Jenseits von gefühllosem Drill
Seymour Bernsteins Klavierschule leitet zu selbstbeherrschter Übungspraxis an
Ein Artikel von Aylin Leysieffer.
Seymour Bernstein nimmt die Person in den Blick. Er fordert jeden Pianisten, der sein Klavierspiel ernsthaft verbessern möchte, dazu auf, sich seiner eigenen Begabung bewusst zu werden. Ungeachtet seines Alters und Entwicklungsstandes soll er sich einen individuellen und zugleich ziel-orientierten Trainingsplan erstellen, mit dessen Hilfe er zu einer selbstbeherrschten Übungspraxis gelangt. Dass es für die Beherrschung eines Instruments jahrelanger, mitunter einsamer Übungsstunden bedarf, ist nicht erst seit diesem Buch bekannt. Bernsteins Beitrag hilft, mit den Problemen des täglichen Übens umzugehen. Er rät zu Übungen, die die Konzentrationsfähigkeit schulen, und entwickelt Techniken, die einen besseren Umgang mit dem eigenen Körper ermöglichen. Diese Übungen fördern die Ausdrucksfähigkeit des Musikers, fern von gefühllosem unmusikalischem Drill.
Das Buch gliedert sich in drei große Abschnitte mit Unterlektionen, die auf den ersten Anblick zwar etwas un-übersichtlich erscheinen, bei einer vertiefenden Studie einzelner Aspekte jedoch ein schnelles und präzises Nachschlagen ermöglichen. Dennoch empfiehlt es sich, das Buch zunächst im Ganzen zu lesen, denn an manchen Stellen gleicht es eher einer musikalischen Biographie als einem Studienbuch. Bernstein erzählt von seinen Erfahrungen als Pädagoge und Konzertpianist und berichtet dabei auch von eigenen Angst- und Versagenserlebnissen. Fragen rund um das Thema der Auftrittsangst widmet sich Bernstein in seinem letzten großen Kapitel „Selbstverwirklichung durch öffentliches Auftreten“, in dem es zum Beispiel um das Phänomen des plötzlichen Blackouts beim Auswendigspielen geht und darum, wie man solchen Horrorszenarien vorbeugen kann.
In seinem ersten Abschnitt „Der Sinn des Übens“ antwortet Bernstein mit fünf exemplarischen Beispielen aus seinem Unterricht auf die Frage, was uns vom Üben abhalten kann. Diese Herangehensweise liefert keine systematisierbaren Rückschlüsse, die auf jeden Typ zugeschnitten sind, vielmehr bietet sie dem Leser einen Anreiz, über die eigene Musikerpersönlichkeit nachzudenken. Im zweiten Abschnitt thematisiert Bernstein Einzelaspekte des Klavierspiels, in denen er zahlreiche Tipps verrät: wie man sein Blattspiel verbessert, ob man langsam oder schnell üben soll, wie man Alberti-Bässe richtig spielt und wie man seine Technik mit Hilfe einer kontrollierten Körperhaltung verbessert. All dies wird in zahlreichen Übungen vertieft. Als besonders wertvoll stellen sich hier die Lektionen „Pedalisieren“ und „Choreographie oder Bewegungsstrategien“ heraus. Letztere erklärt, wie man seine Bewegungen beim Klavierspielen richtig koordiniert. Dazu hat Bernstein ein eigenes Übungsbuch entwickelt, das ebenfalls bei Schott Music erhältlich ist.
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