Von der Weite des Horizonts
György Ligetis gesammelte Schriften in zwei Bänden
Ein Artikel von Reinhard Schulz.
Die Eingriffe dieses Komponisten, er ist fraglos einer der bedeutendsten in der zweiten Hälfte unseres Jahrhunderts, haben viel Material zur Korrektur von theoretischen Einseitigkeiten der Moderne geliefert und all dies ist hier nachzulesen. Großartig sind vor allem seine scharfsinnigen musikalischen Analysen zu Mahler, Bartók und vor allem Anton Webern – ebenso die Infragestellung, bei aller Bewunderung, von Arbeiten von Pierre Boulez, wo er genau die Problematik von sich selbst generierenden Prozessen in der seriellen Musik hervor arbeitete. Das alles ist äußerst lesenswert und immer noch frisch.
Dass Ligeti in seinen letzten Jahren mehr und mehr verbitterte und frühere Kollegen und Freude schroff und auch die Tatsachen entstellend angriff (was freilich in erster Linie in Gesprächen geschah), bleibt in den beiden Bänden (der erste behandelt die theoretischen Schriften und die Analysen, der zweite stellt Kommentare zu eigenen Werken zusammen) außen vor. Dadurch mag zumindest für den, der Ligetis Positionen über Jahrzehnte verfolgte, ein etwas schiefes Bild entstehen.
Das Unüberschaubare wurde überschaubar gemacht, wobei die Reihenfolge der Texte nach Themengruppen erfolgte. Freilich rückt dabei die zeitliche Zuordnung ins zweite Glied, und da hätte man sich doch etwas mehr editorische Unterstützung erwünscht (etwa im Inhaltsverzeichnis; sie ist aber immer nur in einer Schlussbemerkung nach dem Text angegeben, und der Leser muss also, will er über eine Position Ligetis aus den 80er- und nicht aus den 60er-Jahren erfahren, immer ans Ende der Texte blättern; gerade bei Ligeti, dessen Ansichten bei seinem furiosen und stets ruhelos neugierigen Temperament oft wechselten, ist das nicht so marginal, wie es auf den ersten Blick erscheinen mag).
Wie gesagt, vor allem die analytischen Texte sind eine wahre Fundgrube. Hierin mag jeder junge Student, der sich der Musik verschreiben möchte, eine Messlatte sehen, die aufzeigt, wie tief das Verständnis vom musikalischen Geschehen sein sollte, ehe man selbst schöpferisch etwas beiträgt. Und ebenso fundamental ist das Interesse Ligetis zu unterschiedlichsten Fragestellungen gegenwärtiger Wissenschaften, seien es Physik, Mathematik, Chemie oder auch soziologische Fragestellungen. Seine Neugier, sein ungestümer Wissensdrang, der keineswegs nur die Musik betrifft, dringen immer wieder in die Überlegungen zur Musik ein. Der Horizont ist kaum auszumessen.
Das ist die Stärke der beiden Bände.
Aber es ist nicht der ganze Ligeti (der bei der Auswahl der Texte selbst mitarbeitete). Viel Persönliches, viel an seinen reichen Erlebniswelten, von denen der weiß, der Ligeti kannte und seine Gespräche oder Einführungen verfolgte, bleibt leider unterbelichtet. Monika Lichtenfeld gibt am Schluss eine „Negativ-Bibliographie“ der nicht aufgenommenen Texte. Und hier findet man leider doch sehr viel, das man gerne in den Bänden gesehen hätte. Der Sachzwang hat die Gewichtung auf einen eher abstrakten Ligeti verlagert. Das ist schade.
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