„Was würde Nicolaus dazu sagen?“

Werke von Nicolaus A. Huber und seinen Schülern in Wiesbaden


(nmz) -
Viele Komponisten Neuer Musik schreiben, so scheint es, noch lange nach Abschluss ihres Studiums für ihren Lehrer. Ernst August Klötzke bekannte einmal ganz offen, sich beim Komponieren immer wieder zu fragen: „Was würde Nicolaus dazu sagen?“ Als Künstlerischer Leiter der musik-theater-werkstatt am Staatstheater Wiesbaden gestaltete der 1964 geborene Komponist jüngst ein Konzert mit je einem Werk seines Lehrers Nicolaus A. Huber und dreien seiner Schüler.
Ein Artikel von Doris Kösterke.

Zu dieser „Familienfeier“ war auch der 1960 geborene Michael Quell eingeladen, der nicht bei Huber, sondern bei Hans-Ulrich Engelmann und Rolf Riehm studiert hatte. Im Einführungsgespräch fragte ihn Ernst August Klötzke, ob er seine 1988/90 entstandene Komposition „Ekstare“ heute anders schreiben würde. Quell verneinte dies: das Werk sei durch und durch in sich folgerichtig und ausgereift. Wahl und Gestaltung seiner musikalischen Mittel kreisen um Heideggers Begriff der „Sorge“, der untrennbar mit dem stets gefährdeten Leben verbunden ist und kaum jemals so bewusst wird wie im flüchtigen, mit aller Bewusstheit getragenen Medium der Musik. Besonders dann, wenn es, wie in diesem Konzert vom Ensemble Aventure, von so intensiven Energie- und Aufmerksamkeitsströmen getragen wird, die jeden der Musiker, die teils schon seit Bestehen des 25-jährigen Ensembles miteinander vertraut sind, mit jedem anderen verbindet. Fast schien es, als seien die gespielten Stücke, darunter die Uraufführungen „An den Rändern des Maßes“ (2003/2011) von Gerald Eckert (geboren 1960) und „ab 73“ von Achim Bornhöft (geboren 1966), nur ein Vorwand für das dem Ensemble programmatische „Abenteuer“, sich mit gespannten Sinnen auf Neues einzulassen.

Sein Studium bei Huber hatte Klötzke einmal als harte Schule der Handwerklichkeit beschrieben. Einem Hörer, der selbst kein Komponist ist und ohne Partitur, allein im Zustand möglichst großer Offenheit im Konzert sitzt, vermittelt sie sich etwa dadurch, dass jeder Moment zum Zuhören einlädt; dass keine Phase zu lang erscheint; dass das Komponierte die Gratwanderung zwischen dem Eindruck von Beliebigkeit und Banalität besteht; dass man die vom Stück getragene Zeit der eigenen mentalen Bewegung als erfüllte Zeit wertet. So gesehen wirkten alle Kompositionen, auch Klötzkes „Acht neue Atemzüge, durch je einen Atemzug getrennt“ (2009/10), handwerklich durchgereift. 

Das „Konzert für naturmodulierte Soli und Ensemble“ (2008) von Nicolaus A. Huber (geboren 1939) kreist um das Phänomen des Sich-Selbst-Widersprechens, etwa in der zwischen Verfremdung und Vertrautheit oszillierenden Wiederbegegnung mit Gehörtem über einen Audio-Beamer, oder im Sujet des „Doppelgängers“, wie ihn Schubert nach einem Gedicht von Heine vertonte. Unter Hubers kompositorischer Ausdeutung der Schubertschen Mehrdeutigkeit mimte Fagottist Wolfgang Rüdiger den besungenen „bleichen Gesellen“. Evelyn M. Faber hatte vier im Publikum versteckte junge Mädchen darauf trainiert, dem Händeringenden im Stile von Heidi Klum in ihrer Casting-Show Tipps zu geben, etwa: „Mach ein Hohlkreuz!“ – „Ja, mach ein Hohlkreuz!“ – „Super!“ – „So kommst du viel mehr sexy rüber!“. 

Das Schillern der entstehenden Reibungen gewann einen ästhetischen Eigenwert, der weit über das rein Handwerkliche hinausging. 

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