Veränderungen, immer wieder Neues
„6 Tage Oper“ – 4. Europäisches Festival für Neues Musiktheater in Düsseldorf
Ein Artikel von Georg Beck.
Jo ist blind, aber neugierig – auf Maschinen, auf Baustellen, Glaskuppeln, kurz, auf Veränderungen, auf alles, was jenseits ihrer künstlichen Welt liegt, jenseits des geschlossenen Kastens ihrer Pseudo-Existenz, ihrem „Zuhause“, wie der Vater sagt. Der kann zwar sehen, will aber keinen Gebrauch davon machen. Die Welt entdecken? Ach was! Als erfolgreicher Unternehmer glaubt er zu wissen, dass die Welt schlecht ist, zumindest ganz anders, als Jo sie sich erträumt. Er beschließt, Jo vor der Welt zu retten. Konsequent spinnt er die Tochter ein in den Kokon seiner immerwährenden Fürsorge. Nichts soll ihr fehlen! Dafür hat ein Heer von dienstbaren Geistern Sorge zu tragen. Dass es schließlich ausgerechnet die beiden Handwerker vor dem Haus sind, die Jos Selbstbefreiung initiieren, ist der väterliche Webfehler dieser Rechnung.
Soweit der Plot einer Geschichte, aus der unter anderen Umständen eine Novelle, ein Fernsehspiel, ein Kinofilm hätte werden können. Auf dem Düsseldorfer Festival „6 Tage Oper“ ist daraus Musiktheater geworden – kein Meisterwerk, aber ein intelligent gemachtes Theaterstück, das die üblichen Schablonen des Repertoiretheaters durch einfache, aber wirksame Kunstgriffe hinter sich lässt: zwei Sprechrollen, Vater und Tochter, auf der Bühne, zwei Sänger als sirenenhafte Handwerker davor und das siebenköpfige „ensemble für neue musik zürich“ als eifriges Hauspersonal mal da, mal dort. Immer wieder treten die Instrumentalisten um Jürg Henneberger in die Szene, um zu hantieren, zu assistieren, aber auch um zu kommentieren, um aufkommenden wie unterdrückten Emotionen Gehör zu verschaffen: statt strikter Trennung der Sphären herrscht in „Kein Blasser Schimmer“, Koproduktion aus „Theater Kontrapunkt“ Düsseldorf und „ensemble neue musik zürich“, Osmose, Austausch. Ein intelligentes Konzept für ein intelligentes Publikum.
Über den mit Rollos halb verhängten, halb geöffneten Bühnenkasten tastet sich Jo ins Leben, erklimmt zum Schluss Bäume und Leitern. Unter der Regie von Frank Schulz, zur etwas allzu funktionalen Bühnenmusik von Matthias Heep agiert Annette Bieker traumwandlerisch sicher als blinde Jo im zum Theatersaal verwandelten Düsseldorfer Robert-Schumann-Saal. Festival-Organisatorin ist sie nur im Nebenjob:
„Ich bin Musiktheaterschauspielerin“, sagt Annette Bieker und beklagt hierzulande herrschende Einschränkungen. Entweder einer ist Mime oder Sänger, Sprecher oder Tänzer. Tertium non datur. Darüber hinaus würden die Opernhäuser Sänger in erster Linie auf Grund deren Gesangsqualität aussuchen. In freien Musiktheatern sei dies schon lange nicht mehr so. Dort würden vielmehr Darsteller gebraucht, so die EVKM-Vorsitzende, „die mit dem Körper mit der Stimme, mit allem operieren können und nicht eingeschränkt sind auf ein Element“. Und mit Bestimmtheit fügt sie hinzu: „Das ist mein Interesse am Musiktheater und das ist auch das Interesse der Gruppen, die wir zur „6 Tage Oper“ einladen – diese ganzheitliche Form von Theater.“
Die auch singende Schauspielerin, die wie selbstverständlich schauspielernden Sänger, die in der Szene agierenden Musiker – dem erweiterten Aufgabenbereich der Interpreten korrespondiert eine obsessive Lust am Entdecken und Bespielen neuer Orte und Räume: Küche, Keller, Bad als die allerprivatesten Domizile werden ebensogut zu Schauplätzen wie der Kuhstall, die Cafeteria einer Nervenklinik oder die alte Lagerhalle.
„Stundenlang – Die Alzheimerdreivierteltaktoper“ des niederländischen Komponisten Gerad Ammerlaan, entstanden als Koproduktion zwischen „6 Tage Oper“ und der niederländischen Compagnie „Stichting Aa“ aus Groningen, präsentierte sich als ein berührendes Stück Musiktheater um eine Tochter, die ihre von Alzheimer gezeichnete Mutter ins Heim bringt. Der Spielort, die Cafeteria einer Düsseldorfer Nervenklinik, war angemessen. Die Reaktionen der Zuschauer, darunter zahlreiche Betroffene, Pflegerinnen, Pfleger und deren Angehörige, unterstrichen nicht nur die Kunstfähigkeit dieser grassierenden Vergesslichkeitskrankheit, sondern zeigten, dass das Theater in die Klinik, nicht die Klinik ins Theater kommen muss.
Aufgesetzt wirkte hingegen die in den Kuhstall platzierte Bauernoper „Doodgoed“ des niederländischen Musiktheaters „Struweel“ aus Heythuysen. Der Existenzkampf eines Ehepaares, allzu plakativ als EU-Agrarreform-Opfer vorgeführt, erscheint nicht unbedingt authentischer, wenn er vor mampfenden Rindern zur Darstellung kommt. Dabei verhielten sich die Tiere erstaunlich ruhig – der Lärm kam in diesem Fall aus den Lautsprecherboxen. Eine im Pseudorealismus verfangene Regie zusammen mit einer nicht vorhandenen Klangregie machten aus der Bauernoper das Bauernopfer des Festivals. Auch „6 Tage Oper“ ist vor den Untiefen des Zeitgeistes nicht gefeit. So blieb auch die von Michael Iber konzipierte Tanz-Computer-Produktion „Zugzwang“ gefangen im technoziden Aufbau. Tänzerin Canan Erek übersetzte Lautsprecher-Rhythmen und Störgeräusche in zuckende Körperbewegungen – eine Marionettenästhetik ohne Ausweg.
Dass der Festivalhöhepunkt sich in einer Galerie gewordenen alten Lagerhalle ereignen sollte, war so nicht prognostizierbar. Doch hier, in einer leer geräumten Industriekathedrale wurde die vierte Festivalausgabe „6 Tage Oper“ schließlich von der Muse geküsst. Die Koproduktion mit „Muziektheater Transparant/Zonzo Compagnie“ Antwerpen bescherte Klänge, die auf einem Festival für neues Musiktheater schlichtweg niemand erwarten konnte.
Das fantastische junge Ensemble „Canto Rubino“ aus Antwerpen durfte bei seiner Liebeserklärung an Claudio Monteverdi beobachtet und belauscht werden. Monteverdis Madrigal „Sestina“, ein Trauergesang um die von ihm hoch geschätzte Sopranistin Caterina Martinelli, wurde von „Canto Rubino“ nicht wie üblich in chorischer Aufstellung interpretiert, sondern dessen Bühnenpotenzial wurde aufgedeckt.
Zu Gamben- und Lautenbegleitung agierten die fünf Musiker in der Szene – gestützt, nicht behindert vom gebrochenen Realismus einer gestischen Inszenierung, einer zurückhaltenden Meer- und Wolken imaginierenden Video- und Soundinstallation, die hier, wahrhaft selten zu sehen und zu hören, einmal kongenial eingesetzt war. Montverdi als Mix aus Gesang und Elektrosound, Körperbewegung und Szene, Videoinstallation und zeichenhaftem Bühnenbild. Eine Uraufführung von überragendem Format.
„Veränderungen! Immer wieder Neues!“ – mit den Ausrufen der Überraschung und des Erstaunens tastet sich die blinde Jo in ihre neue Welt. Solange dieses Staunen, diese Neugierde produktiv werden, wird das Musiktheater der Zukunft in die Gegenwart hineinreichen. Dass sich dabei ausgerechnet Düsseldorf zu einem Knotenpunkt der aktuellen Suche nach dem Neuen (auch) in der Kunst etabliert hat, ruft seinerseits nicht geringes Staunen hervor.
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