Freiheit, ins Ungekannte zu stürzen

Komponist ohne Nebenberuf: Jens Joneleit


(nmz) -
New York, Sommer 2003: ein Fremder aus Nieder-Roden trifft Ensemble Modern. Das Gespräch wird zum Zündfunken für seine explosive Phantasie. Er beginnt einen wild polyphonischen Zyklus zu skizzieren, nennt ihn „Le tout, le rien” – und gewinnt im Europäischen Zentrum der Künste Hellerau einen kollegialen Partner und Auftraggeber. Als Uraufführungstermin wird der 1. Oktober 2005 vereinbart; Deutscher Musikrat und Hessischer Rundfunk ermöglichen flankierend eine Studioaufnahme für die „Edition Zeitgenössische Musik”. Für den Fremden eine Chance, auf die er sich mit ausdauerndem Training vorbereitet hat.
Ein Artikel von Michael Herrschel

Jens Joneleit ist ein stiller konsequenter Arbeiter, der es liebt, sich den Unberechenbarkeiten einer neuen Idee auszusetzen, ihr forderndes Eigenleben zu spüren, um dann aus dem inwendigen Klangtoben das zu fassen und herüberzuholen, was man – nach langem Schmelz- und Läuterungsprozess – ein „Stück“ nennt. Der Ort, an dem er es ins Reine schreibt, ist schmucklos; nichts lenkt ab. Zwischen Klavier, Schlagzeug und anderem Instrumentarium stehen ein roter Holztisch und dahinter – für die Skizzen – ein metallenes Pult mit Leselämpchen, wie es Orchestermusiker benutzen. Seitwärts quellen, als Überraschung für den Besucher, verschiedenfarbig gebundene Manuskripte aus diversen Umzugskartons, Zeugnis ablegend von einem Werdegang, der zickzack und (zumindest hierzulande) weitgehend unbeobachtet verlief. Erste Versuche reichen in die 80er-Jahre zurück, improvisatorische Anfänge nicht mitgerechnet. Die musikalischen Wurzeln von Jens Joneleit kann man im Free Jazz, der ihn früh faszinierte, ebenso suchen wie im unbefangenen Ernst, mit dem er das alteuropäische Erbe in all seinen Gegensätzen und Widersprüchen zu studieren begann. Um sich über sein eigenes Europäertum klarzuwerden, bedurfte er der räumlichen Distanz. Nach Abitur und Zivildienst erhielt er das Angebot, mit einem Stipendium in die USA zu gehen, und griff zu.

Als eingefleischter Autodidakt fand er auf Orchester- und Opernproben, in Archiven und Tonstudios gleichermaßen wie in Hörsälen und Kollegs die Gesprächspartner, deren Rat ihm weiterhalf. Zwei seiner Lehrer, Lewis Hamvas und Joel Naumann, vermittelten ihm pädagogische Impulse der Exilanten Bartók und Wolpe; im Labor von Robert Marek erlernte er die Alchimie der Streicher-Mixturen, und Stephen Yarbrough förderte seinen ersten Durchbruch zur sinfonischen Synthese, zur „Bekenntnismusik mit mehreren Stimmen in einer Brust“: im Zusammenklang artikulierten sie wortlos die Lebenswut und -kraft eines Menschen, der als Gast im fremden Gemeinwesen über die utopische Einheit von Leben und Schaffen nachdenkt, über Künstlertum und Politik und die Dialektik der Freiheit im Land des real existierenden subventionslosen Pluralismus.

Dort blieb Jens Joneleit auch nach dem Examen wohnen. Er arbeitete mit Gruppen von Studierenden und Jugendlichen, schrieb Traumprotokolle kammermusikalischer Hochseilakte wie das „gedunkelte Splitterecho“ für Kontrabass oder das Celesta-Quartett „Glaswolken“, und um dieselbe Zeit begann in Deutschland, wohin er meistens im Herbst auf Besuch kam, eine Folge von Gesprächskonzerten mit Liedern, die unter arabesken Titeln wie „Monddunstland“, „Die Stadt in allen Winden“, „Die Pfauen“ seine Sicherheit im Umgang mit der menschlichen Stimme begründeten und deren Klavierpart mit xylophonischen, gläsernen und metallischen Farben zusehends ins Orchestrale auswucherte.

Die Kunst, wenigen Instrumenten die Klänge von vielen zu entlocken, eignet auch der Werkfolge, die das „ensemble gelber klang“ 2002 in seinem CD-Rezital mit Kammermusik von Jens Joneleit vorstellte: schrittweise zurückgehend bis zum zerfächerten, verhuschten Monolog eines Cellos, um dann hinauszutreten in die weiträumige Elfstimmigkeit einer „migrazione infinita“ mit langsam überkreuzten Skalen in Erd- und Felstönen. Pure Lust, den herben Mischklang weiterzuentwickeln, führte später zur Idee, mit „Le tout, le rien“ in siebenundzwanzig simultanen Partien einen klingenden Berg zu ersteigen, der an der Grenze zwischen Ensemble- und Orchesterkomposition die Möglichkeiten beider Gattungen vereint.

Inzwischen ist Jens Joneleit nach Deutschland zurückgekehrt und bereitet weitere Auftragswerke vor: fürs Radiosinfonieorchester Stuttgart, für die „Frankfurter Positionen“, fürs „éclat-Festival“… Er weiß, dass er mit seiner Arbeit alles auf eine Karte setzt, denn er hat keinen Nebenberuf; er ist weder Kapellmeister noch Instrumentalist noch Theoretiker. „Ich bin einfach nur Komponist“, sagt er – und versucht spontan zu umschreiben, was er beim „componere“, beim Zusammensetzen der für ihn so charakteristischen Kontrastblöcke, beobachtet: „Sie beginnen zu leben. Sie bewegen sich, driften aufeinander zu. Und an den Konfliktstellen gibt es Verwerfungen und Eruptionen.“ Daraus entsteht neue Bewegung; sie gerät ihm nicht motorisch, sondern impulsiv: lebhaft in stetiger Veränderung.
Seine Anfangstakte etablieren oft etwas schutzlos Fließendes, einen Echo-Raum, in dem die Spuren alles Hervorbringens verwischt werden. Scharfgeschnittene Figuren lösen sich auf in einer unendlichen Atemlinie, die alle Stimmen erfasst, alle Farben – auch die Schwärze von Generalpausen – durchströmt und bisweilen altvertraute Akkorde ins Leise und Fremde zurückzieht: in solchen Momenten muss man sich förmlich auf die Musik zubewegen, ihr zuneigen, „nicht mehr bloß Zaungast sein“, wie Joneleit gerne sagt. Dann führt er uns mit seinen Klängen hinters Licht, aber nur hinter das äußere; führt uns hinter den Schein des Bekannten in Zonen elementarer Unsicherheit. In einer Randnotiz zur kompositorischen Arbeit heißt es: „Wanderschaft = Hören. Das Aufsuchen der Wüste“, und das schließt für den Schaffenden die Suche nach der eigenen Stimme ebenso ein wie die Möglichkeit, sich inmitten der Stille dem Wort eines anderen zu öffnen.

Ein poetisches Wort kann zur Leben spendenden Quelle werden. Es kann die Angst, aber auch die Freiheit steigern, die der kreative Sturz ins Ungekannte immer bedeutet. En miniature zeigt das „Nachtlied“ nach Georg Trakl – zu hören am 5. September beim Bachfest Stuttgart vom Ensemble Singer Pur –, wie Jens Joneleit einen a-capella-Satz aus der Klarheit sprachlicher Deklamation zu entwickeln vermag. Wenn hier die spiegelglatte Homophonie sich zu kräuseln beginnt und harmonische Tiefen aufreißt, werden frühere Beobachtungen, die dem „instrumentalen Singen“ des Komponisten galten, übertragbar auf den rein vokalen Gedankenstrom, der nun in eine neue Werkreihe mündet: „Perspektivenwechsel im Rhythmus von Adrenalinschüben… Flucht ins Innere: Zwiesprache mit Erinnerung und Widerhall – Lichtreflexe, Träume von Vertrautem. Und wieder Verlorenheit im darüber hinaus Geahnten, Erahnbaren – gleich dem leeren Raum, in dem aber etwas schlummert…“

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