Im Namen musikalischer Logik

Haydns Streichquartette im Urtext als Studienpartitur-Box


(nmz) -
Joseph Haydn: Sämtliche Streichquartette. Urtext-Edition. 13 Studienpartituren im Schuber. Doblinger Wien, ISBN 978-3-900695-97-2
Ein Artikel von Christoph Schlüren.

Seit 1977 haben im Wiener Verlagshaus Doblinger die international führenden Haydn-Experten H.C. Robbins Landon (dem bereits die maßstabsetzende Gesamtausgabe der Symphonien, in Studienpartitur bei der Universal Edition erhältlich, zu verdanken ist) und Reginald Barrett-Ayres eine kritische Neuausgabe sämtlicher Streichquartette Joseph Haydns betreut, die mittlerweile abgeschlossen und im offenen Wettbewerb mit der Gesamtausgabe des Münchner Henle-Verlags eindeutig zu bevorzugen ist, da die im Notentext getroffenen Entscheidungen im Zweifelsfall musikalischer Logik und aufführungspraktischen Erwägungen folgen, anstatt blinder Befolgung philologischer Gegebenheiten (was ja auch bei der Beethoven-Gesamtausgabe Henles bekanntes Manko ist).

Nun, zum 200. Todesjahr des ersten unangefochtenen Herrschers der Symphonie und des Streichquartetts – welches er als Gattung zeitgleich mit Boccherini begründete, jedoch zu ungleich größerer Entfaltung brachte –, beglückt Doblinger alle Kenner und Interessenten weltweit mit einer Studienausgabe der Haydn-Quartette in 13 Bänden zu einem Preis, den sich jeder leisten kann: für nur 99 Euro. All diejenigen, die weiterhin die sogenannte „Serenade“, also das populäre Andante cantabile aus dem Streichquartett op. 3 Nr. 5, als Werk Joseph Haydns schätzen, ist die Enttäuschung programmiert, hat die Wissenschaft doch schon lange herausgefunden, dass das gesamte Opus Haydn untergejubelt und tatsächlich von Roman Hofstetter (1742–1815) komponiert worden ist. Als nicht authentisch ist auch die Nummer 5 aus Opus 1 nicht aufgenommen worden, stattdessen aber das 1932 erstveröffentlichte Divertimento Es-Dur (ca. 1760) als Streichquartett „Opus 0“ – was niemanden irritieren sollte, denn bis einschließlich seines höchst avancierten Opus 20 hat Haydn die Werke der neuen Gattung noch stets als Divertimenti bezeichnet, und erst im Opus 33 nannte er sie explizit Quartette.

Ein kleines Handbuch zur Begleitung des Schubers hätte nicht geschadet, sind doch die beigegebenen Kommentare mehr als lakonisch gehalten. Sollte jemand nach einem der landläufigen Titel, die nicht von Haydn selbst stammen, jedoch allgemein üblich sind, suchen – wie „Sonnenaufgang“-Quartett oder „Lerchen“-Quartett –, so muss er erst eine andere Quelle konsultieren, um das entsprechende Werk zu finden. Als Ergänzung zu dieser vortrefflichen Edition empfehlen wir daher für weitere 8 Euro von Georg Feder: „Haydns Streichquartette. Ein musikalischer Werkführer“ (C.H. Beck, München, 1998).
 

Generationen von Musikphilologen denunziert

Als Argument, mit dem pauschal die Arbeit mehrerer Generationen von Musikphilologen, zum Beispiel tätig in zahlreichen Komponisten-Gesamtausgaben-Instituten denunziert wird, wird die “musikalische Logik” bemüht, die angeblich gegen den Befund der musikalischen Quellen steht. Dass in einem Klammersatz unsere Beethoven-Gesamtausgabe als Paradebeispiel “blinder” Herausgeberschaft genannt wird, lässt mich zwar angesichts des ärmlichen Beitrags kalt, lässt mich gleichwohl - in Vertretung einer ganzen Zunft von Herausgebern und aller ernsthafter Musikverlage — zur Leserbrief-Tastatur greifen.

Die Tage der gegenseitigen Verhöhnung (Musiker versus Wissenschaftler) sind doch längst vorbei. Seriöse Musiker wollen Urtexte und keine Bearbeitungsausgaben, wollen fundierte Musiktexte, keine Schlürensche musikalische Logik. Dem Herrn Rezensenten ist im übrigen auch entgangen, dass der Henle Verlag unlängst sämtliche Streichquartette Haydns, im Urtext der Haydn-Gesamtausgabe, als Taschenpartitur und in Stimmen zum wohlfeilen Preis herausgebracht hat. Darin wird strikt den von Herrn Schlüren gescholtenen “philologischen Gegebenheiten”, also dem, was Haydn niederschrieb und verfügte, gefolgt. Ich kenne kein Streichquartett, und bis zu Ihrem Abdruck der genannten Rezension, auch keinen seriösen Kritiker, der nicht den Wert und den Nutzen solcher Ausgaben gewürdigt hätte.


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