Vertrauen zu dem Mann in der Kabine
Gespräche mit dem Schallplattenproduzenten Wolf Erichson
Ein Artikel von Hans-Dieter Grünefeld.
Von den Aufgaben und Fähigkeiten eines Klassikproduzenten ist außerhalb der Schallplattenfirmen wenig bekannt. Nun hat Wolf Erichson, einst Pionier in dieser Funktion und verantwortlich für die Reihe „Das Alte Werk“ bei Teldec, VIVARTE bei Sony Classical und selbständig mit dem Label SEON, in seinen „Erinnerungen eines Schallplattenproduzenten“ en detail über sein Metier berichtet.
Als Musik nur in Vinylqualität zu kaufen war, begannen Karrieren in der Branche noch wie im Märchen: „Sagen Sie mal, wollen Sie nicht zur Schallplatte kommen?“, kolportiert Wolf Erichson, von Beruf eigentlich Orgelbauer, die entscheidende Begegnung 1956 mit Gerhard Slawik, damals Klassik-Abteilungsleiter bei Teldec in Hamburg. In Gesprächen mit Thomas Otto und Stefan Piendl erzählt Wolf Erichson mit gelegentlichen Anekdoten, wie er dort die Originalklangidee in enger Kooperation mit Nikolaus Harnoncourt und Gustav Leonhardt etablieren konnte, wobei er sich nicht um die Recherche fürs Repertoire kümmern musste, aber sukzessiv faktisch alle organisatorischen Aufgaben für eine Schallplatten- beziehungsweise CD-Aufnahme durch Intuition und schließlich Erfahrung übernahm. Dazu gehörte auch die Auswahl geeigneter Aufnahmeorte, meistens Kirchen oder Schlösser (keine Studios), die optimale Platzierung der Mikrofone, die Verwaltung des Budgets, genaue Kenntnis der Partituren sowie der historischen Instrumente und nicht zuletzt die Betreuung der Musiker. Im Kontext seiner privaten Biographie, die hier meistens in separaten Gesprächspassagen wiedergegeben wird, verschweigt Wolf Erichson nicht persönliche Misserfolge und Fehler, Konflikte und Kränkungen, etwa bei der Trennung von Teldec aufgrund seines SEON-Projekts. Andererseits entwickelten sich Freundschaften zu Musikern und Kollegen wie den Tonmeister Stephan Schellmann, der seine praktische Zusammenarbeit mit Wolf Erichson so bewertet: „Ich habe ohne Zweifel viel von ihm gelernt.“ Intensiver noch als Wolf Erichson erklärt Stephan Schellmann, wie er ein Gedächtnis für Raumakustik und Mikroverteilung erworben hat, sodass Aufnahmen stets ein bestimmtes Hörniveau erreichen. Auch das Klavierduo Yaara Tal & Andreas Groethuysen, der Dirigent Bruno Weil, Nikolaus Harnoncourt und Gustav Leonhardt („Man hat Vertrauen zu dem Mann in der Kabine.“) ergänzen in eigenen Interviews aus ihrer Künstlerperspektive die besonderen Bedingungen bei Aufnahmesituationen.
Von 1957 bis 2003 hat Wolf Erichson rund 800 Schallplatten und CDs produziert. Seine Kompetenz und Integrität bei den Aufnahmen gerade mit Alter Musik wurde mehrfach mit internationalen Preisen ausgezeichnet. Er hat mit seiner Repertoirepolitik und kompromisslosen Qualitätsstandards eigene Maßstäbe für die Rezeption Alter Musik gesetzt. Dieses Buch erlaubt durch die lockere Gesprächsform mit einleitenden Informationen der Autoren, den Arbeitsalltag (ohne Glamour oder Starkapricen) im Klassikbetrieb kennen zu lernen. Aufnahme – Schnitt – CD ist die oberflächliche Prozedur einer Klassikproduktion, Wolf Erichson informiert in authentischen Erlebnissen und Erfahrungen über deren komplexen Hintergründe.
Tags in diesem Artikel
Ähnliche Artikel
01.07.2004 Ausgabe 7/04 - 53. Jahrgang - Rezensionen - Sven Ferchow
01.06.2004 Ausgabe 6/04 - 53. Jahrgang - Rezensionen - Peter P. Pachl
01.06.2004 Ausgabe 6/04 - 53. Jahrgang - Rezensionen - Eckart Rohlfs
01.02.2008 Ausgabe 2/08 - 57. Jahrgang - Rezensionen - Jörg Lichtinger
01.02.2008 Ausgabe 2/08 - 57. Jahrgang - Rezensionen - Christoph Vratz
01.07.2004 Ausgabe 7/04 - 53. Jahrgang - Rezensionen - Michael Dartsch
01.07.2004 Ausgabe 7/04 - 53. Jahrgang - Rezensionen - Sven Ferchow


Kommentar hinzufügen