Neu: Die High Heels! – www.beckmesser.de (2011/09)
Ein Artikel von Max Nyffeler.
Auch die PR-Branche, die rund um die Uhr die Großtaten der Klassikkünstler anpreist, wird mit beschleunigten Halbwertszeiten konfrontiert. Mit einer Ausnahme, und die hat als Musterbeispiel für sachkundige Werbung alle Chancen, Kultstatus zu erreichen. Eine Kostprobe: „Sein Tastenanschlag ist sanft, statt muskulär, seine Tongebung ist spartanisch, statt blumig.“ Die Botschaft, die so freigebig mit Kommas und Adjektiven umgeht, wird von einem einst renommierten Plattenlabel an die „lieben Medienpartner“ verschickt und gilt einem Phänomen namens Ludovico Einaudi. Der oberitalienische Paradiesvogel gehörte in den 1980er und 90er Jahren zu den „Neoromantici“, jener Komponistengruppe, die gegen Nono, Sciarrino, Donatoni und andere alternde Langweiler Front machten und eine konsequent zeitgemäße Ästhetik propagierten, mal mit Kuschelsound, mal mit bombastischer Orchestermusik in Dur und Moll.
Nun wird Einaudi ganz bescheiden als „der populärste Komponist der Welt“ angepriesen, was mit seiner zweifellos wirkungsträchtigen Tätigkeit als Film- und Werbespot-Komponist begründet wird: „In jüngster Zeit unterlegte Einaudi den Film ‚Black Swan’ und die Kampagne von American Airlines mit seiner unverwechselbaren Musik“, meldet der Werbetexter und fügt den verqueren Satz hinzu: „Millionen von Fans begleiten Einaudi seit Jahren auf der musikalischen Essenzsuche des Italieners.“ Und da sich ein wenig Metaphysik immer gut macht, wenn es darum geht, den Verdacht schnöder Erfolgsgier abzuwehren, wird nachgedoppelt mit der starken Aussage, seine Kompositionen seien „kraftvolle Appelle an die Essenzen menschlichen Seins“. Was immer das auch heißen mag.
Es sollte irgendwie nach Höherem klingen, hat dem bedauernswerten Sprücheklopfer wohl jemand suggeriert, der glaubt, damit die E-Musik-Kundschaft erreichen zu können. Und so wird auch noch die Musikgeschichte bemüht: „Vergleiche mit Satie und anderen sind in erster Linie Schmeicheleien für Einaudi, der längst sein eigenes musikalisches Idiom geschaffen hat, das Richtung Modernismus weisen darf.“ Man darf angesichts dieser Rhetorik vermuten, dass der Werbepoet entweder nicht Deutsch kann oder sich darauf beschränkt hat, eine italienische Vorlage mitsamt ihrer spezifischen Rhetorik einfach mechanisch zu übersetzen. Von Inhalten hat er ohnehin keine Ahnung.
Doch darauf scheint es der Firma, die solche lächerlichen Zettel verschickt, auch nicht anzukommen, genau so wenig wie auf eine präzise Information. Vermutlich hat das mit der Musik doch mehr zu tun als man denkt. Und so freuen wir uns zusammen mit den Millionen Fans auf die Deluxe-Edition, die nicht nur vollkommen neue Kompositionen wie „High Heels“, sondern auch Klassiker wie „Eros“ und „Lady Labyrinth“ enthält. Klingt doch gut, irgendwie nach Berlusconi light. Der Textdichter schreibt, er würde sich freuen, wenn sein Geschwurbel in der Berichterstattung berücksichtigt würde. Der liebe Medienpartner freut sich seinerseits, ihm hiermit Genüge getan zu haben.
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