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Website für einen großen Vermittler und Kommunikator in Sachen Musik: leonardbernstein.com
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Vom Nachleben und Nachschlagen im Netz

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Verzeichnisse, Dokumente, Hintergründe – ein Streifzug durch Komponisten-Websites
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Unzählige Internetseiten zu Komponistinnen und Komponisten sind im weltweiten Netz verfügbar. Ausgehend von einer gestalterisch anspruchslosen, inhaltlich aber exemplarischen Seite zu Hector Berlioz zeigt ein kleiner, kursorischer Streifzug die Möglichkeiten und Grenzen auf.

Hector Berlioz

Kann man sich ein wissenschaftliches Handbuch vorstellen, das eine Website als wertvolle Informationsquelle nennt? Die „Cambridge Berlioz Encyclopedia“ nahm die Hector Berlioz gewidmete Seite in ihre Referenzliste auf. Die zweisprachige Seite – ein organisatorisches Wunder – wurde 1997 von zwei in Schottland ansässigen Akademikern (Monir Tayeb und Michel Austin) aufgelegt. Einmal pro Monat auf den neuesten Stand gebracht, wächst ihr Inhalt beständig, auf mittlerweile 14.000 Dateien, davon 6.000 Bilder und Illustrationen.

Was zunächst auffällt, ist die altmodische Schlichtheit der Aufmachung, die klare Struktur. Hinter dreißig Sektionen eröffnet sich eine Welt in beeindruckender Vielfalt. Die Rubrik „Musical Works“ bietet Partituren sämtlicher Orchesterwerke, dazu Recherche-Punkte wie „Texts and Documents“, „Berlioz Libretti“ oder eine umfangreiche Bibliographie. Versammelt sind sämtliche – fast vierhundert – Feuilletons aus der Feder Berlioz’ für das Pariser Journal des Débats mit eigener Suchfunktion, der komplette Text der „Mémoires“ plus Entstehungsgeschichte, Essays wie „Les Soirées de l’orchestre“ sowie Briefe, auch in englischer Übersetzung. Eine Fundgrube ist die Sektion über Berlioz’ Reisen. Städte im In- und Ausland werden mit Konzertprogrammen und Auszügen aus entsprechenden Briefen verknüpft und mit den Namen beteiligter Künstler verlinkt, darunter Joseph Joachim, der zur Zeit Berlioz’ Sologeiger im Hannoverschen Orchester war und den Viola-Part in „Harold en Italie“ spielte. Unverzichtbar für den „Berliozien“ ist schließlich die Übersicht über zukünftige Aufführungen weltweit, nach Land und Monat geordnet, ergänzt um ein Archiv mit Rezensionen. Neben der Faktensammlung begegnet uns in dieser herausragenden Website eine zugewandte Sprache. Hinter beidem steht die enthusiastische Hingabe der Autoren: „devoted to the music, life and works of this great figure.“

Leonard Bernstein

Es passt zu dem großen Kommunikator und Musikvermittler Leonard Bernstein, dass sein Erbe im Netz ansprechend präsentiert wird. Das „Leonard Bernstein Office“ hat eine umfassend informierende Seite eingerichtet. Ausgehend von den Aktivitäten anlässlich von Bernsteins hundertstem Geburtstag 2018 ist die Plattform immer noch lebendig – ein aktueller Kalender informiert darüber, dass in der laufenden Woche im Theater Bautzen Auszüge aus „On the Town“ gespielt werden, auf Teneriffa die 2. Symphonie, in Madrid die „Chichester Psalms“, in der Elbphilharmonie die „West-Side-Story“-Suite…„Timeline“ heißt ein wunderbar übersichtlich gestalteter Zeitstrahl zu Bernsteins Leben und Wirken – man bekommt ein Gefühl für die Zeit: Oktober 1945 – Bernstein wird Direktor des New York City Orchestra. 1946 – Kaufhäuser bieten Tupperware an. Mai 1946 – Bernstein debütiert in Europa mit der Tschechischen Philharmonie beim allerersten Prager Frühlingsfestival 1946. Dieser letzte Punkt in der Übersicht ist mit einem kurzen dokumentarischen Video verlinkt, in dem man den ganz jungen Bernstein mit hoch herausfahrenden Gesten dirigieren sieht. Über sein lebenslanges Engagement für Israel erfährt man ebenso wie über die beeindruckende Liste hoher Auszeichnungen, darunter 22 Ehrendoktorwürden, Grammys, vor allem für Produktionen mit Musik von Mahler, Schostakowitsch, Beethoven und Bernstein, Emmy Awards für die legendäre Reihe „Young People’s Concert“ oder zivilgesellschaftliche Ehrungen. Für Hintergrundrecherchen empfehlen sich die Rubriken „Works“, „Lectures“ oder „Resources“. Unter „Scholars / Researchers“ erscheint der vielversprechende Verweis auf die digitalisierte Sammlung des New York Philharmonic mit Fotos, Presseausschnitten, Audio- und Videoaufnahmen sowie Dirigierpartituren.

Sofia Gubaidulina

Wesentlich bescheidener ist der Internet-Eintrag zur russisch-tatarischen, in Deutschland lebenden Komponistin Sofia Gubaidulina. Es handelt sich nicht um eine eigene Seite, sondern um einen gut gemachten, mit Querverweisen angereicherten Artikel aus dem nützlichen Internetlexikon „Musikvermittlung und Genderforschung“ der Hochschule für Musik und Theater Hamburg. Trotz äußerer Schlichtheit vermittelt der Beitrag von 2008 etwas von der durchgeistigten und dabei höchst energievoll-lebendigen Komponistin mit Vorliebe für große, vielfarbige Schlagwerkinstrumente. Für Informationen, die nach 2008 liegen – etwa über den Dokumentarfilm zu Gubaidulinas Violinkonzert „In tempus prae­sens“ – konsultiere man ergänzend die stets aktuellen und zuverlässigen Veröffentlichungen der Website des Sikorski-Verlags (sikorski.de bzw. neuerdings boosey.com). Es ist freilich bedauerlich, dass eine Komponistin mit so bemerkenswerter Wirkungskraft auf Konzertbühnen noch keine rechte Lobby im Internet hat. Ein Seitenblick auf die Seite von Philip Glass (philipglass.com) zeigt das Entwicklungspotenzial.

Anton Bruckner

Staatstragend kommt der Webauftritt zu Anton Bruckner daher. Er versteht sich „als Forschungsplattform für die Bruckner Community“ und wird von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften gefördert; die Veröffentlichung der hübschen, professionellen Seite wird zudem ermöglicht durch den österreichischen Wissenschaftsfonds. Sie verfügt also über reelle „Manpower“, um das Wissen zu Bruckner und sein Werk zur Verfügung zu stellen.

Ein großes Pfund des Projekts ist die Implementierung des Bruckner-Lexikons mit seinem großen Wissensschatz. Anstatt das 1996 publizierte Handbuch erneut als Buch herauszubringen, entschloss man sich 2016 für die Online-Veröffentlichung mit zirka 1.000 Einträgen. Der wissenschaftliche Anspruch der Bruckner-Seite manifestiert sich auch im Werkverzeichnis mit digitalisierten Autographen.

Edward Elgar

So gar nicht enzyklopädisch wirkt eine britische Website zu Edward Elgar. Hier schiebt sich ein wenig die Elgar-Gesellschaft in den Vordergrund: „Welcome to the website of Britain’s largest composer society“. Doch mit Genugtuung konstatiert man, dass die vielen über das Vereinigte Königreich verteilten Zweige der Elgar-Society sich aktuell redlich mühen, mit Online-Formaten durch die Pandemie zu kommen. Vorträge und Live-Talks werden angeboten, zu denen der Zugang leicht durch eine E-Mail möglich ist.

Verständlicherweise ist das Ziel nicht so sehr Systematik, sondern eine breite Themenpalette, die vom Enthusiasmus Einzelner getragen wird. Es geht um „Pomp and Poetry“, um Arthur Sullivan, um das Drei-Chöre-Festival oder um Elgars „orchestrale Miniaturen“. Ein wahrer Schatz sind die digitalisierten Hefte des Journals der Elgar Society aus den Jahren 1999 bis 2020 mit lesenswerten Beiträgen. Als wäre die Zeit stehengeblieben, bleibt man hier und da hängen und vergisst die Welt um sich herum wie in einer gemütlichen Bibliothek.

Giuseppe Verdi

Der Link verdi.san.beniculturali.it (nicht genannt auf der deutschsprachigen Wikipedia-Seite) über Giuseppe Verdi wurde 2013 mithilfe des italienischen Kulturministeriums und des Nationalarchivs (SAN) eingerichtet und bietet in italienischer und teilweise englischer Sprache Informationen zu Verdi und seiner Zeit. Nicht alle Recherche-Wege sind gleich befriedigend. Fesselnd sind jedoch einige Exkurse, etwa zu „Opernregie“ mit Kurzfilmen zu herausragenden Operninszenierungen wie der „Traviata“ von Luchino Visconti mit Maria Callas, oder einem Interview mit Renata Scotto zu „Verdi-Gesang“.

Eine sinnvolle Ergänzung kann die ästhetisch ansprechende Seite der Studi Verdiani sein, doch auch hier führt manch vielversprechender Wegweiser ins Leere und zu dem Schluss, man müsste doch einmal selbst nach Parma reisen…

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