Je besser, desto schlechter
Ein Artikel von Helmut Hein.
Vielleicht sind diese ausführlichen Gebrauchsanleitungen eines der Probleme. Wer einen simplen Staubsauger kauft, erhält ein Buch, das dicker ist als ein durchschnittlicher Suhrkamp-Band und dessen verständnisvolle Lektüre auch mehr Zeit erfordert. Das hält der Spezialist, der sich bei seinen „Verbesserungen“ so viel Mühe gemacht hat, nur für recht und billig. Jeder, der seine Zeit nicht mit der Lektüre von Handy-, Staubsauger- oder Computergebrauchsanweisungen verbringt, gilt heute in der Branche als verschroben. Weil er nicht zur „Zielgruppe“ gehört, müssen seine Einwände und Bedürfnisse nicht weiter ernst genommen werden.
Fataler und tendenziell geschäftsschädigend wirkt da schon der Umstand, dass ein „content“ umso schlechter bei uns ankommt, je avancierter er daherkommt. Mit der guten alten Vinyl-Schallplatte oder dem Tape-Mitschnitt konnte man noch machen, was man wollte. Die heutigen CDs und DVDs der jeweils neuesten Generation werden von den Verkäufern nach allen Regeln der Kunst so hergerichtet, dass sie für den Käufer tendenziell unbrauchbar werden. Er kann sie nicht mehr kopieren, auch nicht für private Zwecke. Der Kopierschutz bewirkt, dass immer mehr Geräte den geschützten „Text“ überhaupt nicht mehr entziffern können. Und bei „downloads“ aus dem Internet wird der verkaufsfördernde Verfall gleich mitgeliefert. Wer ein und denselben Song mehr als ein halbes Duzend mal hören möchte, gilt als verrückt (wie die Oma, die ein einfaches Telefon möchte) oder gleich als kriminell.
Wer wünscht sich immer neue, immer avanciertere Technologien, die vorhandene Sammlungen und Archive entwerten? In Quentin Tarantinos wunderbarem Film „Jackie Brown“ gibt es eine Szene, in der die Heldin, eine schwarze Stewardess mittleren Alters, die in Schwierigkeiten steckt, sich über ihre kleine Plattenkiste beugt, weil sie ihrem „Retter“ einen Song von den Delfonics vorspielen möchte. Auf seine (gespielt!) erstaunte Frage, ob sie denn nicht auf CDs oder dieses neue Zeug umsteigen wolle, antwortet sie nur: Ich kann es mir nicht leisten immer wieder von vorn anzufangen. Eine lebenssatte Einsicht. Die Versprechen der rasant fortschreitenden Technik dagegen sind solche der immer wieder neuen Leere und des Zwangskonsums. Der immer neuen Möglichkeiten, die einem das Leben, die Erinnerungen und den kostbarsten aller Rohstoffe (Zeit!) rauben. Ganz junge Leute erkennt man daran, dass sie es „geil“ finden, über möglichst viele Funktionen zu verfügen. Mit so viel Funktionen muss die Freiheit grenzenlos sein. Wer würde da schon den Schweiß scheuen, sich mit ihnen vertraut zu machen.
Die definitive Tragikomödie der modernen Technik, die einen zum Sklaven macht und entwürdigt, findet sich in „Jahrmarkt der Eitelkeiten“, Tom Wolfes Roman über das Yuppie-Größenwahn-Jahrzehnt, die 80er-Jahre des letzten Jahrhunderts, im Moloch New York. Da besitzt ein Börsenmakler, der sich selbst als „master of the universe“ begreift, eine Multi-Millionen-Maisonette-Wohnung mit allem, was das Techniker-Herz begehrt – und muss doch, wenn er seine Geliebte anrufen möchte, bei strömendem Regen und einem sich sträubenden Hund an der Leine, zur nächsten öffentlichen (und natürlich sehr „old-fashioned“) Telefonzelle. Warum? Weil diese Wunderwerke der Technik alles, was sie können, auch noch dokumentieren. Und wenn man diese Möglichkeit unterdrückt, also Spuren verwischt, wird die Ehefrau zurecht misstrauisch.
Und wozu der Hund? Er ist das Alibi. Er will angeblich unbedingt nach draußen, auch wenn er sich mit allen Vieren sträubt, weil ihm sein gesunder Instinkt sagt, dass das Trockene besser ist als das Nasse. Und was tut der Herr des Universums, wenn er endlich Hund, Schirm und sarkastische Nachbarn „im Griff“ hat? Er ruft bei seiner Ehefrau an. So viele Möglichkeiten und immer derselbe Zwang. Ein Menetekel für die hochauflösende Projektionsfläche der Moderne: Je besser, desto schlechter. Könige werden zu Knechten. Wer seine Souveränität bewahren möchte, sollte abrüsten und auf die „Jackie Brown“ in sich hören.
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