Weder Postmoderne noch Folklore
Europäische Erstaufführung von Daniel Catáns Oper „Florencia en el Amazonas“ in Heidelberg
Ein Artikel von Gerta Stecher.
Lokaltypisch auch die Flussgeistbeschwörung: der Amazonas-Geist erscheint höchstpersönlich in der Personnagerie. In dem Sieben-Personenstück geht es um Liebesfrust und –sehnsucht, die die Passagiere an Bord vereint. Das nicht erreichte Reiseziel ist das berühmte Jugendstil-Urwald-Opernhaus von Manaos, wo die Operndiva Florencia Grimaldi, inkognito auf dem Schiff, gastieren will, zugleich aber nach ihrem Jugendgeliebten sucht. Rosalba, die ein Buch über die Diva schreibt, will ihr im Opernhaus begegnen, Paula und Alvaro hoffen, mit dem Opernbesuch ihre Ehe zu kitten, und Kapitän und Bootsmann, letzterer in Rosalba verliebt, manövrieren die Handlung nicht ohne Kollision durch die Wetter- und Gefühlsstürme. Dreh- und Angelpunkt ist die existentielle Frage nach Selbstverwirklichung, in welchem Verhältnis stehen Kunst und Liebe zueinander, wie inspirieren und wann lähmen sie sich.
Lebenskrise und Liebesversagen machen das Stück zum in Lateinamerika höchst beliebten Melodram. Viel mehr spezifisch Lateinamerikanisches erlebt das Publikum allerdings nicht, insofern ist die geschlagene Bresche nicht allzu tief. Denn die stimmenbetonte Musik verweist hörbar auf Puccini, französische Oper, stellenweise auf Strauss und Strawinsky. Überhaupt baut das wenig orchestrale Werk auf traditionelle Formen wie Arie, Duett und Quartett auf. Als Teil der weltweiten Neue-Romantik-Bewegung knüpft es damit auch an lateinamerikanische Hörtraditionen an, besonders in den drei Frauenstimmen, von Larissa Kro-khina/Florencia, Maraile Lichdi/Rosalba, Carolyn Frank/Paula vorzüglich umgesetzt. Postmoderne Tonwelten fehlen ebenso wie lateinamerikanische Klänge, die weder als Folklore, die der Komponist als Klischee bewusst vermeidet, noch zur Schilderung der Urwaldgeräusche aus Tier- und Pflanzenwelt hörbar werden. Nur zu Beginn der Handlung assoziieren Kastagnetten Klapperschlangen samt sanften Latino-Rhythmen.
Der die Szene umhüllende Urwald-Vorhang mit aufgemaltem Walddickicht (Szenenbild und Kostüme: Hans Richter) versinnbildlicht die Enge der auf sich selbst zurückgeworfenen Protagonisten in gelungenen Kostümen der 20er-Jahre, der Handlungszeit der Geschichte. Hohe schmale Türen, die Öffnungen in das Unterholzdickicht sprengen, sollen wohl das unerreichbar verbleibende Opernhaus von Manaos evozieren.
Kulminationspunkt der Handlung, auch musikalisch mit Bravour vorgetragen (musikalische Leitung: Tarmo Vaask), wirkungsvoll vom unsichtbaren Chor unterstützt, ist die Kollision des Dampfers mit entwurzelten Urwaldriesen, sprich der Moderne mit der Urwelt, der Kultur mit der Natur. Bei dieser Katastrophe stürzt Alvaro in die Fluten. Paulas Klagegesang erweckt den ertrunkenen Ehepartner zu neuem Leben und neuer Liebe, während gleicher Gesang der Operndiva ihren verschollenen Liebhaber nicht zu ihr zurückrufen kann. Das erkennend, steigt Florencia in die Fluten des Stromes, (was den Titel „en“ el Amazonas erklärt und das Melodram vollendet), ob in den Tod oder in ein imaginäres Leben mit dem Verschollenen, bleibt offen. In dieser wie in vielen anderen Szenen überzeugen die Sänger auch mit ihrem Spiel: so wenn die Eheleute Paula und Alvaro beim Kartenspiel in Streit geraten oder Rosalba die durcheinandergeblasenen Blätter ihres Buchmanuskripts zusammenklaubt (Regie: Michael Beyer).
Der offene Schluss ist fürwahr lateinamerikanisch und das auf deutschen Bühnen selten gesungene Spanisch überraschend wohlklingend. Der Premierenbeifall entsprach der Leistung von Opernensemble und Philharmonischem Orchester der Stadt Heidelberg.
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