Im Garten der Blumen des Bösen
Fabio Romanos fulminante WERGO-Scheibe
Ein Artikel von Wolf Loeckle.
Es war Victor Hugo, der im Sommer 1857 an Charles Baudelaire schrieb: „Ihre Blumen des Bösen (fleurs du mal) strahlen und funkeln wie Sterne. Machen Sie weiter so. Ich rufe Ihrem energischen Geist ein Bravo zu.“ Dem Zeitgeist des „Juste Milieu“ passte die Richtung nicht und erst bei Rimbaud, Verlaine, Mallarmé entfaltete sich die im Original angelegte Brisanz mit ihrer Kritik der Anonymität einer sich etablierenden Massengesellschaft ebenso wie an der Dominanz von Anti-Natur im erwachenden metropolitanen Umfeld. Das wirkte und wirkt. Bis ins Jahr 2010. Da legt Fabio Romano, Nachwuchskünstler des Magazins FonoForum, eine WERGO-CD vor mit eben diesem Titel, der sich auf ein höchst facettenreiches Netzwerk stützt. Bei der Programmierung dieser CD (in Cooperation mit BR-Klassik entstanden) ging es erkennbar um musikalische – und um literarische Zusammenhänge.
In einem nzfm-Gespräch äußert sich der Pianist: „…das ist eine Reise von den ironisch düsteren, schrillen, zuweilen grotesken Nachtststücken Opus 23 von Robert Schumann durch die höllischen Blumen der bisher einzigen Klaviersonate Jörg Widmanns bis hin zur verklärten Hoffnung, zum verzerrten Blick in die Zukunft der Gesänge der Frühe Opus 133 des Zwickauers.“ Dass da das Handwerkszeug des Pianisten in einem sehr bildlichen Sinne bis über die Grenzen der Verletzungsgefahr gefordert ist, spricht nicht gegen die musikalische Qualität. Denn „Verletzungsgefahr besteht auch bei Beethovensonaten“. Romano meistert die Extreme alle – welcher Provenienz sie denn auch sind. Ihm gelingt intellektuelle Durchdringung ebenso wie musikalisch-dramatische Akzentuierung. Seine partiell vermeintlich spröde, scheinbar distanzierte Aufstellung dem Romantischen gegenüber exponiert Klarheit pur und vertieft das eindringende Potenzial bemerkenswert weit über das Anforderungspotential im Alltagsgeschäft des Musikbetriebs von heute hinaus. Ein schöneres Geburtstagsgeschenk hätte Schumann sich nicht wünschen können. Und dass Widmann über seine Annäherungen hier das Ganze der Musik weitertreibt, das ist wundersam-wunderbar.
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