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Geräuschtöne. Über die Musik von Carola Bauckholt, hrsg. v. Jürgen Oberschmidt, ConBrio, Regensburg 2014, 190 S., Abb., Notenbsp., € 19,90, ISBN 978-3-940768-51-3
Geräuschtöne. Über die Musik von Carola Bauckholt, hrsg. v. Jürgen Oberschmidt, ConBrio, Regensburg 2014, 190 S., Abb., Notenbsp., € 19,90, ISBN 978-3-940768-51-3
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Lauschangriffe in (un-)gewohnter Umgebung

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Auftakt der Weingartener Schriften zur Neuen Musik mit der Komponistin Carola Bauckholt
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Seit annähernd 30 Jahren sind die Weingartener Tage für Neue Musik eine Institution in der Vermittlung zeitgenössischer Komposition, bei der Ikonen der Avantgarde wie Cage, Stockhausen, Kagel und Lachenmann zu Gast waren. Ab sofort (und man fragt sich sogleich: warum eigentlich erst jetzt?) werden die dreitägigen Komponistenportraits von einer Schriftenreihe flankiert, die sich der Initiative des Musikpädagogen und Musikwissenschaftlers Jürgen Oberschmidt verdankt. Der vielversprechende Auftakt ist Carola Bauckholt (die 2014 in Weingarten zu Gast war) gewidmet und bündelt Texte, die zum Teil bereits in anderen Kontexten veröffentlicht, größtenteils aber eigens für diese Publikation geschrieben wurden.

Es könnte kaum eine passendere Künstlerin für diese editorische Premiere geben, verkörpert Bauckholt doch wesentliche Tugenden des Festivals gleichsam in Personalunion: den Willen zur ästhetischen Grenzüberschreitung, kommunikative Unmittelbarkeit der künstlerischen Produktion und einen Fokus auf das Hören als elementare Voraussetzung musikalischer Gegenwart. Der Titel ist Programm, verweist der Begriff „Geräuschtöne“ (als Titel eines Bauckholt-Stückes für Violine, Violoncello und Perkussion) doch auf eine der wesentlichen Charakteris-tika ihrer Ästhetik: die Vermischung instrumentaler und konkreter Klangqualitäten. Eine akustische Zwischenwelt, in der die einstige Kagel-Schülerin sich ebenso wohl fühlt wie in der Ambivalenz von Kunst und Alltag oder der Doppelung von Hören und Sehen im Kontext von Traditionen „instrumentalen Theaters“.

Die Beiträge nehmen diesen vielfältig miteinander verknüpften Themen-Komplex aus verschiedenen Perspektiven mit unterschiedlicher Eloquenz und Tiefenschärfe in den Blick, was freilich nicht ohne Redundanzen und O-Ton-Wiederholungen abgehen kann. Dabei werden die Erörterungen zumeist en Detail an spezifischen Werken exemplifiziert (viele instruktive Partiturexzerpte!), was bei Bauckholt, die ihr intermediales Klanggeschehen minutiös auskomponiert, besonders Sinn macht; darüber hinaus stellt der Band eine Fundgrube zu Aspekten des szenisch-performativen in der Neuen Musik ganz allgemein dar. Sehr angenehm: die Mischung aus akademischen und musikjournalistischen Zugangsweisen, eine Gepflogenheit, die Monografien insbesondere zur Gegenwartsmusik seit geraumer Zeit ein Plus an Lebendigkeit verleiht.

Hubert Stein veranschaulicht zu Beginn programmatisch, wie sehr Bauckholts Musik von unmittelbaren Alltagserfahrungen inspiriert ist und setzt dabei die wichtigsten biografischen Wegmarken und ästhetischen Orientierungspunkte im Dunstkreis des Thürmchen Ensembles. Sein profunder Überblick legt den Schwerpunkt auf das für Bauckholts Musik wesentliche Prinzip der „Wahrnehmungsverschiebung“ und „Kontextverrückung“ in der kompositorischen Transformation scheinbar alltäglicher akustischer Ereignisse. Wie sehr diese Musik von einer leidenschaftlichen Lust an der Geräusch-Suche bewegt wird und darin überkommene Polaritäten von Ton und Geräusch vollkommen an Bedeutung verlieren, darauf verweist Torsten Möller, während Lydia Jeschke sich dem tierischen Potential der Klang-Mimikry Bauckholts annimmt. Die substantielle Verarbeitung von Tierstimmen (wie sie sich in Stücken wie „Instinkt, Lichtung“ oder „Zugvögel“ in vokaler und instrumentaler Nachahmung zeigt) findet hier systematische Erörterung im Hinblick auf die gegenseitige Befruchtung von Natur und Kunst, wo Naturlaut ästhetisiert (und damit bewusster wahrgenommen wird) und umgekehrt als kompositorisches Material der Kunst neue Dimensionen aufschließt.

Auch Herausgeber Jürgen Oberschmidt wendet sich in einem sympathisch subjektiv eingefärbten Essay intensiv der Natur in Bauckholts Werk zu, stellt Bauckholts Ästhetik im Spannungsfeld von Notat und spontanem Klangerleben jedoch insgesamt in die Tradition einer „Kunst des Hörens“, die die Konzentration auf den klingenden Augenblick schärft und dabei die Wahrnehmung selbst thematisiert.

Welche Konsequenzen die Verwischung der Grenzen und bewusste Verunklärung der Quellen von Instrumental- und Geräuschklang in Bauckholts Intermedialität zeitigt, erörtet in einem instruktiven Text Karolin Schmitt-Weidmann, vor allem unter dem Aspekt des Visuellen, wie er sich in der Werk­reihe „In gewohnter Umgebung“ zeigt. Bauckholts genau kalkulierte Wahrnehmungsverwirrungen sollen an der Schnittstelle zur Lebenswirklichkeit individuelle Assoziationsräume schaffen und konventionelle Erwartungshaltungen des Hörers grundlegend hinterfragen und erweitern. Zwar hinkt ein Vergleich Schmitt-Weidmanns mit den Strategien Helmut Lachenmanns (der alles, nur keine „Geräuschübersetzung auf Konzertinstrumente“ betreibt), die produktive Herausforderung unserer „Wahrnehmungsautomatismen“ ist jedoch auch bei Bauckholt zentral und wird von der Autorin am „instrumentalen Theater“ von „hellhörig“ veranschaulicht, in seiner totalen Konzentration auf die (visuell-szenischen) Qualitäten der Klangerzeugung ein Schlüsselwerk der Komponistin.

Auch Julia Cloot ist auf der Suche nach den einkomponierten Doppelbödigkeiten der szenischen Geräusch-Poesie von „hellhörig“ (Cloot bevorzugt hier den Begriff „Klang-Theater“) und ist noch mit zwei weiteren Beiträgen vertreten: Neben etwas konstruiert wirkenden Analogien zur Poetik von Jean Paul („Im Lupenglas“) ist es vor allem die „Verflechtung von Bild und Ton“, der ein ergiebiger Text zu „In gewohnter Umgebung III“ für Violoncello, Klavier und Video gewidmet ist. Dabei macht Cloot das Prinzip der „Überblendung“ als zentrales Element im Spiel mit Identitäten, Analogien und Widersprüchen dingfest, wobei die Autorin dankenswerterweise auch die (selbst-)ironischen Züge einer auch das Kunstmachen reflektierenden Kunst nicht außer Acht lässt.

Dass Bauckholts Kompositionen sich keinesfalls in ihrer konkreten Klanglichkeit erschöpfen, sondern in so spielerischer wie semantisch vielschichtiger Weise existentielle Befindlichkeiten und Affekte transformieren, wird häufig übersehen. Umso interessanter ist der Versuch von Gerhard Schmitt einer „symboltheoretischen Analyse“  mit dem Werkzeug einer „tiefenhermeneutischen Analysesystematik“. Schmitts umständlicher und theorielastiger Text kommt jedoch trotz detaillierter Betrachtung einiger Stücke wie „Keil“ und „nein allein“ in der Herausarbeitung „metaphorischer Konzepte“ leider kaum zu erwähnenswerteren Ergebnissen. Auch Schlussbemerkungen wie „Als weiterer Analysebefund darf die mit jedem Werk zunehmende Meisterschaft Bauckholts in der Explizitheit der handwerklichen Umsetzung ihrer künstlerischen Arbeiten gelten“ lesen sich nicht gerade wie Sternstunden musikalischer Hermeneutik.

Weitaus überzeugender und tiefschürfender erscheinen da – auch ohne theoretisches Vorgeplänkel – Martina Seebers Deutungen von „Laufwerk“ und „Sog“, die das assoziativ-ambivalente Wesen der Bauckholt’schen Musik im Sinne der Camouflage interpretieren und endlich auf die betont surrealen und irrationalen Züge klanglicher Mimesis hinweisen! Sehr interessant auch die Ausführungen von Marion Saxer über die vielfältige Verwendung der Stimme zwischen Lautartikulation, Phantasie-sprache und Sprechtext im Zusammenwirken mit der visuellen Ebene.

Zu guter Letzt hat Reinhard Schulz das posthume Wort. Ihm verdanken wir einen der schönsten und treffendsten Gedanken dieser Publikation, wenn er anmerkt, Bauckholts Musik wende sich „den Scharnieren zu, die zwischen einem vernommenen Klang und unserem Bewusstsein geschaltet sind – den Verzweigungen zwischen Wahrnehmung und Deutung, die auch den Prozess der musikalischen Gestaltung mitbestimmen.“ Wenn in Carola Bauckholts Musik das Gewohnte ungewohnt und das vermeintlich Grenzwärtige wie selbstverständlich daherkommt, geht es also vor allem immer um eines: uns selbst ...

Man ist – leider – daran gewöhnt, dass Sammelpublikationen kein Regis­ter besitzen, dass jedoch auf eine Bibliografie (und Diskografie) verzichtet wurde, überrascht. Dafür glänzt dieser spannende Portraitband mit einem detaillierten Werkverzeichnis, dem bei Carola Bauckholt naturgemäß ein besonders „sprechender“ Charakter zukommt. Ein „Lauschangriff“ (1995) in Titelform, wenn man so will ...

Geräuschtöne. Über die Musik von Carola Bauckholt, hrsg. v. Jürgen Oberschmidt, ConBrio, Regensburg 2014, 190 S., Abb., Notenbsp., € 19,90, ISBN 978-3-940768-51-3

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