück aus Tschaikowskys „Jahreszeiten“-Zyklus spielen muss, beginnt er nicht, wie angekündigt, mit Bach.
Ein Artikel von Albrecht Dümling.

Ausgabe: 
6/10 - 59. Jahrgang

Vielmehr stürzt sich der Wettbewerbsneuling lächelnd sogleich in eines der schwierigsten Stücke, Chopins Etüde op. 25 Nr. 10 in h-Moll. Dabei bewältigt er die gefürchteten Oktavenparallelen in beiden Händen mit so feurigem Temperament, dass das Moskauer Publikum stürmisch applaudiert. Nicht weniger souverän spielt er danach die irrwitzig schwere Liszt-Etüde „Feux Follets“ (Irrlichter) und Rachmaninows Étude-Tableau op. 39 Nr. 1. Dann erst folgen Tschaikowsky, Bach und Haydn. Wie das Publikum jubelte auch die Moskauer Presse über diesen Jüngling, der ohne Lampenfieber den Stier bei den Hörnern packte. In den „Feux Follets“ spürte sie eine „unnachahmliche, vor Freude überquellende Begeisterung“, und die Interpretation der Haydn-Sonate betrachtete sie wegen der „überaus originellen Akzentuierung“ sogar als Geschenk Gottes. Auch nach der zweiten Runde, bei der Katsaris sich an Jaan Rääts und Pierre Boulez heranwagte, nannte ihn die Nachrichtenagentur TASS einen Publikumsliebling. Umso mehr verwundert es, dass die Jury unter Vorsitz von Emil Gilels den hochbegabten Senkrechtstarter nicht zur Endrunde zuließ. Aber auch ohne den Tschaikowsky-Preis begann der als Mitglied einer französisch-zyp­riotischen Familie 1951 in Marseille geborene und in Kamerun aufgewachsene Pianist eine internationale Solistenkarriere. 1972 gewann er den wichtigen Concours Reine Elisabeth, 1974 den Cziffra-Wettbewerb. Wie schon bei seinem Moskauer Debüt ging Katsaris immer wieder auf musikalische Entdeckungsreisen abseits des Standardrepertoires. Sein besonderes Interesse gehört seltenen und verkannten Werken. Da die großen Plattenfirmen ihm dabei immer weniger folgten, gründete er im Januar 2001 sein eigenes Label Piano 21. Dort erschienen bislang neben Aufnahmen gängiger Werke Raritäten wie Bach-Transkriptionen von Kempff und Rachmaninow oder Mozart-Transkriptionen von Hummel und Bizet.

Mit diesem Label ist Katsaris in den Plattenläden nicht mehr so präsent wie zu den Zeiten, als er mit der Deutschen Grammophon oder Sony zusammenarbeitete. Aber er darf nun ungehindert Ungewöhnliches präsentieren, wie zuletzt auf dem Album „Viennese Connections“ (P21 033-N), auf dem er, beraten durch Otto Biba, den Archiv-Direktor der Gesellschaft der Musikfreunde Wien, die Musikszene des Wiener Biedermeier porträtiert. Gebildete Laien gehörten damals zu den Trägern der Musikkultur. Einer von ihnen war der Schubert-Freund Anselm Hüttenbrenner, der auch als Komponist hervortrat. Das vorliegende Album enthält seinen „Nachruf auf Beethoven in Akkorden“, Schuberts Variationen über ein Thema von Hüttenbrenner und Hüttenbrenners Variationen über ein eigenes Thema. Verblüffend ist die Gegenüberstellung der ungewöhnlich dramatischen Liszt-Transkription von Schuberts „Erlkönig“ mit einem von Hüttenbrenner komponierten beschwingten Erlkönig-Walzer.

In dieser Edition erschienen nun auch die Live-Aufnahmen vom Moskauer Tschaikowsky-Wettbewerb 1970 (P21 029-A), die das Staunen des damaligen Publikums über die exorbitanten Fähigkeiten des jungen Pianisten nachvollziehen lassen, obwohl die Veranstalter das Boulez-Stück und den starken Beifall nach der Chopin-Etüde aus der offiziellen Aufnahme tilgten. Aus dem Booklet erfahren wir, dass Katsaris nach seinem Ausscheiden selbstlos dem Konkurrenten John Lill half, so dass dieser den ersten Preis errang. Die Herzen der Musikfreunde hatte der junge Franzose ohnehin schon gewonnen.

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