Langsamkeit und leise Klangwelten

Harald Weiss’ neues Streichquartett: ein typisches Kind der Postmoderne


(nmz) -

Harald Weiss: „Stille Mauern“ für Streichquartett und Zuspielbänder. Partitur und Stimmen, 2 CDs, Schott ED 9963 (2006)

Ein Artikel von Manfred Krüger.

Ausgabe: 
5/08 - 57. Jahrgang

Langsamkeit und im Wesentlichen die leiseren (stilleren) dynamischen Dimensionen sind prägende Merkmale des im Frühjahr 2006 erschienen Streichquartetts von Harald Weiss. Bewusst setzt er darin einen Kontrapunkt zum heutigen „Zeitgeist, in dem möglichst viele Informationen in kürzester Zeit untergebracht werden sollen“ (Harald Weiss). In den „Stillen Mauern“ gelingt ihm eine Komposition, die trotz oder gerade wegen des langsamen Zeitmaßes und der – bis auf wenige Ausnahmen – leisen Töne einzelne Motive, Klänge und Klanggeflechte und deren Entwicklung den Zuhörer von Beginn an in ihren Bann ziehen. Die Spannungsverläufe vollziehen sich stetig. Abrupte Wechsel der Parameter, die den Adrenalinpegel in die Höhe schnellen lassen, gibt es nicht. Die Eindringlichkeit dieser Musik entspringt der Beständigkeit des Flusses von harmonischen und motivischen Ereignissen, in dem faszinierenden Spiel mit Klangfarben und der dramaturgisch geschickten Nutzung des Raumklanges mit Hilfe einer elektroakustischen Anlage. Die akustischen Gegebenheiten von Kirchenräumen, für die die „Stillen Mauern“ in erster Linie gedacht sind, verstärken diesen Effekt und ermöglichen die vom Komponisten beabsichtigte Verschmelzung von Melodien zu Harmonien, die Verdichtung rhythmischer Strukturen zu oszillierenden Geflechten und das Hören und Verfolgen von Klang und Nachklang bis hin zum Verhallen. Einspielungen mit Hilfe der elektroakustischen Anlage erweitern die klanglichen Möglichkeiten eines Streichquartetts und wirken wie musikalische Grenz-überschreitungen und Horizonterweiterungen, in denen sich die Wirkungsbreite von Harald Weiss als Komponist und Interpret widerspiegelt. Die klanglich und ästhetisch mit dem Streichquartettklang verwobenen Kirchenglocken, bulgarische Frauenstimmen, Flüsterstimmen mit Chor, Moscheerufe et cetera verbinden die musikalische Bandbreite eines durch die Welt gereisten Percussionisten und seine dramaturgische Dimension als Bühnenkomponist mit seinem sehr geglückten Rückgriff auf die traditionsreiche Form des Streichquartetts.

Da Weiss bewusst auf virtuose Elemente und komplexe rhythmische Schwierigkeiten, wie sie in zeitgenössischer Literatur oft anzutreffen sind, verzichtet, sind die „Stillen Mauern“ durchaus auch für ambitionierte Liebhaber spielbar. Große klangliche Präsenz und Variabilität sind allerdings unabdingbar für eine überzeugende Interpretation. Ebenso ein Intonationskonzept, das den Gegebenheiten der Tonalität ebenso Rechnung trägt wie der erweiterten (freien) oder der sich auflösenden Tonalität in den Passagen, wo Klangfarben und -gebilde die Dramaturgie prägen. Die subtile Intensität der Musik, ihre langen Spannungsbögen, die teilweise sehr langsamen Tempi und die dynamischen Parameter (bis hin zum al niente) stellen zudem hohe bis höchste Ansprüche an das instrumentale Handwerkszeug der Interpreten.

Die harmonischen Strukturen der „Stillen Mauern“ bewegen sich vorwiegend in der Tonalität, „die sich mitunter aufzulösen scheint, aber immer wieder in ein Zentrum zurückkehrt“ (Harald Weiss). Insbesondere dieser Umstand und die bewusst gewählte rhythmische Schlichtheit lassen Protagonisten (aus der Szene) der „Neuen Musik“ möglicherweise die Stirn runzeln. Die „Stillen Mauern“ entziehen sich allerdings Etikettierungen und schablonenhaften Zuordnungen wie „Traditionalismus“ oder „New Age“. Am ehesten passt der großzügig Vieles einschließende Begriff der Postmoderne. Zum Verständnis der Musik trägt er aber kaum bei.

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