Nivellierte Kost und Bierreklame

In einer Brandrede rechnet Berthold Seliger mit dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen ab


(nmz) -
Berthold Seliger ist renommierter Konzertagent und unabhängiger Tourneeveranstalter unter anderem von Größen wie Patti Smith, Bratsch, früher auch Lou Reed, und er liest viel und schreibt auch viel – vor allem in seinem umfangreichen monatlichen Newsletter: dezidiert „links“ und zumeist lesenswert über Musik, Populärkultur und -politik sowie Anverwandtes, gern auch über zwei seiner Lieblingsfeinde, neben Multis wie Universal oder CTS Eventim: über Siegmar „Siggi Pop“ Gabriel und Dieter „Kreativwirtschaft“ Gorny.
Ein Artikel von Bojan Budisavljevic

Seligers Insiderbericht „Das Geschäft mit der Musik“, seit 2013 mittlerweile in der siebten Auflage, war eine gelungene Abrechnung mit einer Kulturindustrie, der schon längst die kreative Puste ausgegangen ist vor lauter globalen Geschäften und provinziellen Händeln, vulgo Monopolen und ihrer öffentlichen Beförderung beziehungsweise Schadensbeseitigung. Auch eine Abrechnung mit der schlechten bis mittelmäßigen Musik, die bei derlei Initiativen herauskommt, denn Seliger ist ein Freund der besseren Musik. Und nun legt er eine Abrechnung mit dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen vor, weil hie wie da Medienkonvergenz und Quotenterror unser aller Aufmerksamkeit zu Geld- und Datenströmen verflüssigt haben und uns dafür mit, so die Logik der Quote auf Durchschnitt nivellierter Kost versorgen – sowie, sehr oft, mit Bier-, Bier- und nochmals Bierreklame.

Nun, spitze ist das deutsche Fernsehen lediglich als eines der weltweit teuersten, wenn man Gebührenaufkommen und Zuschauerzahlen ins Verhältnis setzt. Dass dieses Verhältnis aber noch ein rechtes beziehungsweise rechtens ist, dafür zerbröselt zunehmend die Legitimationsbasis: Denn immer weniger Menschen nutzen dieses hoheitlich herausgehobene und vom Souverän immer umfangreicher finanzierte Angebot, das „der Bildung, Information, Beratung und Unterhaltung zu dienen […; und] Beiträge insbesondere zur Kultur anzubieten“ hat – so § 11 des Rundfunkstaatsvertrags. Und immer weniger ziehen die Argumente von Unabhängigkeit, Überparteilichkeit und Qualität angesichts der Abhängigkeiten des Fernsehens von der Wirtschaft wie den Parteien – ob man nun die Causa Brender nimmt, oder, um vom Sport zu schweigen, die privatwirtschaftliche Verfertigung ureigenster öffentlich-rechtlicher Inhalte wie etwa der journalistischen Recherche durch redaktionell unabhängige Moderatoren und ihre Firmen. Und was Qualität angeht, um von der musikalischen beispielsweise von Helene Fischer zu schweigen: Die journalistische von tagesthemen oder heute etwa bei der Ukrainekrise oder der Kölner Silvesternacht als besonders hoch zu bezeichnen, dürfte selbst den Fernsehoberen schwerfallen.

Von Markus Lanz bis Helene Fischer, vom Biathlon bis zur ECHO-Preisverleihung sind Seligers Beispiele da Legion für Intransparenz und Geschäftemacherei, andere illustrieren den vorauseilenden Gehorsam gegenüber der Politik sowie die Ideologieproliferation, und dankbarerweise erinnert er sich und uns an Filmemacher wie Fechner, Reitz, Sinkel, Dietl und Fassbinder, als in Fernsehfilm und Doku künstlerische Qualitäten noch von Belang waren – nicht immer unumstritten, aber dennoch. Manches hat man schon anderswo gelesen, in Hans-Peter Siebenhaars „Die Nimmersatten“ oder Wolfgang Herles’ „Die Gefallsüchtigen“ etwa. Im Vergleich zu deren Medienkritik hat Seliger jedoch viel mehr Schwung und bedient sich ausgiebig bei der Theorie – Adorno, Bourdieu, Kittler –, wobei die Schnipseltheoreme nicht immer zusammenpassen müssen. Aber um ein Theoriegebäude geht es ja auch nicht.

Berthold Seligers lesenswertes zweites Buch ist weniger eine Streitschrift denn eine Brandrede, und so ist diese voll von Versprechern, pardon, Druck- und sonstigen Fehlern: Reinhold Beckmann firmiert auch mal als Reinhard, und das erwähnte Buch von Carolin Amlinger heißt nicht „Verkehrte Welt“, sondern „Verkehrte Wahrheit“ und so fort. Das jedoch mag sowohl dem Druck der im Buchgeschäft gegenwärtig herrschenden sorgfaltslosen Produktionsbedingungen geschuldet sein, als auch der Wut, die der viellesende und -schreibende Autor verspürte angesichts des ausufernden TV-Blödsinns, der öffentliche Güter wie Werte nur noch versenkt – wie das Baden-Badener SWR-Orchester. Eines fehlt aber, und das anzukreiden ist man dem Autor dann doch genötigt, denn seine sehr anspruchsvolle Titel-Anleihe bei Martin Luther King löst er nicht ein: Nirgendwo scheint die Vision oder auch nur eine Alternative für einen öffentlichen medialen Raum auf, der, eben souverän, sich nicht in wenigen privatwirtschaftlichen Geschäftsmodellen und unzähliger Privatversendung auflöste. Und eine solche Vision fehlt allenthalben, denn Streaming kann es nicht sein, das weiß auch Seliger: „ein von uns hergestelltes weißes Rauschen“, gestaltlose Leere. Und dass Öffentlichkeit zu so was verkommt, müsste nicht nur ein Linker bedauern.

Berthold Seliger: „I Have a Stream“ Für die Abschaffung des gebührenfinanzierten Staatsfernsehens“, Edition Tiamat, Berlin 2015, 304 S., € 16,00, ISBN 978-3-89320-199-0

Beschriebene Rezensionsobjekte: 

„I Have a Stream“ Für die Abschaffung des gebührenfinanzierten Staatsfernsehens

  • Berthold Seliger
  • Edition Tiamat, Berlin
  • 304 S.
  • ISBN 978-3-89320-199-0
  • 16,00 Euro

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