Im Garten der Blumen des Bösen

Fabio Romanos fulminante WERGO-Scheibe


(nmz) -
Robert Schumann, Jörg Widmann: Fleurs du mal; Fabio Romano, Klavier Jörg Widmann: Toccata für Klavier; Robert Schumann: Nachststücke op. 23; Jörg Widmann: Fleurs du mal – Klaviersonate nach Baudelaire; Robert Schumann: Gesänge der Frühe op. 133, Concept Wergo WER 6808 2 LC 00846
Ein Artikel von Wolf Loeckle.

Es war Victor Hugo, der im Sommer 1857 an Charles Baudelaire schrieb: „Ihre Blumen des Bösen (fleurs du mal) strahlen und funkeln wie Sterne. Machen Sie weiter so. Ich rufe Ihrem energischen Geist ein Bravo zu.“ Dem Zeitgeist des „Juste Milieu“ passte die Richtung nicht und erst bei Rimbaud, Verlaine, Mallarmé entfaltete sich die im Original angelegte Brisanz mit ihrer Kritik der Anonymität einer sich etablierenden Massengesellschaft ebenso wie an der Dominanz von Anti-Natur im erwachenden metropolitanen Umfeld. Das wirkte und wirkt. Bis ins Jahr 2010. Da legt Fabio Romano, Nachwuchskünstler des Magazins FonoForum, eine WERGO-CD vor mit eben diesem Titel, der sich auf ein höchst facettenreiches Netzwerk stützt. Bei der Programmierung dieser CD (in Cooperation mit BR-Klassik entstanden) ging es erkennbar um musikalische – und um literarische Zusammenhänge.

In einem nzfm-Gespräch äußert sich der Pianist: „…das ist eine Reise von den ironisch düsteren, schrillen, zuweilen grotesken Nachtststücken Opus 23 von Robert Schumann durch die höllischen Blumen der bisher einzigen Klaviersonate Jörg Widmanns bis hin zur verklärten Hoffnung, zum verzerrten Blick in die Zukunft der Gesänge der Frühe Opus 133 des Zwickauers.“ Dass da das Handwerkszeug des Pianisten in einem sehr bildlichen Sinne bis über die Grenzen der Verletzungsgefahr gefordert ist, spricht nicht gegen die musikalische Qualität. Denn „Verletzungsgefahr besteht auch bei Beethovensonaten“. Romano meistert die Extreme alle – welcher Provenienz sie denn auch sind. Ihm gelingt intellektuelle Durchdringung ebenso wie musikalisch-dramatische Akzentuierung. Seine partiell vermeintlich spröde, scheinbar distanzierte Aufstellung dem Romantischen gegenüber exponiert Klarheit pur und vertieft das eindringende Potenzial bemerkenswert weit über das Anforderungspotential im Alltagsgeschäft des Musikbetriebs von heute hinaus. Ein schöneres Geburtstagsgeschenk hätte Schumann sich nicht wünschen können. Und dass Widmann über seine Annäherungen hier das Ganze der Musik weitertreibt, das ist wundersam-wunderbar.
  

Kommentar hinzufügen

Der Inhalt dieses Feldes wird nicht öffentlich zugänglich angezeigt.
CAPTCHA
Diese von Menschen zu lösende Aufgabe ist zur Vermeidung von Spam-Inhalten leider notwendig.
Bild-CAPTCHA
Geben Sie die Zeichen ein, die im Bild gezeigt werden.

Ähnliche Artikel

Seriöses CD-Recital - Werke von Bartók, Debussy, Schubert, Widmann, Piazzolla
15.12.2009 Ausgabe 12/09 - 58. Jahrgang - Rezensionen - Hanspeter Krellmann
Liebesduette in imaginären Räumen - Neue Musik auf neuen CDs, rezensiert von Max Nyffeler
07.07.2010 Ausgabe 7/10 - 59. Jahrgang - Rezensionen - Max Nyffeler
Radikaler Expressionist
03.10.2008 Ausgabe 10/08 - 57. Jahrgang - Rezensionen - Hans-Dieter Grünefeld
Glorios kapriziert
03.10.2008 Ausgabe 10/08 - 57. Jahrgang - Rezensionen - Wolf Loeckle
Sachliche Romantiker - Johannes Brahms: 3. Symphonie; Robert Schumann: Klavierkonzert; Richard Strauss: Till Eulenspiegels lustige Streicher
07.11.2008 Ausgabe 11/08 - 57. Jahrgang - Rezensionen - Christoph Schlüren
Störrisch, wild, frei - The Sibelius Edition: Voice & Orchestra; Piano Music I; Theatre Music; Violin & Piano
01.02.2009 Ausgabe 2/09 - 58. Jahrgang - Rezensionen - Michael Herrschel
Spirituelle Tiefe - Hans Schanderl: Lux Aeterna
02.03.2009 Ausgabe 3/09 - 58. Jahrgang - Rezensionen - Juan Martin Koch