Neues Instrument macht elektronische Musik in Echtzeit

Tasten oder Saiten gibt es nicht: Musik begreifen und mit dem reacTable greifbar machen


(nmz) -

Interaktive, elektronische Musikinstrumente mit der Möglichkeit zur Visualisierung und Manipulation von Klang stehen in diesem Jahr hoch im Kurs. Auf der Musikmesse 2008 in Frankfurt wurde das Tenori-on aus Japan vorgestellt. Ein handlicher Drum-Synthesizer mit Sequenzer, der mit Lichteffekten arbeitet, um den Musizierenden visuell bei seinem Spiel zu unterstützen. Ob Tenori-on oder Guitar Hero, sie erinnern indirekt an Musik-Spielzeug.

Ein Artikel von Marco Medkour

Ausgereifter kommt der reacTable daher. Ein Musikinstrument, in Form eines runden Tisches, dass neben der akustischen und visuellen Komponente vor allem eines bietet: Musik für den Musizierenden und das Publikum (be-)greifbar zu machen. Dies gelingt durch sogenannte gegenständliche Schnittstellen (Tangible Interfaces). Eine interaktive Oberfläche, die in Echtzeit Klang erzeugt und darstellt. Der Musizierende formt den Klang (synthetische Sounds oder Samples) mit einem Sortiment an verschiedenen Würfeln, die im Hintergrund von einer tonerzeugenden Software gesteuert wird. Das Ergebnis ist sofort sicht- und hörbar. Der Aspekt der intuitiven und gegenständlichen Handhabung von Klang hat dazu geführt, dass der reacTable in diesem Jahr mit der Goldenen Nica auf der Ars Electronica in der Kategorie Digital Musics ausgezeichnet wird.

Der reacTable ist ein Produkt der Music Technology Group (MTG) des Audio­visuellen Instituts an der Pompeu Fabra Universität in Barcelona. Die Forschungsgruppe, die von Sergi Jordá geleitet wird, setzt sich mit Musik und Audiotechnologien auseinander: Die Musikerkennung, ihre Analyse und Synthese bilden den Arbeitsschwerpunkt der Forschenden. Zu den bekannten Projekten der MTG gehört neben dem reacTable auch der Singstimmensynthesizer Vocaloid, den die Firma Yamaha vertreibt. „Unsere Gruppe hat auch mit Operacion Triunfo („Spanien sucht den Superstar“) gearbeitet und ein Tool entwickelt, das die Qualität des Gesangs automatisch beurteilen kann“, verrät Martin Kaltenbrunner. Kaltenbrunner ist Mitarbeiter der Forschungsgruppe MTG und verantwortlich für das Interaktionsdesign des reacTable. Er arbeit auf dem Gebiet der „Human Computer Interaction“, einem Bereich, der das Design der Mensch-Maschine-Kommunikation umfasst. Gemeinsam mit seinen Kollegen entwickelte Kaltenbrunner die Oberfläche des Instruments, die „gegegenständliche Schnittstelle“ (Tangible Interfaces), wie er sie nennt. Quasi die Klaviatur, auf der der Musizierende spielt. Im reacTable steckt außer der tonerzeugenden Einheit die „Computer Vi­sion Komponente“ names reacTIVi­sion. Sie steuert bildverarbeitende und -produzierende Ereignisse und die greifbaren Oberflächen des Instruments.

Beim reacTable sucht man nicht lange nach Tasten oder Saiten, denn diese fehlen gänzlich. Stattdessen erwartet den Spieler eine glatte – von unten farblich  beleuchtete – Oberfläche, auf die man kubenhafte Gegenstände setzt, sie bewegt und miteinander interagieren lässt. Hierdurch entsteht Klang. Werden mehrere Kuben einander genähert, verändert sich in Echtzeit das Klangbild beim Musizieren. Verstärkt wird diese akustische Sinneswahrnehmung durch leuchtende Wellen zwischen den einzelnen Gegenständen auf dem Tisch. Die kubischen Grundobjekte des reacTable repräsentieren Tongeneratoren, Audiosamples, Effektgeräte, Kontrollobjekte und Sequenzer.
Legt man die tonerzeugenden und -formenden Einheiten auf den Tisch, erhalten sie vom computergesteuerten System zusätzlich einen leuchtenden Kreis zugeteilt, mit dem Lautstärke und weitere Parameter mit einem Fingergleiten – ähnlich, wie man das iPhone bedient – verändert werden. Das Instrument besitzt eine starke visuelle Komponente. „Dieses visuelle Feedback war von Anfang an ein wichtiger Teil des Designs. Laptopmusik auf der Bühne ist für das Publikum schwer nachvollziehbar“, betont Kaltenbrunner.

Der reacTable kommt bei Musikern gut an. Björk setzt ihn auf ihrer aktuellen Volta-Tour ein – Damien Taylor spielt das Instrument auf ihren Konzerten. Neben Björk haben Künstler wie Laurie Anderson, Peter Gabriel und Jordan Rudess die Forschungseinrichtung in Barcelona besucht und ihr Interesse für das Instrument signalisiert. Musikalisch deckt er das Spektrum aller Genres der Elektroakustischen und populären Elektronischen Musik ab. Der softwaregesteuerte Synthesizer des Instrumentes bildet die klassischen, modularen Synthesizer – wie etwa den Moog – und ihre Funktionalität nach. Aktuell basiert er auf PureData, einer Multimedia-Entwicklungsumgebung, die von Günter Geiger, ebenfalls in der MTG, mitentwickelt wurde. Das System ist sehr flexibel, man kann beliebige Tonquellen und auf Bedarf zusätzliche Funktionen programmieren.

Dasselbe gilt für die Transformation des Klangs, „die von einfachen Filtern und Delays bis zu digitalen Effekten  wie einem Decimator“ reicht, erklärt Kaltenbrunner, der sich eher als Wissenschaftler versteht und den reacTable lieber in den Händen von Musikern sieht. Der reacTable wurde schon auf 100 verschiedenen Festivals (Ars Electronica, Sonar, Transmediale, Exit Festival uvm.) in 25 Ländern vorgestellt. „Wir haben gemeinsam mit der Thereministin Dorit Chrysler im Konzerthaus von Barcelona gespielt.“ Für das laufende Jahr plant die MTG sogar ein Konzert für reacTable und Orchester. Seit 2003 entwickelt die Music Technology Group den reacTable, und eine eigene Firma wurde ausgegründet, um das Instrument ab Ende 2008 zu vermarkten. Potenzielle Kunden könnten Soundstudios, Diskotheken und Musiker sein. Momentan ist der reacTable in verschiedenen Museen installiert und für die Öffentlichkeit zugänglich. „Wir planen, mit unserer neuen Firma auch Kurse anzubieten, und ich nehme an, dass diese für Konservatorien, die auch elektronische Musik unterrichten, durchaus interessant sein könnten.“

Ob es irgendwann einmal reacTable-Unterricht neben dem Klavierunterricht in Musikschulen geben wird?

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