Melodie

Cluster 2016/02 - Gordon Kampe


(nmz) -
Als ich jung war, regierte Helmut Kohl. Ich hatte Playmobil, Winnetou, eine Klarinette – und dass Viktor Worms mittlerweile die Hitparade moderierte, konnte ich verkraften. Die Welt schien in Ordnung. Und dieser Schein war damals für viele vielleicht auch der Auslöser eine Musik zu schreiben, so meine steile These, die sich einer Ästhetik des Fragments widmete. Hier spürte man, war irgendwie zu viel in „Ordnung“. Sobald ich – und ich bin Optimist – meine privaten Gemächer durch einen Blick in die Welt verlasse, so scheint mir gegenwärtig nichts in Ordnung zu sein.
Ein Artikel von Gordon Kampe

Eine unterkomplexe Binse, ich weiß. Ich höre viel Musik. Und wenn ich auf viele fremde und eigene Stücke schaue, dann fällt mir auf: alles kaputt. Fetzen, Trash, Flackern und Verbeulungen und das gute alte Fragment wird so irre beschleunigt, dass selbst Hölderlin schwindelig würde. Gegenwartsanalyse funktioniert also prächtig. Das reicht mir aber nicht mehr. Da kam mir – und Allergiker bitte weiterblättern, es wird jetzt kitschig und naiv – die Melodie in den Sinn. Nicht die gute Alte, die bessere Neue.

Auf keinen Fall aber die Doofmacher-Melodie und auch nicht die, die nur aus Kaputtheiten besteht. Sondern die, die wir noch nicht kennen: die Zweitausendsechzehnsiebzehnachtzehn-Melodie. Wenn eine Melodie aus sinnvoll sich zusammenfügenden Teilen besteht, man also etwas bauen und fügen und nicht nur schreddern darf, dann brauchen wir Melodien als Sekundenkleber. Und wenn ich recht sehe, müssen wir sehr viel kleben.

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