Streit um das Projekt „Staatsoper-Gerette“

Warum überhaupt braucht Dresden eine Staatsoperette?


(nmz) -

In Dresden ist seit einiger Zeit die Kultur eines der wichtigsten Themen – zumindest wenn es darum geht, sie schrittweise abzuschaffen. Sei es, über eine Brücke zu diskutieren, die eine einzigartige Flusslandschaft gefährden würde und somit zur Aberkennung des Weltkulturerbes für das Dresd-ner Elbtal führen könnte oder sei es, nach einer Lösung zu suchen, wie für die Staatsoperette Dresden ein neuer Standort gefunden werden kann, da sie sonst einer unsicheren Zukunft gegenübersteht.

Ein Artikel von Kai Linsenmaier.

Ausgabe: 
4/08 - 57. Jahrgang

Viel war in letzter Zeit zu lesen über Sanierungsvorschläge dieses weit außerhalb der Innenstadt liegenden Operettentheaters in Dresden-Leuben, über die Suche nach einem geeigneten Bauplatz im Dresdner Zentrum, über den heldenhaften Verzicht der Mitarbeiter auf Gehaltserhöhungen während der nächsten zehn Jahre, über eine eventuelle Kooperation mit dem Staatsschauspiel Dresden, über Investoren – kurz: über politische und finanzielle Streitigkeiten rund um das Projekt „Staatsoper-Gerette“.

Als die Diskussionen um Einsparungen an Dresdner Kultureinrichtungen vor Jahren begannen, war die Stadt hoch verschuldet. Durch den Verkauf der städtischen Wohnungsbaugesellschaft im Frühjahr 2006 wurden der Stadt knapp eine Milliarde Euro in die Kassen gespült, sodass sie über Nacht plötzlich schuldenfrei war. An der Argumentation hat sich aber bis heute nichts geändert.

In diesem Geplänkel um Machbarkeitsstudien und Machtspielchen wird jedoch ein Aspekt nahezu ausgeblendet, der aber allein die Grundlage einer Diskussion um die Staatsoperette Dresden bilden sollte: ihre musikalisch-künstlerischen Alleinstellungsmerkmale. Warum ist die Staatsoperette Dresden in der regionalen, nationalen und internationalen Kulturlandschaft so wichtig? Und was tut sie dafür, um auch weiterhin als so wichtig wahrgenommen zu werden?

Die Staatsoperette Dresden kann, wenn ihre Vorgänger mit einbezogen werden, auf 235 Jahre Tradition als musikalisches Volkstheater in Dresden stolz sein. Dass das jetzige Operettentheater so weit außerhalb des Stadtzentrums liegt, ist eine Folge der Luftangriffe auf Dresden im Februar 1945. In den Vorstädten gründeten sich schon bald nach Kriegsende wieder kleine Theatergruppen – so auch in Leuben.

Das Theater war immer wieder prägend für die Entwicklung der Operette im deutschsprachigen Raum und hatte vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg eine Vorreiterstellung inne. Durch die legendäre DDR-Erstaufführung der „My Fair Lady“ im Oktober 1965 errang die Staatsoperette Dresden auch den Ruf einer Musicalbühne von besonderer Qualität. Getragen von der daraus resultierenden Euphorie folgten zahlreiche weitere Erst- und Uraufführungen, die in den folgenden Jahren auf dem Programm des Theaters standen. Heute ist die Staatsoperette Dresden das letzte und somit einzige Operettentheater Deutschlands (abgesehen vom Hamburger Engelsaal, einem kleinen Privattheater). Ist die Operette deshalb aber ein aussterbendes Genre? Keinesfalls – man betrachte nur die Projekte, die zurzeit hinter den Kulissen in Dresden entstehen. Da ist zum einen die intensive Johann-Strauss-Pflege, durch die heute unbekannte Werke des Komponisten zur Wiederaufführung kommen, wie „Carneval in Rom“ oder „Das Spitzentuch der Königin“. Des Weiteren hat sich die Operette Dresden unter ihrem Dirigenten Ernst Theis gemeinsam mit MDR Figaro zum Ziel gesetzt, ein nahezu vergessenes Stück Rundfunkgeschichte aufzuarbeiten, indem sie Kompositionsaufträge des deutschen Rundfunks aus den 20er-Jahren wieder neu einspielt. Im Jahr 1929, sechs Jahre nach dem offiziellen Start des deutschen Rundfunks, war die Welle der Begeisterung für dieses Medium in den Rundfunkanstalten noch so groß, dass Werkaufträge an namhafte Komponisten wie Franz Schreker, Hermann Reutter oder Eduard Künneke vergeben wurden. Auf diese Weise entstand die damals völlig neuartige „Radiomusik“, die heute in der Staatsoperette Dresden wieder aufgelegt wird. Nicht zu vergessen aufgrund seiner Einzigartigkeit ist auch der jährlich stattfindende Dresdner Operettenball, der dieses Jahr im Kempinski Hotel bereits seine 14. Auflage erfahren hat. Auch die Erfolge bei der Auslastung des Operettenhauses in Dresden-Leuben sprechen eine eindeutige Sprache: Die in der vergangenen Spielzeit trotz aller gegebenen Nachteile in Bausubstanz und lokaler Randlage von 85 auf 89 Prozent gestiegene Sitzplatznachfrage zeigt die Staatsoperette in einer Spitzenposition in Deutschland und unterstützt die konservativ kalkulierte Verdopplung der Einnahmen in einem Neubau in der Stadtmitte. Um ein neues Haus kräftiger gegenfinanzieren zu können, wie es von Kulturobrigen in Dresden verlangt wird, ist ein neuer Standort in der Dresdner Innenstadt notwendig, damit ein größerer Saal und somit ein breiteres Spektrum der Eintrittspreise möglich ist. Ob das der Postplatz, der Wiener Platz oder ein anderer zentraler Standort ist – eine Lösung des Problems ist längst überfällig.

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