Stressfreier Zwölfton, Antworten auf Ives

Neue Klaviermusik mit Ueli Wiget, Magdalena Prejsnar und Heather O’Donnell


(nmz) -
In der Reihe der von Musikern des Ensemble Modern edierten CDs hat sich der Pianist Ueli Wiget der Kammermusik des früh verstorbenen Nikos Skalkottas (1904–1949) angenommen. Die Platte ist eine Entdeckung. Mit Werken aus dem letzten Schaffensjahrzehnt zeichnet sie ein signifikantes Profil des griechischen Schönberg-Schülers; und Wiget übertreibt nicht, wenn er im Begleitheft Skalkottas als herausragenden Tonschöpfer bezeichnet. Drei Jazz-Stücke, deren rhythmisch-markanter Klaviersatz in seiner klanglichen Üppigkeit an Skrjabin erinnert, ein „Cycle Concert“ mit unterschiedlich besetzten Kammermusiksätzen voller überquellender Ideen sowie zwei späte, wunderbar entspannt musizierte Suiten für Geige (Jagdish Mistry) und Klavier: ihnen allen gemeinsam sind ein verschwenderischer musikalischer Reichtum und eine leidenschaftliche Gestik. Dass es weitgehend zwölftönig komponierte Stücke sind, ist da völlig nebensächlich (Ensemble Modern Medien EMCD-007).
Ein Artikel von Max Nyffeler.

Ausgabe: 
2/10 - 59. Jahrgang

Sieben kleine Zyklen von Klavierpräludien polnischer Komponisten, entstanden 1951 bis 1992, stellt Magdalena Prejsnar auf ihrer Solo-CD Polish Piano Preludes vor. Zu den Werken von Komponisten wie Kilar, Serocki und Górecki aus den 50er-Jahren, die durch ihre rhythmische Prägnanz und vitale Charakterzeichnung auffallen, kontrastieren die beiden Werkgruppen von Krzysztof Knittel (1983) und Paweł Mykietyn (1992). Knittel schreibt eine eher verhaltene Musik, er hört den verklingenden Tönen nach und umkreist tonale Muster, während Mykietyn in die Vollen greift und seine minimalistische Motivik auch einmal zur dramatischen Erzählung ausweitet. Die Idee der Miniatur vermag die Komponisten offensichtlich zu inspirieren (Dux 0699, Vertrieb Musikwelt).

Der 1934 in Detroit geborene Roger Reynolds studierte Musik und Physik, arbeitete 1962 bis 1963 am Kölner Studio für elektronische Musik und leitete das Center for Music Experiment in San Diego. Einen repräsentativen Querschnitt durch das Schaffen des Multitalents bietet eine Doppel-CD mit Klavierkompositionen aus den Jahren 1960 bis 2007, teilweise in Kombination mit andern Instrumenten. Frühe Werke mit Live-Elektronik zeigen ihn als ideenreichen Klangexperimentator: In „The Angel of Death“ für Klavier, Ensemble und Computer (2001) laufen vielfarbige, manchmal auch reichlich ornamentale Klangströme nebeneinander her. Im Zentrum stehen jedoch die virtuosen, äußerst kontrastreichen Solostücke mit Yuji Takahashi und Eric Huebner als brillante Interpreten (mode 212/13).

Die in Berlin lebende amerikanische Pianistin Heather O’Donnell präsentierte 2004 zum 50. Todestag von Charles Ives beim Festival MaerzMusik ihr Projekt Responses Ives. Darin konfrontierte sie seine Klaviermusik mit neuen Stücken, die sie zu diesem Zweck in Auftrag gegeben hatte. Ein Teil des umfangreichen Unternehmens ist nun als Koproduktion mit dem Deutschlandfunk auf CD erschienen. Zu den auserwählten Zeitgenossen gehören Walter Zimmermann, Michael Finnissy, James Tenney, Sidney Corbett und Oliver Schneller. Die Gegenüberstellung ist gänzend gelungen, zumal die fünf Komponisten zu ganz unterschiedlichen „Antworten“ angeregt wurden – eine Galerie der Individualisten, ganz im Sinne von Ives (mode 211).
 

Kommentar hinzufügen

Der Inhalt dieses Feldes wird nicht öffentlich zugänglich angezeigt.
CAPTCHA
Diese von Menschen zu lösende Aufgabe ist zur Vermeidung von Spam-Inhalten leider notwendig.
Bild-CAPTCHA
Geben Sie die Zeichen ein, die im Bild gezeigt werden.

Ähnliche Artikel

Radikaler Expressionist
03.10.2008 Ausgabe 10/08 - 57. Jahrgang - Rezensionen - Hans-Dieter Grünefeld
Glorios kapriziert
03.10.2008 Ausgabe 10/08 - 57. Jahrgang - Rezensionen - Wolf Loeckle
Störrisch, wild, frei - The Sibelius Edition: Voice & Orchestra; Piano Music I; Theatre Music; Violin & Piano
01.02.2009 Ausgabe 2/09 - 58. Jahrgang - Rezensionen - Michael Herrschel
Spirituelle Tiefe - Hans Schanderl: Lux Aeterna
02.03.2009 Ausgabe 3/09 - 58. Jahrgang - Rezensionen - Juan Martin Koch
Mehr-Werte: Label und Ensemble Zeitkratzer mit fünf Neuerscheinungen
15.05.2009 Ausgabe 5/09 - 58. Jahrgang - Rezensionen - Martin Hufner
Suchscheinwerfer - Rainer Rubbert (Musik)/Tanja Langer (Libretto): Kleist. Oper in vier Akten.
04.05.2009 Ausgabe 5/09 - 58. Jahrgang - Rezensionen - Michael Herrschel
Hommage à Monsieur Croche - Claude Debussy/Colin Matthews: Préludes Nr. 13–24; Debussy: Jeux; Colin Matthews: Monsieur Croche
01.06.2009 Ausgabe 6/09 - 58. Jahrgang - Rezensionen - Christoph Schlüren