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Manfred Bieler erhält beim Konzert „Zeitreise“ in Augsburg (7. Bayerisches Tonkünstlerfest) Beifall für „Poeme“, in der Mitte die beiden Interpretinnen Sylvia Hewig-Tröscher und Marie Schmalhofer. Foto: Franzpeter Messmer
Manfred Bieler erhält beim Konzert „Zeitreise“ in Augsburg (7. Bayerisches Tonkünstlerfest) Beifall für „Poeme“, in der Mitte die beiden Interpretinnen Sylvia Hewig-Tröscher und Marie Schmalhofer. Foto: Franzpeter Messmer
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Musik: selbstverständlich, nicht absurd

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Helmut Bieler wird von der Bayerischen Akademie der Schönen Künste ausgezeichnet
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Der Komponist Helmut Bieler erhält zusammen mit dem Kunstforum der Ostdeutschen Galerie Regensburg, dem Schriftsteller Albert von Schirnding und dem Kabarettisten Sigi Zimmerschied die diesjährigen Friedrich-Baur-Preise der Bayerischen Akademie der Schönen Künste. Die Preisträger werden in einer Matinee am 22. November im Theater Pfütze in Nürnberg gewürdigt. Franzpeter Messmer sprach mit dem Komponisten.

Franzpeter Messmer: Herr Bieler, wie kamen Sie zur Neuen Musik?
Helmut Bieler: Schon mit zwölf Jahren komponierte ich meinen ersten Walzer, es folgten Stücke im Stil der Kinderszenen von Robert Schumann, bis dann mein Klavierlehrer, Kapellmeister Robert Spilling, mich ermunterte, ein Paar „falsche“ Töne hineinzuschreiben: Hindemith und Strawinsky wurden nun meine Vorbilder.

Messmer: Wie fanden Sie Ihren eigenen Weg?
Bieler: Ich experimentierte viel. Mich interessierte die Klangwelt von Boulez und Messiaen. So wuchs ich immer mehr in die damals gegenwärtige Musik hinein. Improvisation beschäftigte mich sehr, auch als Lehrer an der Universität. Ebenso die aleatorische Phase inspirierte mich, allerdings nur ihre Klangwelt. Streng nach Reihen komponierte ich nie, obwohl ich die Technik studierte. Ich muss beim Komponieren die Klänge und Gesten spontan im Ohr haben, kann sie nicht in Form einer Reihe konstruieren. Im Grunde schreibe ich von meinem Gehirn ab. Die Intuition ist der Ausgangspunkt, was aber nicht heißt, dass ich ohne Konzept schreibe. Ich habe klare formale und bildliche Vorstellungen. Ein Spannungsverlauf hat auch formal eine bestimmte Gestalt. Er führt zu einer bestimmten Form. Wie auch in der Tradition spielen Gegensätze eine wichtige Rolle, allerdings nicht nur dual, sondern eine viel größere Zahl von Gegensätzen. An der seriellen Musik störte mich, dass der Zusammenhang und der Sinn zwischen den Ereignissen fehlen. Zerrissenheit ist zwar für mich ein wichtiger Ausdrucksinhalt, sollte aber nicht die Kompositionstechnik bestimmen. 

Messmer: Wie entwickeln Sie musikalische Form?
Bieler: Ich erfinde eine dem jeweiligen Grundprinzip entsprechende eigene Form. Zum Beispiel hat das neue Klavierkonzert eine durchaus traditionelle Form, zwar nicht erstes und zweites Thema, aber zwei Prinzipien, die sich gegenseitig bekämpfen, fördern, sich in den hellen oder dunklen Bereich entwickeln. Man könnte diese Art der Form Durchführung nennen, allerdings umfasst diese Durchführung das ganze Stück, bildet nicht nur wie im klassischen Sonatensatz den Mittelteil. Diese Prinzipien sind keine Themen, ich nennen sie Gesten, melodische oder klangliche Verläufe. Diese Gesten verfolgen mich oft tagelang. Auch die Klangvorstellungen habe ich bereits im Kopf. Sie sind der Ausgangspunkt für klangliches Geschehen, für Verdunklungen und Aufhellungen oder für Transformationen, etwa dass die Töne immer näher zusammenrücken, so dass ein Cluster entsteht.

Messmer: Viele Menschen sind heute gegenüber Neuer Musik skeptisch. Welchen Zugang bieten Sie dem Publikum?
Bieler: Wichtig ist, dass das Publikum Informationen erhält, entweder durch eine kurze Einführung oder eine Erläuterung im Programmheft. Auch suche ich das Gespräch. So erkundigen sich nach den Konzerten viele bei mir und kommen dann ins nächste Konzert schon etwas informierter.

Messmer: Müssen Vorurteile abgebaut werden?
Bieler: Ja, man muss dem Publikum nahe bringen, dass Neue Musik etwas ganz Selbstverständliches und kein absurdes Verhalten ist. Die Menschen wollen wissen: Wie geht Komponieren? Wie fällt einem Komponisten so etwas ein? Ich sage dann, dass das so ist, wie wenn einem Schriftsteller eine Geschichte oder ein Gedicht oder einem Kunstmaler ein Bild einfällt.
Messmer: Sie setzen sich in Bayreuth auch als Interpret und Organisator für Neue Musik ein. So gründeten Sie das Ensemble „Musica Viva“.
Bieler: Initiiert von Udo Schmidt-Steingraeber, dem Inhaber der Klaviermanufaktur Steingraeber & Söhne, gab unser Ensemble Konzerte für Neue Musik in Bayreuth. Wir sind jetzt zu dritt: der Flötist Helmut W. Erdmann aus Hannover und Lüneburg, der Schlagzeuger Bernd Kremling aus Würzburg und ich am Klavier. Bald wird auch die Sängerin Maria Schmalhofer hinzukommen. Wir spielen natürlich Eigenes, aber auch andere Werke, wenn sie für die Besetzung passen. Viele Komponisten schreiben für unser Ensemble. 

Messmer: Sie gründeten auch ein Festival Neuer Musik in Bayreuth, das erstaunlich viel Publikum anzieht. Wie konnte das gelingen?
Bieler: Vor über 21 Jahren habe ich mich entschlossen, die Reihe „Zeit für Neue Musik“ ins Leben zu rufen. Ich meine damit doppeldeutig, „es ist Zeit für Neue Musik in Bayreuth“, aber auch „es ist die Zeit der Neuen Musik“. Ich konnte die Stadt davon überzeugen, dass das musikalische Leben hier nicht mit Wagner und Liszt endete. Als neuzeitlicher Komponist sehe ich es als meine Aufgabe an, dafür zu sorgen, dass sich Bayreuth nicht allein mit der Tradition begnügt. Dabei unterstützte mich der Kritiker Erich Rappl. Ich gab an der Universität Kurse über Neue Musik. Das regte junge Leute an, in die Konzerte zu gehen. Sie ermunterten andere, auch hinzugehen.

Messmer: Erhalten Sie Zuschüsse und unterstützen Sie Sponsoren?
Bieler: Von der Stadt erhalte ich 9.000 Euro, der Deutsche Tonkünstlerverband, der Ortsverband und der Landesverband Bayerischer Tonkünstler unterstützen uns. Udo Schmidt-Steingrae-ber ist unser wichtigster Sponsor.

Messmer: Welche Chancen hat zeitgenössische Musik in der Zukunft?
Bieler: Ich bin da nicht so skeptisch, wie man heutzutage zu sein pflegt. Man müsste allerdings die neue Musik auf eine breitere Basis stellen können. Selbst Darmstadt hat sich für eine größere Öffentlichkeit geöffnet. Donau-eschingen war schon immer für eine breitere Öffentlichkeit gedacht. Heute gibt es eine große Anzahl junger, begabter Komponisten. Ich kann nur hoffen, dass sie sich nicht verstecken werden. Dass im Bereich der Kultur das ökonomische Denken nicht mehr so im Vordergrund steht und hier eine Umkehr stattfindet, dazu will ich noch etwas beitragen.

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