Wenn ältere Erwachsene zum Instrument greifen

Auch im Alter: Musik – über einen neuen Trend in der überalternden Gesellschaft · Von Asmus Hintz


(nmz) -

Der demographische Wandel bestimmt die gesellschaftspolitische Diskussion. Immer mehr Menschen werden in den Industriegesellschaften
immer älter und finden immer weniger Arbeit. Die Lebensarbeitszeit
wird kürzer, auch weil mehr „jüngere Ältere“ aus
dem Arbeitsprozess entlassen werden. Die Zahl der Single-Haushalte
wächst, die Kinderlosigkeit in unserer Gesellschaft nimmt
zu und die Alterspyramide steht auf dem Kopf. Der stetig wachsenden
Gruppe der Alten steht eine stetig kleiner werdende Gruppe von
Arbeitnehmern gegenüber: der Generationenvertrag droht seine
sozioökonomische Basis zu verlieren, und Demographen prognostizieren
für die Zeit um 2050 einen Kollaps der Sozialsysteme. Die
verschiedenen Altersstufen stehen einander mit Unverständnis
gegenüber: Alte vergessen, dass sie jung gewesen sind oder
dass sie jetzt alt sind, und Junge erkennen nicht, dass sie die
Alten von morgen sein werden.

 Senioren

Der ältere Mensch wird auch als „Senior“ bezeichnet – aber
wer ist ab welchem Alter ein Senior? Allgemein werden Menschen
ab 60–65 Jahren als „Senioren“ bezeichnet. Von
allen Altersgruppen verfügt diese über das größte
Freizeitpotenzial. Mit der Gestaltung dieser Freizeit wird sich
intensiv auseinandergesetzt, denn vielfach möchte man im Rentenalter
Aktivitäten nachholen, für die vorher zu wenig oder keine
Zeit war. Die Ansprache („Bewerbung“) dieser Altersgruppe
erweist sich allerdings als schwierig. So beziehen sich die meisten
Angebote der unterschiedlichen Anbieter des Profit- und des Non-Profitbereichs
für Senioren auf die so genannten „New Generation“ und
gelten für Menschen ab 50 Jahren (oft auch als „50 plus“ bezeichnet).
Senioren lassen sich nicht gern als solche titulieren, weil sie
das Alter in der Ansprache als Ausgrenzungskriterium erleben. Der
50-Jährige will auf keinen Fall als „alt“ gelten,
der 60-Jährige noch lange nicht, der 65-Jährige fühlt
sich topfit, der 70-Jährige … Die Bezeichnung „älterer
Erwachsener“ hingegen findet eher Zustimmung: Mit 50 ist
man ein alter Junger, mit 60 ein junger Alter, mit 70 mittelalt
und ab 80 alt. Typische „Seniorenangebote“ finden daher
erst bei den über 70-Jährigen Zuspruch. Anders verhält
es sich mit altersgebundenen Vergünstigungen sowie der Inanspruchnahme
von Angeboten zu für Arbeitnehmer ungünstigen Zeiten:
diese werden im Allgemeinen gern angenommen. Auch gibt es Ältere,
die bewusst den Kontakt zu Jüngeren suchen und sich daher
nicht auf spezielle Seniorenprogramme begrenzen lassen wollen.

Für die Wirtschaft stellt das Marktsegment der Älteren
sowohl quantitativ als auch hinsichtlich der finanziellen Möglichkeiten
neben Kindern und Jugendlichen künftig die wichtigste Zielgruppe
dar. Wer auf die speziellen Bedürfnisse dieser Menschen eingeht,
hat gute Chancen auf Akzeptanz. Das Segment „Senioren“ muss
in mindestens zwei große Gruppierungen eingeteilt werden:
die aktiven, rüstigen Rentner, die sich in ihrem Verhalten
kaum von anderen Gruppen unterscheiden und die gesundheitlich beeinträchtigten
Menschen. Ein ausgeprägtes Bedürfnis nach Geselligkeit
sowie die Annahme von Themen, die sich mit Fitness und Gesundheit
beschäftigen, kennzeichnen die aktiven älteren Erwachsenen.
In jedem Fall werden qualitativ hochwertige Produkte oder Dienstleistungen
erwartet und oft auch beachtliche Finanzmittel eingesetzt.

Mit gängigen Angeboten werden in den seltensten Fällen
Menschen aus Seniorenheimen und ähnlichen Institutionen angesprochen,
da sie, abgesehen von der nachlassenden Motivation, weniger beweglich
sind, um außerhalb ihres Heims Aktivitäten wahrzunehmen.
Für diese Klientel bedarf es mobiler Angebote, um dort mit
den Interessierten zu arbeiten.

Endlich Zeit!

Ein ehemaliger Geschäftsführer eines großen Medienunternehmens,
Vater zweier erwachsener Kinder und Großvater, anlässlich
seines 67. Geburtstages: „Auf die Zeit des Ruhestands hatte
ich mich sehr gefreut. Endlich frei! Keine Termine und Verpflichtungen
mehr. Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung pur. Zunächst
habe ich mich um den Garten gekümmert, dann meinen Papierkram
auf Vordermann gebracht und die notwendigen Reparaturen im und
am Haus erledigt.

Das Meiste selbst gemacht! Aber nach einer gewissen Zeit hat
man das ja alles im Griff. Gut, wir schlafen länger, lesen
viel, hören Musik, gehen hin und wieder ins Theater, manchmal
ins Konzert. Tolle Reisen haben wir gemacht: Indien, Südamerika, Ägypten.
Noch sind wir ja mobil. Später wird das nicht mehr so möglich
sein. Andererseits fühle ich mich immer noch sehr fit. Schade,
dass ich nichts Richtiges mehr bewegen kann. Früher, da wurde
man gefragt, da war man wichtig – und
heute? Du bist eben nur noch Rentner. Dabei könnte ich noch
so viel Nützliches bewirken, schließlich habe ich viel
Erfahrung und ein immer noch funktionierendes Netzwerk interessanter
Verbindungen. Ehrenamt? Nein, danke! Früher habe ich so etwas
gemacht. Die Erfahrungen reichen mir. Immer alles diskutieren müssen.
Mit irgendwelchen Leuten, die letztlich keine Ahnung von den Dingen
haben und auch keine klaren Ziele verfolgen. Nein, etwas richtig
Sinnvolles, das fehlt mir. Gut, ich habe wieder angefangen, Klavier
zu üben, habe mir einen Lehrer genommen, und regelmäßig
spiele ich mit zwei Leuten ungefähr in meinem Alter Jazzstandards.
Das bringt Spaß. Hin und wieder bräuchten wir allerdings
mal jemanden, der uns einige Tipps gibt, wie wir weiterkommen könnten.
Immer das Gleiche und auf der Stelle treten bringt es auf Dauer
auch nicht.“

„Hätte ich früher nur mehr Zeit gehabt“

Der Stoßseufzer „Hätte ich früher nur mehr
Zeit gehabt, dann hätte ich …“, ist lediglich ein
Vorwand. Wir haben 24 Stunden Zeit pro Tag, setzen jedoch unterschiedliche
Prioritäten. Die älteren Erwachsenen, zumal jene im Rentenalter,
haben plötzlich viel Zeit. Warum zögern dennoch viele,
ihren Wunsch(-Traum) zu verwirklichen?

Musikvermittlung– eine Zukunftsaufgabe

Die Allgegenwärtigkeit und permanente Konsumierbarkeit von
Musik jeden Genres hat in den vergangenen 50 Jahren zu einem stark
veränderten Umgang mit Musik geführt. Durch Rundfunk,
Fernsehen, Walkman, CD, MP3-Player, durch eine große Vielfalt
von Konzertveranstaltungen jedweder Art ist Musik zu einem Konsumgut
geworden. Ob am Arbeitsplatz, im Kaufhaus, beim Zahnarzt, im Flugzeug,
im Auto oder im Kuhstall: Ohne Musik geht nichts mehr. Für
viele Menschen steht das Musikhören an vorderer Stelle ihrer
Freizeitaktivitäten. Derzeit geht man davon aus, dass in der
BRD 8 Prozent der Einwohner ein Musikinstrument spielen oder in
Chören singen und dass etwa 22 Prozent der Bevölkerung
früher einmal musizierend aktiv gewesen sind. Rund 30 Prozent
der Bevölkerung könnten also im weiteren Sinne als „musikalisch
aktiv“ betrachtet werden.

Dem gegenüber stehen 70 Prozent der Bevölkerung, die
in keiner Form musizierend aktiv waren oder sind. Durch Elternhaus,
Kindergarten, Schule und Freundeskreis erworbene Sing- und Musizierhemmungen
unterschiedlicher Art halten sie davon ab. Die Eltern scheuen sich,
ihrem Kind ein Liedchen vorzusingen, die Kindergärtnerin hält
sich für unmusikalisch und hat es zudem in der Ausbildung
ja auch nicht richtig gelernt. Eltern haben trotz der Verfügbarkeit
von Musik kein abrufbares Liedgut mehr für die Kommunikation
mit ihren Kindern parat; sie wissen nicht, was und wie sie mit
ihren Kleinkindern spielen oder singen könnten.

Faktum ist: Die digitalisierte Klangwelt vermittelt den Menschen
ein Nullfehler- und Perfektionsideal, das es in der Musizier-Praxis
nicht gibt. Man fürchtet, diesem Standard nicht zu entsprechen
und vermeidet daher eigene musikalische Betätigung.

Entfalten statt
 liften!

Die demographische Entwicklung in Europa stellt unsere Bildungssysteme
vor neue Aufgaben. Nie war der Begriff „lebenslanges Lernen“ so
aktuell wie heute. Der Anteil der über 50-Jährigen wächst
stetig und wird in 20 Jahren mehr als 30 Prozent unserer Gesamtbevölkerung
ausmachen. Einerseits müssen wir die großen Bildungspotentiale
der frühkindlichen Persönlichkeit stärker und konsequenter
fördern und andererseits musikalische Bildungsangebote für
Menschen im dritten Lebensabschnitt entwickeln. Ältere Erwachsene
entdecken für sich beispielsweise die bildende Kunst oder
die Musik, die sie bereits in frühen Jahren faszinierte, mit
der sie sich dann aber für einen längeren Zeitraum nicht
beschäftigen konnten, als prägendes Element ihres Alltags.
Man beschäftigt sich lebenslang gern mit Dingen, die aufgrund
von Erziehung und Bildung zur geschätzten Gewohnheit geworden
 sind.

Voraussetzung für
geistig aktives Altern

In diesem Sinne kann frühkindliche Bildung auch als eine wichtige
Voraussetzung für geistig aktives Altern und Teilhabe an lebenslangen
Lernprozessen verstanden werden. Die einen beleben in der Jugend
erworbene Fähigkeiten wieder, und andere verwirklichen sich
jetzt ihren Traum und erlernen ihr Wunschinstrument. Aktives Musizieren,
Singen oder Tanzen kann für jeden Menschen bis ins sehr hohe
Alter hinein zu einer lebendigen Erfahrung werden. Gleichzeitig
aber erleben musizierende Menschen, wie ihr soziales Netz durch
die Musik stabilisiert werden kann.

In seinem Aufsatz „Der Mensch“ führt Tucholsky
aus: „Wenn der Mensch fühlt, dass er hinten nicht mehr
hochkann, wird er fromm und weise; er verzichtet dann auf die sauren
Trauben der Welt.“ Weil die Trauben für ihn zu hoch
hängen, beschließt er, dass sie ohnehin für ihn
zu sauer wären: „Ich bin alt, also kann ich mir auch
nichts mehr zutrauen.“

Manchen älteren Erwachsenen beschäftigt die Frage: „Kann
ich in mei-nem Alter noch ein Instrument erlernen?“ Die Antwort
lautet: Ja! Zu unterscheiden ist zwischen Wiedereinsteigern und
Anfängern. Wer früher ein Instrument gespielt oder gesungen
hat, kann relativ leicht die latent vorhandenen Fähigkeiten
aktivieren und darauf aufbauen; obwohl längere Zeit nicht
praktiziert, sind sie abrufbar und durch Übung zu entwickeln.

Das körpereigene Instrument, die Stimme, steht allen Menschen
zur Verfügung. Die Fertigkeit des Singens kann auch im Erwachsenenalter
leicht erworben, wieder aktiviert und verbessert werden. Generell
gilt: Anfänger haben vergleichsweise mehr Herausforderungen
zu meistern, aber das Gehirn des älteren Erwachsenen kann
neue Informationen rasch und ökonomisch verarbeiten. Die Feinmotorik
und die Beweglichkeit der Finger sind bis ins hohe Alter trainierbar.
Beim Musizieren werden Hirnareale aktiviert, die bei anderen Tätigkeiten
nicht angesprochen werden. Es kann wie ein Fitnesstraining für
das Gehirn wirken und auch im Alter die kognitive Leistungsfähigkeit
stärken, kann als „Chance bewusster Lebensgestaltung“ verstanden
werden. Wichtige Erfolgsfaktoren sind die Auswahl der Musikstücke,
des Instruments sowie die Lernsituation.

Fakt ist,
dass ältere Erwachsene

  • auch in guten finanziellen Verhältnissen leben
  • eine Zielgruppe
    mit beachtlichem wirtschaftlichen Wachstumspotential verkörpern
  • nach
    Sinn- und Selbsterfüllung streben
  • an ihrer Lernfähigkeit
    zweifeln (Bin ich zu alt, reicht meine Fingerfertigkeit noch
    aus, spielt mein Gehör noch mit, kann
    ich mich noch genügend konzentrieren?)

    langsamer, aber auch genauer lernen
  • neurophysiologische Einbußen
    durch angepasste Lernstrategien kompensieren, zum Beispiel durch
    das „SOK-Modell“2
    (Selektion = weniger Stücke, Optimierung = weniger Stücke
    besser üben, Kompensation = Ritardandi vor schnellen Passagen,
    um das Folgende schneller erscheinen zu lassen)
  • abhängig
    von Vorbildung und den damit verbundenen Lerngewohnheiten gute
    Lern- und Gedächtnisleistungen vollbringen können
  • auch
    komplexe Bewegungsabläufe wie beim Musizieren erlernen
     können
  • beim Lernen den sozialen Aspekt, das gemeinsame Erleben,
    den seelischen Ausgleich wichtiger finden als den Leistungsgedanken
  • bezüglich
    ihrer musikalischen Vorlieben auf die Erfahrungen ihres 2. Lebensjahrzehnts
    rekurrieren (die heute 60-Jährigen
    sind stark geprägt von der Pop- und Rockmusik der 60er-Jahre)
  • sich
    zunehmend auch für klassische Musik interessieren.

Musik erleben – Musikvermittlung für ältere Erwachsene

Musik und eigenes Musizieren bieten vielfältige Möglichkeiten
mit positiven Auswirkungen auf die Lebensgestaltung. Lesen Sie
im Internet unter www.nmz.de wie der Autor über die Erfahrungen
eines Pilotprojektes berichtet, das von Herbst 2004 bis Sommer
2006 an der „Yamaha Academy of Music Hamburg“ durchgeführt
wurde. Aufgrund eines Zeitungsartikels im „Hamburger Abendblatt“ meldeten
sich 74 Erwachsene im Alter von 48 bis 78 Jahren für das kostenlose
Angebot, an einem „MusiClub“® teilzunehmen. Im
Mittelpunkt stand die Erprobung von Handlungsmodellen mit dem Schwerpunkt
Musikvermittlung für Menschen ab 50 Jahren. Es wurde gesungen,
mit verschiedenen Instrumenten musiziert und ein allgemeiner, auf
die Erfahrungen und die Lebenssituation der Teilnehmer abgestimmter
Austausch über Musik im Gespräch oder anlässlich
verschiedener Vorträge gepflegt. Das Musikvermittlungsangebot
sollte den Interessenten größtmögliche Freiheit
in der Auswahl der Einzelaspekte überlassen.

Hinsichtlich
der inhaltlichen Angebote wurden die Teilnehmer in drei Gruppierungen
 eingeteilt:

  • Menschen, die gern mit Gleichgesinnten in altersgemischten
    Gruppen ihren Interessen nachgehen möchten. Hierunter gibt
    es aktive und passive Musikhörer, ehemalige und aktive Instrumentalisten
    sowie solche, die musikalisch vor- und musikalisch un-erfahren
     sind.
  • Menschen, die sich aufgrund ihrer Handicaps und Sorgen in
    altersähnlichen
    Gruppen ihre Bedürfnisse erfüllen und Freude erleben
     möchten.
  • Menschen, die nach Anregungen suchen, wie sie ihr
    Leben allein oder in der Gruppe angenehmer, freudvoller und abwechslungsreicher
    gestalten können

Grundsätzlich zeigte sich in allen drei Gruppen, dass ältere
Erwachsene, im Folgenden Teilnehmer (TN) genannt, einen hohen Selbstanspruch
und daraus resultierend größere Versagensängste
haben. Zudem ist ihr „Beschäftigungsstand“ sehr
 unterschiedlich:

  • voll Berufstätige
  • Berufstätige mit Altersteilzeit
  • Frühpensionierte
  • Rentner
  • Hausfrauen und -männer
  • Menschen mit gesundheitlichen Handicaps

Freizeitbetätigungen
der TN zum Zeitpunkt des Pilotprojektes: nichts Spezielles,
Singen im Chor, Yoga und andere Entspannungstechniken,
Fitness und Sport, Reisen, Enkelkinder, Nutzung allgemeiner
kultureller Angebote (Theater- und Konzertveranstaltungen, Ausstellungen
besuchen usw.)

Ansprüche und Erwartungen der TN an

  • das Angebot: andere Lernatmosphäre, musikalische Aktionen,
    kein aufbauender Unterricht, interessante Vorträge, Musik „zum
    Anfassen“ erleben
  • sich selbst: eigene Fähigkeiten entdecken,
    das Alter annehmen und schauen, was geht; entdeckendes Lernen
    praktizieren, Aktivitäten
    selbst planen, eigene Lernkonzepte entwickeln
  • das Programm: Geselligkeit
    und Austausch haben einen großen
    Stellenwert, nichts „Verschultes“, leichte Anforderung,
    kein strenges Curriculum
  • die Materialien: viele bildhafte Darstellungen,
    geringer Textumfang, große Schrift, klare Botschaften
  • das
    Musizieren: Wahl und Wechsel eines Schwerpunktinstruments sollten
    innerhalb des Programms möglich sein, im Ensemble musizieren
    und gemeinsam singen; möglichst rasch seinen Wunschtitel
    spielen, etwas über den Komponisten erfahren, das Original
    anhören
    und sich darüber austauschen.
  • weitere inhaltliche Komponenten:
    moderierte „Fantasiereisen“ mit
    Musikunterstützung, kreatives Schreiben bzw. Malen, Rhythmus
    und Tanz, „Wellness“ mit Musik, Musik zum Mitspielen
    und Musizieren ohne häusliches Üben

die Rahmenbedingungen:

  • Für die Kurse müssen (bequeme) Plätze in ausreichender
    Zahl vorhanden sein.
  • Die Sozialkomponente bei den TN spielt eine
    große Rolle und
    muss für die Zeiten vor, während und nach den Kursen
    bedacht werden (Angebote in der Cafeteria, Pausen, Lärmpegel…).
  • Es ist mit Berufstätigkeit der TN im Schicht- oder Wechseldienst,
    mit familiären ad-hoc Beanspruchungen und längeren
    Krankphasen zu rechnen.
  • Die Interessenvielfalt und -intensität
    ist schwer abschätzbar
    und unterliegt u. a. auch der Tagesform.

Außer der Möglichkeit zum Erlernen der Instrumente Klavier,
Keyboard, E-Gitarre, E-Bass, akustische Gitarre, Saxofon, Querflöte
und Popgesang wurden Vorträge oder Workshops zu diesen Themen
 angeboten:

  • Musik hören – aber wie?
  • Gesungene Konflikte – Don
    Giovanni, ein Mann zwischen Himmel und Hölle
  • CD-Produktion
    heute – Wie kann ich mit einem Laptop CDs
     produzieren?
  • Drumsland – Geschichte und Funktion des Schlagzeugs
  • Von
    Orfeo bis Starlight Express – Entwicklung der Oper,
    Operette, Musical
  • Das Fundament – Kontrabass und Bassgitarre
  • Frühkindliche
    Musikalisierung – Wie lernen Kinder?
  • Malerische Fähigkeiten
    der Musik – Bilder vertonen
  • Gitarrenwelt – wozu braucht
    man so viele verschiedene Gitarren?

Was gefiel den TN an den Vorträgen und Workshops?*

  • die Themen
  • Vorträge der Gastdozenten
  • die Nähe zu den Dozenten
    (praktisch zum Anfassen)
  • die Möglichkeit, Fragen stellen
    zu können.
  • die Möglichkeit, ausprobieren zu können.
  • Ernst genommen
    zu werden, egal wie „doof“ meine Frage
     ist.

  •  Aha“-Effekt-Erlebnis
  • Einsatz von Instrumenten (Klavier,
    Keyboard, Gitarre, Schlagzeug, Orff, Stimme)
  • einfache Orientierung
    in dem Notensystem
  • schnelle Erfolgserlebnisse
  • Spaß in der Gruppe

* Die Reihenfolge der Nennungen gibt keine Priorität an.

Folgende Aspekte erwiesen sich als bedeutsam:

  • Das Programm für den Instrumentalunterricht sollte sich besonders
    für den Gruppenunterricht eignen und zusätzlich das Selbststudium
     fördern.
  • Der Stundeneinstieg: u.a. mit Hilfe der Moderationsmethoden
    (Kartentechnik oder MindMapping, um die (Tages-) Bedürfnisse
     abzufragen.
  • Die Gruppenarbeit: Alle zwei Wochen 90 Minuten Unterricht,
    aufgeteilt
    in 45-minütige Programmmodule und/oder Probeunterricht nach
    Bedarf zum Kennenlernen unterschiedlicher Instrumente, 5-10 Minuten
    Konzertvortrag durch den Lehrer oder eine andere Fachkraft, Kommunikation
    und Geselligkeit – sinnvoll und bedürfnisorientiert über
    die 90 Minuten verteilt. Zwischen den Terminen steht den Teilnehmern
    idealerweise der Raum auch ohne Moderator(in) zur Verfügung.
  • die Gruppenleitung: weg von der Lehrerrolle, eher als Moderator/Coach/Begleiter/Berater/
    Kommunikator wirken, bedürfnisorientiertes Begleiten der Gruppe,
    zuhören können und dadurch helfen, Stimmungen aufzufangen
    und zu kanalisieren.

Weitere Feedbacks der Teilnehmer (Originalzitate):

  • Das war wirklich toll, Einsichten in verschiedene Bereiche zu
     erhalten.
  • Die Vorträge der Gastdozenten waren ausgezeichnet.
  • … und wir haben selbst Schlagzeug gespielt!
  • Ich habe vorher gar nicht gewusst, dass eine komplette CD-Produktion
    heutzutage nur mit einem Laptop gemacht werden kann.
  • Natürlich werde ich meinen Kindern, Enkelkindern und Freunden
    erzählen, welche tollen Angebote zum Musizieren es für
    sie alle gibt, und ihnen den Besuch dieser Einrichtung empfehlen.
  • Jetzt höre ich die Musik vollkommen anderes als ein Jahr
    zuvor, viel intensiver. Und ich kann auch unterscheiden, welche
    Instrumente
    gespielt werden.
  • Seit April nehme ich Keyboardunterricht und schon jetzt (November)
    kann ich Songs mit beiden Händen spielen, obwohl ich keinerlei
    Vorkenntnisse hatte!
  • Wir haben zusammen musiziert und eine Menge Spaß gehabt.
    Das hält das Gehirn fit!

    Wie schade, dass ich nicht immer teilnehmen konnte wegen meiner
     Krankheit.

 Fazit

Das Programm für die Musikvermittlung sollte im Schwierigkeitsgrad
leicht ansteigendes Material anbieten und für Zusammenkünfte
der Interessenten in regelmäßigen Zeitabständen
konzipiert sein (wöchentlich oder 14-tägig). Bewährt
haben sich für die angesprochenen TN Treffen mit Clubcharakter,
d.h. die Kommunikation unter den TN erhält einen größeren
Stellenwert als bei herkömmlichen Unterweisungs- oder Unterrichtssituationen.
Um dieses Anliegen zu unterstützen, kann die gemeinsame Zeit
beispielsweise aufgeteilt werden in zwei Arbeitseinheiten mit unterschiedlicher
Schwerpunktsetzung und einer gut bemessenen Pause dazwischen. Auch
Quereinsteiger fanden leicht den inhaltlichen Anschluss an eine
bestehende Gruppe, da die Lieder, Mitspielsätze und Klangspiele
auch ohne Voraussetzungen musikalisch umsetzbar waren und das bereits
Gelernte in den Ensembles regelmäßig gefestigt wurde.

Die Musikvermittlungsangebote haben viel (wieder)-erwachende Lebensfreude
bei den Teilnehmern ausgelöst. Motto: „Glücklich
ist, wer vergisst, was doch nicht zu ändern ist.“ (aus „Die
Fledermaus“ von Johann Strauß)

  • Durch spezielle Angebote für Menschen ab der Lebensmitte erweitert
    sich der Kreis derjenigen, die ihr Leben mit Musik gestalten und
    bereichern können.
  • Durch Musikangebote für die angegebene Altersgruppe steigen
    Lebensqualität und Teilnahme am öffentlichen Leben (Anschluss
    an Gruppen, Aufsuchen eines Treffpunktes außerhalb der eigenen
    Wohnung, Vorführung des Gelernten vor anderen).
  • Durch spezielle Angebote für die Zielgruppe steigt die Kompetenz
    der Kurs- und Materialanbieter, weil sie Erfahrungen im kommunikativen
    und sozialen Umgang mit älteren Menschen sammeln bzw. intensivieren.

Durch entsprechende Musikvermittlung müssen wir künftig
heterogenen Bevölkerungsschichten unterschiedliche Wege zur
Musik anbieten, Annäherung und Verständnis für Musik
in ihrer Vielfalt bewirken, Menschen ermutigen, das eigene Musizieren,
in welcher Form und auf welcher Fähigkeitsstufe auch immer,
als selbstverständlichen Bestandteil ihres Lebens zu verstehen
sowie neben der Konzentration auf die Früh- und Spitzenförderung
aufzeigen, dass musikalische Betätigung und Bildung auch zur
sinnerfüllten Lebensgestaltung im Alter beitragen kann. Wir
müssen in Europa auch verstärkt Angebote für Ältere
entwickeln, denn sie werden in wenigen Jahren die Mehrheit der
Bevölkerung stellen.

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