Fantasie, Bewegung und Farben

Zum 100. Geburtstag des präzisen Zweiflers Henri Dutilleux (1916–2013)


(nmz) -
Zweieinhalb Jährchen haben nur gefehlt, und er selbst hätte noch seinen hundertsten Geburtstag mit uns feiern können: geboren am 22. Januar 1916 in Angers, war Henri Dutilleux jener überragende Komponist Frankreichs, dessen Erfolg man in der Heimat stets kleinredete. Zu allmächtig herrschte Pierre Boulez in IRCAM-City, und der konnte mit Dutilleux’ Musik nichts anfangen.
Ein Artikel von Christoph Schlüren

Als Dutilleux am 22. Mai 2013 in Paris starb, stand sein internationaler Status jedoch längst außer Frage. Geehrt 1994 mit dem Præmium Imperiale, 2005 mit dem Ernst von Siemens Musikpreis, 2011 mit dem Kravis Prize, vor allem in der angelsächsischen Welt gefeiert als einer der ganz großen Meister unserer Zeit, insbesondere in seinem Orchesterschaffen – da konnten sich die Missgünstigen die Zähne ausbeißen. Seinem eigenen Schaffen gegenüber blieb Dutilleux immer ein Zweifler, der die Tragfähigkeit seiner Formen auch nach Jahren noch nachbesserte – sowohl in „Timbres, Espaces, Mouvement ou la nuit étoilée“ als auch in der mysteriösen Kammermusik „Les Citations“ komponierte er noch einen Satz dazu, um das Equilibrium der Kräfte zu erreichen. Dutilleux erfand seine Musik immer wieder komplett neu, erschloss stets unbekannte Welten, und doch ist sein lyrisch-fantastischer Eigenton überall unverkennbar. Er komponierte mit äußerster Präzision, ohne jegliche Routine in den komplex vielstimmigen Verläufen und Verästelungen zuzulassen, und so verwundert es nicht, dass er viel Zeit brauchte, um ein Werk zu vollenden. Entsprechend schmal und durchgehend hochkarätig ist sein Werkkatalog.

Grundsätzlich ist Dutilleux’ Tonsprache freitonal, auch in den verwickeltesten Situation herrscht hörend erlebter Bezug, die Formung ist organisch zusammenhängend. Er liebte Spiegelfiguren in extremen Lagendistanzen und war ein phänomenaler Orchestrator. An kleiner besetzten Werken sind vor allem die frühe Klaviersonate von 1948 und das Streichquartett „Ainsi la nuit“ zu nennen, die längst Klassiker im Konzertalltag geworden sind. Hatte er sich in seiner viersätzigen 1. Symphonie als kühner Fortführer der Tradition erwiesen, so betrat er mit der dreisätzigen Zweiten höchst abenteuerliches Neuland. Wer studieren will, wie aus einer lyrisch verzweigten Grundsubstanz ein überwältigender Höhepunkt emporwachsen kann, studiere den 2. Satz daraus. Weitere Höhepunkte sind vor allem die „5 Métaboles“ und das geniale Cellokonzert „Tout un monde lointain …“ – eine wahrhaft entlegene, nächtliche Welt. Auch das Violinkonzert „L’arbre des songes“, „Mystère de l’instant“ für Streicher und Cimbalom und „The Shadows of Time“ bezeugen Dutilleux’ singuläre Kunst, erfüllt von Fantasie, Bewegung und Farben in weiten, spannungserfüllten Räumen. Seit seinem Tode hat sich seine Musik noch mehr durchgesetzt.

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