Lohnende Wiederbelebung

Louis Spohr (1784–1859): Der Alchymist.


(nmz) -
Louis Spohr (1784–1859): Der Alchymist. Bernd Weikl, Moran Abouloff, Jörg Dürmüller, Jan Zinkler; Chor des Staatstheaters Braunschweig, Staatsorchester Braunschweig; Christian Fröhlich. Oehms Classics OC 923
Ein Artikel von Hanspeter Krellmann.

Zu seinen Lebzeiten war Louis Spohr ein Komponist und Musiker von höchstem Bekanntheitsgrad. Als Violinvirtuose stand er mit Paganini, der seine Konkurrenz respektierte, auf einer Ansehensstufe. Heute gehört Spohr zu den vergessensten Komponisten deutscher Herkunft. Er stand im Übergang von Klassik und Klassizismus zur Romantik, war zwei Jahre älter als Carl Maria von Weber und starb drei Jahre nach Robert Schumann. In der Rückschau kann das als Grund für seine musikstilistische, gar musikpolitische Positionierung zwischen allen Stühlen schwerlich herhalten. 

Aber Spohrs Ansehen und seine Auszeichnungen vor anderen, wie auch immer das sich zugetragen haben mag, schwanden nach seinem Tod zusehends. Historisch gerecht ist das mitnichten. Spohrs Werk, in über zweihundert Opusnummern zählbar, besetzt alle Genrebereiche. Zehn Opern, zehn Sinfonien, sechzehn Violinkonzerte, eine überquellende Fülle fantastischer Kammermusik haben sich keine Repertoire-Heimat gewonnen. Einige Ausnahmen stellen das Bild nicht in Frage. Ein Wechselgefälle in Ansehensfragen existiert in allen Künsten zuhauf. Einschränkungen beziehungsweise Gleichgültigkeit gegenüber Spohr, zumal im Schatten Beethovens und Schuberts, würden unter historizistischem Blickwinkel einleuchten. 

Über die objektiv kontstatierbare Wirkungskraft seiner Musik sagt das nichts aus. Denn zu deren Vergegenwärtigung versperren Informations-Komplikationen den Zugang. Im öffentlichen Musikleben wird Spohrs Werk nicht mehr berücksich-

tigt. Der Tonträger-Sektor hält dagegen etwa achtzig CD-Editionen bereit. Die jüngst erschienene Kassette bereichert dieses Angebot: Dem Label Oehms ist es zu danken, sich für Spohrs zweitletzte Oper, „Der Alchymist“ (1829/30), ein bislang unbekanntes Opus, engagiert zu haben. Die Edition beruht auf einer szenischen Produktion in Braunschweigs Staatstheater im Mai 2009. Christian Fröhlich, ihr Dirigent, hat dank emsiger Nachforschungen diese Oper aufgespürt und technisch-musikalische Voraussetzungen für eine Aufführung geschaffen. Die Handlung sollte einer willigen Rezeption des Werkes nicht im Wege stehen, akzeptiert doch der Opernfreund in den florierenden Spielplänen auch manches Beiläufige. 

Eher stört hier der redselig ausufernde Dialog, der Sängern einiges zumutet und, wie zu hören, abverlangt. Die Musik dagegen ist mehr als kennenswert, wenngleich sie sich nicht durchweg durch frische Kompositionseinfälle auszeichnet. Der Klangweg verläuft eher gleichmäßig. Spohr stand hier noch im Zenith seiner Schaffenskraft, hatte aber wohl am Genre Oper ein wenig die Lust verloren. Wer es mit ihm ernst meint – und darauf hat er ein Recht – sollte die Aufnahme des Alchymisten begrüßen. 

Von einer lohnenden Wiederbelebung ist zu sprechen, die zum heute verloren gegangenen Gesamtbild des Komponisten beiträgt. Dafür einzusetzende Hebedienste bleiben fast immer auf weniger herausgehobenen, dafür entschieden pflichtbewusst arbeitenden Operninstituten hängen. Das nötigt Respekt und Anerkennung ab, die schwerer wiegen als ein glamouröses Erscheinungsbild mit hochwertigen musikalisch-dramaturgischen Einzelleistungen. Der Zugang zu dem Werk ist nun keiner Bühne länger versperrt.

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