Musiklehrkräfte im forschenden Blick
Ein Studie untersucht den Berufswahlprozess bei Lehramtstudierenden mit Fach Musik
Ein Artikel von Bernhard Hofmann.
Warum setzen sich junge Leute als Berufsziel, Musiklehrkräfte an Schulen zu werden? Was motiviert sie, Schulmusik zu studieren? Vorurteile zu solchen Fragen sind leicht zu haben, auch zählebige Mutmaßungen: Beim Schulmusik-Aspiranten reicht das künstlerische Können nicht aus für die Karriere als Profimusiker – die Studienwahl folgt also dem Shaw’schen dictum „he, who can, does; he, who cannot, teaches“. Das Motiv ist weniger die pädagogische Tätigkeit, als vielmehr die Studienratslaufbahn, die mit materieller Sicherheit winkt.
Solch wohlfeilen Spekulationen stehen einige neuere Studien zur Studien- und Berufswahl von Musiklehrern entgegen. In die Serie verdienstvoller Arbeiten, die kraft empirischer Forschung belastbare Argumente bereitstellen und damit die Diskussion zum Thema in sachliche Bahnen zu lenken vermögen, reiht sich Daniela Neuhaus’ Dissertation „Perspektive Musiklehrer/in“ ein.
Die Studie möchte den Prozess der Berufswahl bei Studierenden des Lehramts Musik untersuchen und „Anregungen für die Gestaltung von Studiengängen“ geben (S. 11). Die theoretische Fundierung schließt bei der Lehrerbildungsforschung mehrerer unterschiedlicher Fachdisziplinen an – ein Vorzug, der diese Studie von manch anderer musikpädagogischer Wortmeldung zur Sache abhebt. Die präzise Analyse pädagogischer, soziologischer und psychologischer Modelle, die Auswertung von Gender-Studien sowie die kritische Durchsicht einschlägiger musikpädagogischer Schriften liefern ein interessantes Kompendium zum Stand der Forschung, schärfen die Fragestellung und erschließen zielführende methodische Instrumente. Eine der Pointen, die Neuhaus einleitend herausarbeitet: „Berufswahl“ ist keineswegs als singuläres Ereignis zu fassen, wie es alltagsprachliches Wortverständnis nahelegen könnte. Vielmehr erweist sie sich als Teil eines vielfältigen Entwicklungsgangs, „Berufswahl“ bezeichnet also lediglich eine Facette im „Berufswahlprozess“. Neuhaus stellt klar, dass die Entscheidung für einen Studiengang nicht mit der Entscheidung für einen bestimmten Beruf zusammenfällt. Eine Beschränkung auf die Frage nach dem Berufswahlmotiv, wie in der Lehrerbildungsforschung häufig praktiziert, kann dem Gegenstand nicht gerecht werden.
Im Kern der Arbeit steht eine Fragenbogenstudie. Befragt wurden 209 Studierende an Musikhochschulen (Köln, Saarbrücken) und Universitäten (Köln, Dortmund) in unterschiedlichen Lehramtsstudiengängen im Fach Musik. Den Prämissen folgend, differenziert der Fragebogen zwischen Items zur Studienwahl und Items zu beruflichen Plänen. Ferner enthält er Fragen zu Bereichen, die für die berufliche Entwicklung bedeutsam sind, zum Beispiel pädagogische (Vor-)Erfahrungen oder Einschätzung des Studiums als Berufsqualifizierung.
Die Querschnittstudie führt zu aufschlussreichen Ergebnissen. Die Behauptung etwa, Schulmusikstudenten interessierten sich für den Lehrerberuf „vor allem aufgrund der günstigen Rahmenbedingungen und weniger aus pädagogischer Motivation“, weist Neuhaus als „insgesamt unbegründet“ zurück. Vielmehr stehen bei den befragten Studierenden pädagogische Interessen sowie der „Wunsch nach einer abwechslungsreichen, vielseitigen und kreativen“ beruflichen Tätigkeit im Vordergrund (S. 278). Ein „erheblicher Teil der Studierenden“ nutzt die Studienzeit als „Explorationsphase hinsichtlich der eigenen Fähigkeiten und der beruflichen Möglichkeiten“ (ebd.) – eine wichtige Erkenntnis für jene, die Studiengänge verantworten und gestalten.
Was die Items zur Wahl der Ausbildungsstätte (Universität oder Musikhochschule) betrifft, so weichen die Kataloge vorformulierter Antworten voneinander ab. Das verleiht einem Vergleich geringere Erklärungskraft. Minimale Unschärfen gibt es im historischen Detail (S. 93). Das kann die Qualität dieses Buchs aber nicht schmälern. Daniela Neuhaus legt eine kluge und sorgfältige Arbeit vor, die mit stringenter Anlage ebenso überzeugt wie mit argumentativer Klarheit, sicherem Urteil und schlackenfreier Sprache.
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