Verwertungsgesellschaft will Wertefragen stellen
Textdichter, Komponisten und Verleger trafen sich zur GEMA-Mitgliederversammlung 2007
Ein Artikel von Barbara Haack.
Erfreuliches, aber auch Ernüchterndes hatte Heker in seinem Geschäftsbericht zu vermelden. Die Ergebnisse aus 2006 können sich sehen lassen. Ein Zuwachs der Inkasso-Einnahmen von 2,6 Prozent führt die kontinuierliche Steigerung der letzten Jahre fort. Insofern war das Jahr 2006 das „erfolgreichste Jahr der GEMA“. Dieses Ergebnis aber ist nicht einer blühenden musikwirtschaftlichen Landschaft zu verdanken, sondern außergewöhnlichen und einmaligen Ereignissen des Jahres 2006. Nicht zuletzt die Fußball-Weltmeisterschaft im eigenen Land hat zu erhöhten Einnahmen sowohl im Bereich Rundfunk und Fernsehen als auch beim Inkasso der Betriebsdirektionen geführt. Im Jahr 2007 allerdings werde, so Heker, mit solchen Ergebnissen nicht mehr zu rechnen sein. Er geht von einer Ertragsminderung in Höhe von etwa fünf Millionen Euro aus. Der Rückgang des klassi-schen Tonträgermarktes wird sich voraussichtlich fortsetzen. Und die Online-Einnahmen werden nicht, wie zu erwarten wäre, in entsprechender Höhe wachsen. Das hängt auch mit zahlreichen Schieds- und Gerichtsverfahren zusammen, in denen die GEMA zurzeit für die Belange ihrer Mitglieder kämpft.
Die GEMA, so machte es Harald Heker gegenüber den ordentlichen Mitgliedern der Verwertungsgesellschaft deutlich, sei aber – bei aller wirtschaftlichen Orientierung – kein rein ökonomisches Unternehmen. Es gelte auch, die Wertefrage zu stellen. Dazu gehöre die Solidarität in der Gemeinschaft der Urheber ebenso wie der Beitrag der GEMA zur kulturellen und kulturpolitischen Entwicklung in Deutschland. Ein kulturpolitisches Konzept werde im Herbst vor- und zur Diskussion gestellt. Damit soll dann auch klar werden, wofür die GEMA inhaltlich eigentlich stehe. Neue Herausforderungen erforderten neue Strukturen und – eine neue Kultur. Wie sich der neue Kulturbegriff der GEMA definiert, bleibt allerdings unklar. Rein zufällig kommentierte die Süddeutsche Zeitung just am Tag der GEMA-Versammlung das neue Kulturgebaren des Goethe-Instituts unter der kompetenten Anleitung von McKinsey. Unter der Überschrift „Grober Unfug“ erläutert der Autor Thomas Steinfeld dort den Wandel des Goetheschen Kulturbegriffs im „scheinbar marktwirtschaftlichen Gequassel“. Die zu erwartende betriebswirtschaftliche Ausrichtung der Instituts-Arbeit liefere die Kulturarbeit kulturfernen Kriterien aus, so Steinfeld über Goethe.
Wie also, so lautet die Frage, sieht der Kulturwandel der GEMA aus, wenn er sich zuallererst in einer gemeinsam mit der Zeitschrift BRAVO geführten Kampagne „Schütze Deinen Star“ manifestiert, in der Jugendliche animiert werden, ihre verarmten Pop-Ikonen vor Raubkopier-Übergriffen zu bewahren?
In diesen Zusammenhang passt die Nachricht, die die Spatzen bereits von den Dächern pfeifen, die aber noch immer offiziell nicht bestätigt wird: Hans-Herwig Geyer, Kommunikationsdirektor der GEMA, wird, so zumindest lauten die Informationen in der Kaffee-Pause, zukünftig nicht mehr für die Verwertungsgesellschaft arbeiten. Die Hintergründe sind noch unklar. So viel aber ist sicher: Kein anderer Mitarbeiter der GEMA hat in den vergangenen Jahren so viel kulturelles Engagement gezeigt wie Geyer. Durch seine kontinuierliche Überzeugungsarbeit hat er bei den zahlreichen Kulturverbänden in Deutschland Vertrauen geschaffen, fruchtbare Kooperationen initiiert und der GEMA in diesen Kreisen ein „Kultur-Gesicht“ gegeben. Wenn diese Verankerung nun wegfällt, muss einem um die Kultur in der GEMA ein wenig bange werden.
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