Privilegierter Gestaltungsfreiraum
Die Musikhochschule Trossingen feierte ein Doppeljubiläum
Ein Artikel von Jörg Tisken.
Die Hochschule in Trossingen hat heute rund 450 Studierende vorwiegend aus dem süddeutschen Raum sowie aus Osteuropa und Asien und zählt neben 70 Professoren und festangestellten akademischen Mitarbeitern weitere 100 Beschäftigte im künstlerisch-pädagogischen Bereich.
Im Zeichen des Doppeljubiläum der Musikhochschule stand ein ereignisreicher „Supersamstag“ zwischen barocken Festfanfaren auf dem Rathausplatz und dem abschließenden Alumni-Festkonzert im Hohner-Areal, dem ehemaligen Fabrikgelände des „Geburtshelfers“ Hohner. Hier waren unter Leitung von Stefan Halder, dem Lehrbeauftragten für Klarinette und Blasorchesterleitung, ein 60-köpfiges Alumni-Orchester und ein ebenso großer Chor aus Ehemaligen gebildet worden, die Open Air, eingebettet zwischen der Akademischen Festouvertüre von Johannes Brahms und dem großen gemeinsamen „Gaudeamus igitur“, ein glanzvolles Festkonzert mit vielen Solisten boten.
Bei einem Konzert des Instituts für Alte Musik am Nachmittag herrschte drangvolle Enge in der Kleinen Hochschulaula. Das Bach-Konzert C-Dur für drei Cembali und Streicher war eine besonders kostbare Preziose im Festgeschehen. Die von Marieke Spaans geführten Cembalisten und das von Anton Steck angeführte Streichquintett lieferten einzigartige Klangmixturen.
Im großen Konzertsaal hieß Elisabeth Gutjahr, die Hochschul-Rektorin, am Vormittag viele Ehemalige willkommen. Sie waren zahlreich zu diesem „Alumni-Treffen“ im Zeichen des Jubiläums gekommen. Das Überleben und Aufleben aus den Anfängen zum Ende des Zweiten Weltkriegs nannte Gutjahr das „kleine Wunder auf der Baar“. (Die Hochfläche zwischen Schwarzwald und Schwäbischer Alb heißt seit den Zeiten Karls des Großen die „Baar“.)
Gutjahrs Amtsvorgänger Jürgen Weimer philosophierte über spezielle Trossinger Phänomene wie die einstige „Sichtachse zum hochschuleigenen Misthaufen“ und die Sinnhaftigkeit des ein Musikstudium in Trossingen begründenden Slogans „Trossingen hat, was alle suchen“. Durch bloße Kommaverschiebung ändere sich die Bedeutung in „Trossingen hat was, alle suchen …“.
Eine Antwort auf die Frage, was ein Musikstudium im ländlich geprägten Trossingen rechtfertige, versuchte Werner Till, Vorsitzender des Hochschul-Fördervereins. Er wies neben den landschaftlichen Reizen vor allem auf die hohe Dozentenqualität hin und dankte den vielen Ehemaligen, die zum heutigen Status der Trossinger Hochschule beigetragen haben. Auch eine Podiumsdiskussion zum Standort Trossingen lieferte am Nachmittag zahlreiche gute Gründe.
Der Senior der Runde, Dr. h.c. Peter Koch, sah die Vorzüge des Studiums in Trossingen in der Abgelegenheit und ruhigen Atmosphäre. Was damals noch fehlte, sei heute im Zeichen des Internet überall zugänglich. Er wies auf die enorme Bedeutung der Förderung regionalen Laienmusizierens und der Popularmusik hin, die Trossingen vor allen anderen Standorten auszeichne. Solche Strukturen kappen zu wollen, würde einen „kulturzernichtenden Schildbürgerstreich“ darstellen.
Elilsabeth Gutjahr, die das Podiumsgespräch moderierte, wies auf die Umwälzungen in den letzten 60 Jahren hin, die sich auch in den heutigen Baulichkeiten der Hochschule dokumentieren. Und dass es hier Alleinstellungsmerkmale so gegensätzlicher Art wie Alte Musik und Musik-Design gebe, zeugten von der Vitalität dieser Hochschule.
Unterschiedliche Erfahrungen von Studierenden, die sich gleichzeitig im Allgemeinen Studenten-Ausschuss engagierten, tauschten der Hamburger Professor Dr. Hans-Helmut Decker-Voigt, Trossingens Kulturbeauftragter Frank Golischewski und die derzeitige AstA-Vorsitzende Sophie Sterzer aus. Selbst in den unruhigen Jahren um 1968, als Decker-Voigt in Trossingen AStA-Vorsitzender war, gab es anders als in den Universitätsstädten keine Kämpfe und Streiks, sondern konstruktive Zusammenarbeit zwischen Lehrenden und Studierenden und „Kreativität ohne Grenzen“, was Decker-Voigt an seinem speziellen und vielseitigen Studiengang als späterer Feuilletonist und Schriftsteller, Musikwissenschaftler und Musiktherapeut belegte. Es habe hier einen „privilegierten Gestaltungsfreiraum“ gegeben, den jeder nutzen konnte.
Die Trossingerin Susanne Reinhardt-Klotz, die ein Studium in Kirchenmusik und Flöte absolvierte, rühmte die weitgehend stressfreien Bedingungen in Trossingen. Und der Musikwissenschaftler Decker-Voigt lieferte dann die Bestätigung durch neueste Forschungsergebnisse, die in Ballungsräumen wie Hamburg mit ihren steten Lärmbelas-
tungen, hoher Menschendichte, langen Verkehrswegen und vielen anderen Stressfaktoren Belastungen kumulieren, wie sie im „Kuhdorf Trossingen“, wo man tatsächlich noch Kühen begegnen und die Sterne sehen könne, nicht gegeben seien …
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