Neue Musik wie aus Geisterhand

Jeunesse Moderne 2005 auf Schloss Weikersheim


(nmz) -

Kratzen, Schaben, Klopfen, Pfeifen, Summen, Schreien und weitere kuriose Klänge versetzten die Besucher von Schloss Weikersheim zehn Tage lang in Ratlosigkeit über das Geschehen im Gemäuer. Ab Einbruch der Dunkelheit bis weit nach Mitternacht verwandelte sich das Schloss in ein gespenstiges Anwesen, da aus licht-erloschenen Räumen wie aus Geisterhand Neue Musik ertönte. Hinter Vorhängen, auf Stühlen stehend oder unter einem Tisch kauernd erblickte man bisweilen Silhouetten von Menschen und ihren Instrumenten.

Ein Artikel von Maria-Christina Plieschke.

Die Erklärung für die rätselhaften Vorgänge heißt Jeunesse Moderne, eine seit fünf Jahren bestehende Akademie für zeitgenössische Kammermusik: 40 Studenten und 13 Dozenten aus Deutschland, Frankreich, der Schweiz, Österreich und der diesjährigen Gastnation Tschechien erarbeiteten in zehn Tagen ein vielgestaltiges Spektrum Neuer Musik und stellten dies in vier Konzerten in Weikersheim und München vor. Das Repertoire wurde ergänzt von Improvisationsworkshops, in denen die Studenten neue Raumwege mit ihren Instrumenten zu beschreiten lernten. Insbesondere hierbei überbrückte die universelle Sprache der Musik Verständigungsbarrieren, führte die Studenten noch enger zusammen. Es entstand eine harmonische Gemeinschaft auch mit den Dozenten und dem Organisationsteam, in der das Individuum und seine jeweilige Kultur nicht verloren ging, sondern Respekt fand.

Im Mittelpunkt der täglichen Probenarbeit standen die Uraufführungen der drei „Jeunesse Moderne“-Kompositionsaufträge, die diesmal von Larisa Vrhunc (Frankreich/Slowenien), Sascha Lino Lemke (Deutschland) und Miroslav Srnka (Tschechien) stammten. Sie tauschten ihre Visionen und Vorstellungen von ihren Werken mit denen der Studenten aus und erarbeiteten gemeinsam ihre Stücke.

Mit „Considérant deux pages du journal“ präsentiert Larisa Vrhunc Auszüge aus einem musikalischen Tagebuch. Das Ergebnis sind zwei Tages-Miniaturen, wovon die erste sich durch einen klaren Puls und verschiedene Aspekte desselben charakterisiert und die zweite sich durch einen freien Strom von Tönen, geformt durch Harmoniewechsel, auszeichnet. Der klare Puls der Komposition ermöglicht Musikern wie Zuhörern, sich ganz auf den Klangrausch zu konzentrieren. „Les fées sont d’exquises danseuses“ nennt der Komponist Sascha Lino Lemke selbst einen „bisweilen recht verhuschten und immer schillernden Sommernachtstraum, durch den sich eine Art rhythmische Nachricht, vielleicht eine Art Relikt eines imaginären Bossa Novas eines João Gilberto, ihren Weg sucht.“ Das Werk ist eine Hommage an Debussy, dem er seine Wertschätzung nicht nur durch die Übernahme des Titels aus einem seiner Préludes offenbart, sondern auch durch seinen Kompositionsstil. Lemkes einkomponierte Arpeggien weisen auf virtuose Passagen aus Debussys Prélude. Die in „zu großen“ großen Sekunden gedachte Streicherscordatur erinnert an Debussys Ganztonklanglichkeit.

Miroslav Srnka setzt mit „Magnitudo 9.0“ ein Mahnmahl für das Seebeben im Indischen Ozean am 26. Dezember 2004, durch dessen Flutwellen über 180.000 Menschen ihr Leben verloren. Besonders der minutenlang ertönende Klang Thailändischer Plattenglocken erinnert an die Opfer der Katastrophe. Als angemessenen Rahmen für seine Komposition ließ Srnka bis auf die Instrumente und Gesichter der Musiker die Welt in Dunkelheit versinken. In dieser andächtigen Atmosphäre wurde das Meer und seine Mächtigkeit nicht nur hör-, sondern auch spürbar. „Magnitudo 9.0“ basiert auf einer konstant wiederholten Tonstruktur, die zwei voneinander weit entfernte Materialansichten der Musik des 20. Jahrhunderts zu vereinigen versucht: Spektralismus und Dodekaphonie.

Die Uraufführungen wurden mit begeistertem Applaus honoriert und versprechen eine lange Erfolgsgeschichte. Übrigens sind die „Jeunesse Moderne“-Auftragswerke der ersten drei Jahre auf CD dokumentiert und bei der JMD erhältlich.

Jeunesse Moderne stellt eines der gegenwärtig bemerkenswertesten Vermittlungskonzepte Neuer Musik dar und bietet in seiner Intensität einen höchst wirkungsvollen Zugang zu Neuer Musik und Improvisation für junge Musiker, die danach nicht selten die zeitgenössische Musikszene bereichern. In Kürze veröffentlicht das Institut für Kulturelle Innovationsforschung (IKI) in Kooperation mit der JMD die Studie „Interkulturelles Lernen durch Musikprojekte: Evaluation der interkulturellen Zusammenarbeit in High Performing Teams der Akademie für zeitgenössische Kammermusik Jeunesse Moderne“. Weitere Informationen unter www.jeunessesmusica les.de und www.iki-hamburg.de. Im nächsten Jahr findet Jeunesse Moderne in Südfrankreich statt, Gastland wird Italien sein.

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