Kulturkämpfe, Staatsaktionen
Ein Artikel von Helmut Hein.
Gute Zeiten also für Kultur? Macht die kalte Frontluft die Hirne rein und klar, verschwinden vor den größeren Horizonten Zensurwünsche aller Art? Das nun auch wieder nicht. In Regensburg wurde beim Papstbesuch ein Mann, der sich nicht umstandslos in die Masse der Jubler einreihen wollte, sondern dem Ehrenbürger der Stadt, Joseph Ratzinger, lieber den Effenberg‘schen „Stinkefinger“ zeigte, prompt und brachial von Polizisten abgeführt. Gefahr in Verzug? Notwendige öffentliche Hygiene? Karl Valentin plädierte einst in derlei Fällen für Aufregungs-Abrüstung. Sein Vorschlag: So etwas ignorieren wir nicht einmal. Aber mittlerweile scheint Hysterie Bürgerpflicht und die Bibel wird auf den Kopf gestellt: Warum sich mit dem Balken im eigenen Auge beschäftigen, wenn man sich über den Splitter im Auge des anderen so wunderbar erregen kann? Sind Splitter denn nicht gefährlicher als Balken? Und ist es nicht endlich an der Zeit zu sagen, wie es ist: dass man selbst im Recht ist und die andere Seite, a priori und per definitionem, im Unrecht?!
Die westliche Wertegemeinschaft hat in diesen harten Zeiten längst die Fähigkeit zur Selbstironie und Äquidistanz verloren, mehr jedenfalls als der viel geschmähte persische Gottseibeiuns Ahmadineschad. Der wollte uns seine Empfindlichkeiten verständlich machen, indem er die dänischen Mohammed-Karikaturen mit seiner Einladung zu einem Holocaust-Karikaturen-Wettstreit konterte. Der Adressat aber verstand die Botschaft nicht – „seht her, auch für euch gibt es Dinge, über die ihr nicht lachen könnt“ – und reagierte mit gesteigerter Empörung. Ahmadineschads Regietheater-Einfall verletzte offenbar den neusten Kunstfreiheits-Sinn. Nur gut, dass es Kunst- und Kulturereignisse gibt, auf die sich alle einigen können. Die Entscheidung für den türkischen Autor Orhan Pamuk beim diesjährigen Literaturnobelpreisträger-Contest fand ungeteilte Zustimmung; jedenfalls in den deutschen Feuilletons. Warum? Weil Orhan Pamuk das schon ist, was alle Orientalen erst noch werden sollen: ein „Westler“. Einer, der unsere Kultur besser versteht (und folglich auch besser findet) als die eigene. Der „Brückenschlag“, für den er gerühmt wird, fängt irgendwo an, aber er endet in unseren Hirnen und Herzen und bei unseren Normen und Werten. Die sind, was wir schon länger wissen und was die anderen endlich einsehen sollen, die besseren. Nicht die besseren für uns, sondern überhaupt die besseren. 656.000 tote Iraker sind bis jetzt die Folge des amerikanischen Befreiungsfeldzugs gegen das böse Saddam-Regime, konnte man kürzlich in der „Süddeutschen“ lesen. So viele konnte Saddam beim bösesten Willen nicht foltern und töten. Vor allem, da man auf den hinteren Seiten der Gazetten lesen kann, dass selbst die Foltertechniken im neuen Irak verglichen mit denen Saddams Fortschritte gemacht haben: So gut, soll heißen: so böse wie jetzt wurde noch nie gefoltert. Aber solche Einwände klingen beckmesserisch, ja vor und nach allen Tatsachen unakzeptabel. So unakzeptabel wie die freien Wahlen in Palästina, die dummerweise ohne alle Fälschungen die Hamas an die Regierung brachten. Und so unakzeptabel wie der Richter im Saddam-Prozess, der in einem schwachen Moment behauptet hatte, Saddam sei kein Diktator gewesen – und prompt ausgewechselt wurde, wegen der Unabhängigkeit des Gerichts, die durch so etwas bedroht ist. Beim derzeitigen Kulturkampf und dem globalisierten Staatstheater braucht es viel Fingerspitzengefühl. Nicht jeder Einfall ist ein guter Einfall. Und selbst die universellste Moral sollte hinreichend parteiisch sein. Wer wen, brachte Lenin einst die Fairness-Regeln im Klassenkampf auf den Begriff.
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