La Paloma – und ein Wind weht von Süd
Alles über die „Ursonate des Pop“ – Film, Buch und CDs
Ein Artikel von Viktor Rotthaler.
Der Soundtrack beginnt mit einer traumhaften Glockenspielfassung von „La Paloma“ aus der Heimat von Iradier. „Wir sind in Vitoria, der schmucken Hauptstadt des Baskenlandes, auf dem Vorplatz des Rathauses“, schreibt Kalle Laar in seinen Liner Notes.
„Von dort aus erschallt jeden Tag um zwölf Uhr mittags ,La Paloma’ über den Platz in die Stadt, eher leise, kurz, aber doch auf eindringliche Weise präsent. Sonst erinnert wenig an den eigentlich berühmtesten Basken, um die Ecke noch eine Bronzeplakette, aber auch in dieser Stadt wissen nicht viele Menschen, dass ,La Paloma‘ eben kein Volkslied ist, wahlweise der Kubaner, Mexikaner, Deutschen, Basken, Spanier, Hawaiianer, Zanzibarer und wer sonst noch auf dieser Welt das Lied für sich reklamiert.“ Der Weg war also vorgezeichnet für die Filmemacherin Sigrid Faltin, die natürlich auch nicht auf Freddy Quinn und Elvis Presley verzichtet. Wichtiger scheinen ihr aber die „folkloristischen“ Verkleidungen der einstigen kubanischen Habanera, die vor rund 150 Jahren komponiert wurde, zu sein. Und um die geht es vor allem auch im exzellenten Buch zum Film, das pünktlich zum Start im Marebuchverlag erschienen ist, und das sie zusammen mit dem Musikjournalisten Andreas Schäfler verfasst hat: „La Paloma. Das Lied.“
Im Vorwort haben die Autoren einige der Metamorphosen dieses Jahrhundertliedes, die sie beschreiben, zusammengefasst: „In Mexiko rührte ,La Paloma’ den unglücklichen Habsburger Kaiser Maximilian zu Tränen, während seine republikanischen Gegner sich zur selben Melodie über das Kaiserpaar lustig machten.
Als Wiener Walzer oder Marsch kam ‚La Paloma‘ nach Europa und wurde erwachsen. Hans Albers’ alkoholgetränkte Version wurde von Goebbels verboten, während in Auschwitz die Kinder zu den Klängen von ,La Paloma’ ins Gas geschickt wurden. Das Lied war beim ,Wunschkonzert für die Wehrmacht’ ebenso gefragt wie wenig später in der Wirtschaftswunder-Ära. Auf Sansibar wird es bis heute auf Hochzeiten gespielt, im rumänischen Banat tröstet es bei Beerdigungen die Hinterbliebenen.“
Ins „Kabinett des Dr. Kalle Laar“ führt uns schließlich das letzte Kapitel dieses wunderbaren Buchs, eine kommentierte „La Paloma“-Diskografie. Nach Genres unterteilt haben die Autoren die „La Paloma“-Fassungen auf den vier ersten Trikont-CDs, die dem Buch beiliegen: Klassik, Jazz, Pop, Folk, Schlager und „Findelkinder“. Mit meinem Lieblingsfindelkind Jaco klingt dann auch dieser Überblick aus. Jaco ist übrigens ein singender Papagei, der „La Paloma“ in einer DDR-TV-Show interpretierte. Von Albers zum Albernen ist oft nur ein Katzensprung.
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