Nixe vertont Thomas von Aquin

Die Komponistin Camille van Lunen im Porträt


(nmz) -
Abendmahl in Schlüsselworten, Tonbildern, provokanten Gegensätzen: „O sacrum convivium“ hat Camille van Lunen ihr neuestes Stück für Chor, Vokalsolisten, zwei Klaviere und Akkordeon genannt, mit dem sie den zweiten Preis im ersten Komponistinnenwettbewerb der Musikhochschule Nürnberg und der Mariann Steegmann Foundation gewonnen hat.
Ein Artikel von Uwe Mitsching

Die Uraufführung unter Alfons Brandl („Da haben Sie uns etwas Schwieriges geschrieben“) war Anfang Februar. Und die Kölner Komponistin war nicht sonderlich amused, dass kein erster Preis vergeben wurde, teilweise auch über die Qualität der Aufführung. Aber immerhin: mit dieser Annäherung an einen mittelalterlichen Text des Thomas von Aquin, der mit Gedichten von Dorothee Sölle kontrastiert wird („provokative Brücke“) bringt sich die niederländisch-französische Komponistin wieder ins Gespräch. Wichtig ist für sie nicht, dass der Wettbewerb in der Nürnberger Reihe „Gender and diversity“ nur für Frauen ausgeschrieben wurde („Im Grund gibt es keinen Unterschied zu dem, wie Männer komponieren.“). Aber sie sieht eine Chance darin, „gute neue Werke kennenzulernen“. Und sie könnte auch nicht sagen, was an ihrer „Convivium“-Partitur speziell weiblich wäre: „Ich denke viel mehr, dass in meinen Werken viel gutes Handwerk ist und die Erfahrung meiner doppelten Ausbildung in Bratsche und Gesang. Ich schreibe aus der Praxis heraus.“

Viel Fantasie kommt ihrer Meinung nach noch dazu. Jedenfalls fängt das Stück „leicht bewegt“ mit einem Crescendo von Mezzopiano bis Mezzoforte in den Solostimmen a capella an, danach setzen die beiden Klaviere mit einem heftigen Staccato ein. Auffällig sind die großen Intervallsprünge und die heftigen dynamischen Amplituden bis hin zu „lautem Flüstern“. Aber dann fügt sie im Interview mit der nmz doch an, dass komponierende Frauen vielleicht näher an der Fantasiewelt von Kindern wären. Für die hat sie die Kinderoper „Der Felsenjunge“ komponiert. Aber auch die „mystische Seite“ einer Sofia Gubaidulina inspiriere sie – gerade zu solchen Stücken wie ihrem neuen „Convivium“, das gerade den Gesangsstimmen schwierige Aufgaben stellt. Das ist kein Wunder bei der 1957 in Amsterdam geborenen Künstlerin. Schließlich begann deren Musikkarriere mit barocken Tönen und auf der Bühne („ich mag Theater“), jetzt gestaltet sie Liederabende im Duo der „Rheinnixen“. Die Sängerlaufbahn hat besonders zu Goethe und Heine geführt. Gedichte und Literatur liebt sie überhaupt. Die und das Singen beeinflussen jede ihrer Kompositionen: „Ich weiß, wie Stimmen ticken.“ Auch bei Ligeti, viel klassischer und aktueller Moderne, die sie in einem niederländischen Kammerchor gesungen hat. Da hilft ihr, dass sie Partituren, Notenbilder schnell und präzise erfassen kann, was sie auf ihre französisch-niederländische Musikausbildung zurückführt: „Das weitet den Blick.“ Auch auf die Komponisten, die ihr wegen der Ökonomie der Mittel, aus der sie trotzdem viel Dramatik entwickeln, Vorbild sind: Dutilleux, Britten, Gubaidulina. Solche Anregungen entwickelt sie mit unkonventionellen Besetzungen weiter: Die beiden Klaviere im „Convivium“ mögen auf Orff und Rossini verweisen, ungewöhnlich dazu ist das Akkordeon, in einem ihrer Trios verwendet sie Sopran, Ondes Martenot in der Messiaen-Tradition und Gitarre.

Dieser Breite der Ausdrucksmittel vom normalen gemischten Chor über die Orgel bis zum Bläserquintett entspricht auch die Breite ihrer inhaltlichen Anliegen: Für Bläserquintett ist zum Beispiel ihr Stück „entgleist“ geschrieben, eine „Hymne auf die Pünktlichkeit der Züge“. „Da habe ich mich gegen die Unpünktlichkeit der Deutschen Bahn gewehrt. Es bringt nichts, dem Direktor einen Beschwerdebrief zu schreiben. Da schreibe ich lieber ein Stück.“ In ihren „Stücken“ gibt es gelegentlich auch ein stummes Klavier, etwa im Liedzyklus „Aus Liebe und luftigem Traum“ nach Texten jüdischer Autorinnen, unter ihnen auch die in Auschwitz umgekommene Gertrud Kolmar. Beim Lied-Komponieren, manchmal geradezu eine Entspannung nach „großen“ Stücken, fühlt sich Camille van Lunen besonders wohl. Im Gegensatz etwa zu Kompositionen für Streichquartett: „Das ist schwer, das kenne ich von der Bratsche her.“ Oder für Gitarre, wenn man nicht dauernd spanisches Kolorit imitieren will. Harfe, Gitarre, Akkordeon, das sind die Instrumente, in die sie sich mit Mühe und nachhaltig eingearbeitet hat. Das Ergebnis sind dann Stücke „mit ein paar tonalen Ecken“, gelegentlich auch mit „tonalen Zentren“: „Das hängt davon ab, für wen ich schreibe.“ Besonders den intimen Charakter loben Musiker und Kritiker gleichermaßen, zarte Klangpartien, kantable Themen, den häufigen Wechsel von Schwermut zu Keckheit. Der beflügelt auch ihre Arbeit in den meist literarisch geprägten „Rheinnixen“-Programmen, wo sie oft auch mit Schauspielerinnen zusammenarbeitet. Selbst der in Kassel uraufgeführte Zyklus „Aus Liebe und luftigem Traum“ enthält neben Gedanken an den Holocaust heitere Gedichte – bleibt am eindrucksvollsten allerdings denn doch im visionär entschwebenden Schluss.

In Fragen der Instrumentierung nimmt sie gerne Anregungen mit aus häufigen Konzertbesuchen in Köln. So steht Camille van Lunen mitten im Musikleben des Ländervierecks Niederlande, Belgien, Frankreich und Deutschland. Es gibt Aufträge, Anfragen aus Paris, sie weiß genau, welche Unterschiede in der Ausbildung das Musikschaffen prägen. Oder hat ihre dezidierte Meinung zum Thema „Musikvermittlung“, für die es inzwischen eigene Studiengänge an den Musikhochschulen gibt. Solche Leute wie sie braucht man offenbar auch in Lissabon bei der Gulbenkian Foundation, wo sie ab Oktober ein halbes Jahr „composer in residence“ sein wird, auch wissenschaftlich arbeitet, sich um Musikvermittlung zwischen Wissenschaft und Konzert kümmert oder um Fragen der Moderation von Musik. Dazu befähigt sie besonders auch ihre zweite Karriere als Sängerin, wo sie als „Rheinnixe“ immer in direktem Kontakt zum Publikum steht.

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