Signal in Berlin: Aufbruch in die Pause

Anmerkungen zum Kongress „Musik bewegt!?“ des Deutschen Musikrates


(nmz) -

Es begann mit einem Paukenschlag: Der Bundespräsident spricht auf einem Kongress des „neuen“ Deutschen Musikrates. Allein diese Tatsache schien eine Reihe von Spitzenfunktionären der deutschen Musikverbände nach Berlin gelockt zu haben. Nach langen Monaten quälender Existenzangst endlich wieder ein positives Ereignis, ein Neubeginn, eine fast euphorische Stimmung von Innovation und Aufbruch. Das wurde auch durch den aus dem Logo des Landesmusikrates Schleswig-Holstein entlehnten Titel „Musik bewegt!?“ suggeriert, wobei man allerdings den roten Punkt durch ein schwarzes Ausrufe- und ein Fragezeichen ersetzt hatte. Warum? War man sich seiner Sache doch nicht so sicher wie die Nordlichter?

Ein Artikel von Klaus Volker Mader.

Der große Moment wurde nur durch einen harmlos-quirligen Auftritt der „Coolen Streicher“ aus Hamburg und die ehrfurchtsvollen Worte des neuen Präsidenten des DMR Martin Maria Krüger hinausgezögert. Dann betrat Bundespräsident Johannes Rau die Bühne und adelte mit seinem Grußwort die Stunde Null des Aufbruchs. Dass das Staatsoberhaupt, leutselig plaudernd, mehr generelles Wohlwollen für die Sache als konkrete Problemlösungen signalisierte, überraschte niemanden wirklich. Bescherte doch allein seine Anwesenheit dem Kongress ein Gewicht und eine Aufmerksamkeit, die man lange vermisst hatte. So wurde der Bundespräsident denn auch mit frenetischem Beifall verabschiedet, als er sich nach seinem Beitrag zurückzog.

Die ersten inhaltlichen Signale für den Aufbruch erwartete das Publikum dann vom folgenden Podium, auf dem sich die geballte pädagogische und kulturpolitische Erfahrung der letzten 40 Jahre versammelt hatte. Sehr ausführliche und zum Teil auch interessante Berichte aller Podiumsteilnehmer ließen jedoch zunächst wenig Bewegung aufkommen. Auch die nachfolgende Diskussion verlief mangels angesprochenen Konfliktpotenzials eher unspektakulär. Die kämpferischsten Äußerungen kamen noch von Gerd Albrecht, der massiv eine stärkere Unterstützung der Musikschaffenden durch die öffentliche Hand einklagte. Es stellt sich die Frage, ob ein jugendlicher Advokatus Diaboli der arrivierten Runde nicht gut getan hätte. Ein Platz wäre ja nach der Absage von Klaus Meine freigewesen und bei den „coolen Streichern“ gab es einige pfiffige Gesichter, die das Podium sicher belebt hätten.

Die Hoffnung auf die nachmittäglichen Panels und ein ansprechendes Mittagsbuffet ließen erste dunkle Stimmungsschleier schnell wieder verschwinden. Den Mitarbeitern des DMR sei an dieser Stelle noch einmal für die Organisation dieses Kongresses gedankt, dessen reibungsloser Ablauf sich sehen lassen konnte! Dann der Nachmittag! Erfolgt jetzt der inhaltliche Aufbruch, sprudeln jetzt die innovativen Ideen? Der Verfasser dieser Zeilen begibt sich erwartungsvoll in das Panel 2 „Kann man Musik vermitteln?“.

Es folgen wieder lange Statements und Berichte über die erfolgreiche eigene Arbeit. Auch die Einbeziehung des Publikums bringt wenig Bewegung, jeder scheint primär seinen spezifischen Problemen nachzuhängen – Das Publikum wird unruhiger, verzweifelte Blicke, immer mehr Leute verlassen den Raum. Es wird klar, dass es nicht ausreicht, qualifizierte Personen einfach an einen Tisch zu setzen, es fehlt jegliche Strategie, Resultate gleich Null. Kommentar einer Zuhörerin: „Es ist doch wieder alles wie früher.“ Die folgenden Zusammenfassungen von den anderen Panels rauben den Zuhörern leider auch die Illusion, dass der Effizienzgrad dort wesentlich höher gewesen wäre. Im Foyer haben sich mittlerweile eifrig diskutierende Kleingruppen gebildet. Zum Schluss begründet Christian Höppner den viel zu umfangreichen und nichtssagenden „Berliner Appell“ Wie gewohnt eloquent, wunderbar anzuhören, sehr politisch, ohne Konsequenz. Das war’s dann. Ein routinierter Kongressbesucher erklärt mir väterlich: „Ist doch gar nicht so schlimm, das Wichtigste an einer solchen Veranstaltung sind doch sowieso die Pausen!“ Stimmt! Auch ich habe in Berlin viele interessante Leute getroffen und tolle Gespräche geführt. So gesehen war der Kongress vielleicht doch ein Erfolg…

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