Wespen-Wunder


(nmz) -
Alles passiert irgendwann zum ersten Mal – diese nur entfernt mit Murphys Law verwandte Sentenz gilt in vieler Hinsicht auch für die folgenden Zeilen: Dass im Vorfeld einer Musikrats-Generalversammlung der bekannt-berüchtigte Autor ein Loblied auf die Institution Deutscher Musikrat singt, ist eine Uraufführung. Allerdings wird diese Hymne weniger dem in manch seltsame Richtung hechelnden Vereinsteil gewidmet (Stichworte: Kreativindustrie, schlummernde Bundesfachausschüsse) – als vielmehr der gGmbh – und hier der Unterabteilung „Jugend musiziert“.
Ein Artikel von Theo Geißler.

Auch in unserem Blatt gab es energischen und prominenten Widerspruch gegen die Abschaffung zeitgenössischer Pflichtstücke aus dem Literaturkanon des bundesweit wichtigsten Wettbewerbes zur Förderung des musikalischen Nachwuchses. Wer aber Gelegenheit hatte, die gelegentlich als „minderwertige Kompensations-Veranstaltungen“ gescholtenen Freiburg-Münsteraner Wochenenden der Spezialensembles (WESPE) wahrzunehmen, sah sich drastisch eines Besseren belehrt. Klug gefiltert aus Teilnehmerinnen und Teilnehmern des vergangenen Bundeswettbewerbes ballte sich ein kreatives Potenzial zusammen, das als Transportmedium für neueste und selten gespielte Werke so manches avancierte Festival demnächst überholen dürfte. Vor allem in den Wertungskategorien „Interpretation eines eigenen Werks“ und „Interpretation eines für ‚Jugend musiziert’ komponierten Werks“ blühte Phantasie, Schöpfungshöhe und instrumentale Virtuosität so almwiesengleich reichhaltig, dass man über manch befragenswertes Urteil  der partiell noch leicht „konservativ“ besetzten Jurys gern hinwegsah. Die Darbietungen im Rahmen der beim „alten“  Wettbewerb einst zwangsweise implementierten Kategorie „Zeitgenössisches Werk“ brachten – vom Regularien-Korsett befreit – viel frische Luft in die oft allzu ästhetizistisch-grüblerisch angelegte Interpretation unserer lebendigen Komponistinnen und Komponisten. Die Wertung „Verfemte Musik“ sollte junge Musiker veranlassen, sich mit Werken und Biografien von Komponisten auseinanderzusetzen, deren Schaffen durch politische Diktaturen früh beschnitten oder hart beendet wurde. Bei aller gekonnter Umsetzung geriet hier der in diesem Fall historische Kontext ein wenig ins Hintertreffen. Da drängen sich künftig informative Kooperationen zum Beispiel mit „musica reanimata“ auf. Die „Klassische Moderne“ schlug schließlich den Bogen zur Grundlage dessen, was heute als „Avantgarde“ gilt. In das Gesamtambiente fügte sich die Kategorie „Interpretation des Werks einer Komponistin“ gelegentlich als willkommenes, stets reizvolles akustisches „Ruhekissen“ in all die anderen unerhörten, unbotmäßigen, eigenwilligen, immer aber  originellen Klangwelten ein. Es kam weitgehend Unbekanntes zum Klingen – dem Umstand geschuldet, dass Komponistinnen in der Vergangenheit nicht wegen ihrer Qualität, sondern aus „Gender“-Gründen keinen Weg in die Konzertsäle fanden. Aufgewacht, Donaueschingen, Witten, Hitzacker: Frisch kommt die WESPE.

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