Plädoyer für einen anderen Menschen

Dem Komponisten und Dirigenten Hans Zender zum siebzigsten Geburtstag


(nmz) -
Am 22. November dieses Jahres wird der Komponist, Dirigent und Theoretiker Hans Zender seinen 70. Geburtstag feiern können. Ohne ihn, das darf ohne Umschweife gesagt werden, sähe die kulturelle Landschaft in Deutschland (und nicht nur hier) anders aus. Denn aufgrund seines stets wachsam die flankierenden Verhältnisse bedenkenden künstlerischen Tuns hat sein Wort Gewicht. Und Hans Zender hat es immer wieder erhoben, wenn etwas im Argen liegt. Das Arge aber ist an der Tagesordnung. Zender steht ihm als gutes Gewissen der abendländischen Kultur entgegen.
Ein Artikel von Reinhard Schulz

Zender wurde zur nachdrücklichen Stimme in einer mehr und mehr dem Kommerz und der Verflachung geopferten Kultur. In einem 2004 erschienenen Aufsatz (in „Musik & Ästhetik“) schrieb er am Schluss: „Es haben in unserer Gesellschaft alle nebeneinander Platz; es besteht keine Notwendigkeit, alles in einen Topf zu werfen! Aber man muss von denjenigen, welche Kunst fördern, subventionieren, am Leben halten, eines verlangen: Sie sollen genau hinschauen und wissen, was sie tun! Wollen sie Kultur fördern (Rumsfelds ‚Altes Europa‘) oder Kulturindustrie (Rumsfelds ‚Neues Europa‘)? Geld geben für Gummibärchen oder für ökologischen Landbau? – Wir sind mündige Menschen, die differenzieren wollen. Wir sind zwar schon lange nicht mehr, wie uns die Pisa-Studie gezeigt hat, das Volk der Dichter und Denker, und die Verkümmerung der Kunstpflege trägt zu dieser Tatsache viel mehr bei, als das öffentliche Bewusstsein gemeinhin notiert. Deswegen sind wir aber noch lange nicht Vollbürger von Huxleys ‚Brave New World‘, in der die Leute von Soma-Pop leben, in ewigem ‚fun‘ dahinvegetierend … Noch nicht.“

Diese Emphase bestimmte alles Denken und Tun in Zenders Leben. Er will nicht akzeptieren, dass mit Kultur (oder was man dafür bezeichnet) Schindluder getrieben wird. Wo andere (die an den Hebeln medialer Macht, aber durchaus auch Kunstschaffende) sich einlassen auf die so genannten neuen Verhältnisse, auf Quoten und Statistiken, die sich ein demokratisches Mäntelchen umhängen, um diktatorisch zu agieren, da sagte Zender immer Nein. Und er sagt es mit der Überzeugung, dass Kultur nur durch freies kulturelles Tun und nicht etwa durch vorgeblich strukturelle Anpassung zu retten sei. Wohl kaum jemand möchte in einer Welt der ökologischen, ethischen, moralischen oder kulturellen, letztlich auch ökonomischen Verarmung leben (und alles hängt miteinander zusammen!), aber viele davon resignieren, weil sie die von Profitinteressen diktierten Verhältnisse als unabdinglich sehen: so als gebe es den mündigen Menschen gar nicht, der noch die Wahl hat. Hans Zender hat dies nie akzeptiert.

Über Hans Zender zu schreiben, heißt über das Verhältnis von Kunst und Gesellschaft nachzudenken. Denn immer wieder insistiert er auch in seinen Kompositionen darauf, wenngleich natürlich mit ganz geweitetem Horizont. Das zieht sich in verschiedenen Strängen durch sein Werk. Seine ersten beiden Opern „Stephen Climax“ nach Joyce und „Don Quijote de la Mancha“ nach Cervantes knüpfen an Konzepte multiperspektivischer Wahrnehmungen von Bernd Alois Zimmermann an und beziehen sich somit ganz direkt auf unsere medial durchfurchte Welt mit ihren Überlagerungen und Schichtungen von Eindrücken. In vielen anderen Arbeiten rekurriert Zender auf philosophische Gedanken des Zen-Buddhismus, also auf die ostasiatische Sicht des Verhältnisses von Mensch und Natur.

Die Konsequenz des Hörens bei Zender ließ ihn hier auch zu mikrotonal gefärbten musikalischen Skalen greifen, die bewusst wegrücken von abendländischer Determinierung. Und schließlich reflektieren Arbeiten wie etwa die kühne Bearbeitung von Schuberts „Winterreise“ unsere durch die Interpretationsgeschichte verschobene Wahrnehmung der klassischen oder romantischen Tradition. Weiter-Komponieren wird hier als Form der Interpretation aufgefasst und Bearbeitungen dieser Art graben nach Verschüttetem ebenso, wie sie Verbiegungen und Deformationen des Verständnisses offenlegen.

Seine bislang letzte Oper „Chief Joseph“ beleuchtet die Geschichte der amerikanischen Indianer und das westliche Niederwalzen ihrer tiefen Einsichten. Es ist ein Appell an den Begriff der Freiheit, der unter dem Vorwand des Fortschritts gnadenlos niedergemacht wird. Die Worte des Indianerhäuptlings benennen Prinzipien, die auch Zender in unserer Gesellschaft neu bedacht und verwirklicht sehen möchte: „Lasst mich ein freier Mann sein – frei, zu reisen, frei, anzuhalten, frei, zu arbeiten, frei, Handel zu treiben, dort, wo ich es möchte, frei in der Wahl meiner Lehrer, frei, der Religion meiner Väter zu folgen, frei, für mich selbst zu denken, zu reden und zu handeln – und ich werde jedes Gesetz achten oder die Strafe auf mich nehmen.“

Es ist dies Unbedingte, die Schärfe der kritischen Analyse unserer Normen, die wir der ganzen Welt verordnen wollen, die Zender und sein Werk bestimmen und unerlässlich machen. Er ist prophetischer Mahner, vielleicht einer der letzten, bevor es zu spät ist.

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