Zwischen „Happy“ und „Dangerous“

Neuveröffentlichungen der Popbranche im März


(nmz) -
Als Bahn-Angestellte(r) hat man keine leichte Wochen hinter sich: Privat-sphäre ausspioniert, Vertrauen verletzt. Hier ein paar musikalische Therapietipps, die kondolieren.
Ein Artikel von Sven Ferchow.

Ausgabe: 
3/09 - 58. Jahrgang

Melancholisch, herbstdüster und schwerblütig betreibt die Schweizer Songwriterin Heidi Happy ihr Handwerk. Die leisen Töne triumphieren auf „Flowers, Birds and Home“. Dabei auch Pauken, Gitarren (leise), viele Streicher, Fender Rhodes und eine glasklare, nach vorne gemischte Stimme, die selbst Bahnpanzer Mehdorn erweichen könnte. Heidi Happy sucht nicht den geraden, melodiösen Weg. Sie pokert mit Stimme und Tönen. Klopft mal jazzig an die Tür. Oder steigt hinauf Richtung „Björk“, ohne deren Kaputtheit zu kopieren. Interessant: die Kürze vieler Songs. Nur drei der achtzehn schaffen die Vier-Minuten-Marke. Eigenwilliges Album. Aber lohnenswert (www.heidihappy.ch).

Fast unfreiwillig wurde Kellner vom Musiker zum Songwriter. Kellner ist Mathias Kellner. Ein beinahe Hartz-IV-Opfer. Doch er hat sich zusammengerissen und „This Ocean Life“ aufgenommen. Die Songs laufen unter der Rubrik oder dem Makel „Songwriter“. Aber letztendlich präsentiert er zwölf Popsongs, die eine eigene, aber kompatible Note aufweisen. Will heißen: Das lässt sich im Radio unterbringen. Damit sei geschwind angemerkt, dass man Ecken und Kanten sucht. Das Herz bricht noch nicht ganz. Aber doch rührt sich was in der Seele, wenn Kellner „Ballad of a poor man“ oder „Moni“ anspielt. Vielversprechend (www.kellner-music.de).

Haben muss man natürlich Frank Sinatra und seine „Seduction: Sinatra sings of love“. Wer es nicht schafft, mit diesen zweiundzwanzig Songs der Standard-CD (Deluxe-Version mit zehn Bonus-Tracks) die Frau des Herzens zu erobern oder eine alte Liebe zu erbetteln, der hat ein ziemliches Problem. Die Zusammenstellung wirkt stimmig, alle Klassiker scheinen vertreten, doch wer will das bei der Menge an SinatraKlassikern objektiv entscheiden? Darf man ungeniert kaufen (www.warner.de).

Thin Lizzy hatten einst den Ruf, mit dem Doppel-Live-Album „Live & Dangerous“ eines der besten Livealben aller Zeiten veröffentlicht zu haben. Doch live war es nie wirklich, sondern hauptsächlich im Studio nachbearbeitet. Um diese Schmach zu tilgen, erscheint nun „Still dangerous – Live at the Tower Theatre Philadelphia 1977“. Das originale Dokument, das nicht im Studio aufgemöbelt wurde. Zehn Songs, die für kurze Zeit an grandiose Rockdekaden erinnern, die ungeschliffen, rau, aber mit zehn Zentnern Seele daherkommen. The Boys are back in Town (www.thinlizzy.org)!

So klingt Amerika: Kevin Rudolf ist dafür verantwortlich. Der Gitarrist zupfte die Seiten bereits für Timbaland, Nelly Furtado, Black Eyed Peas oder Justin Timberlake. Nun hat ihn US-Star Lil Wayne unter ihre Fittiche sprich ihr Label genommen, und Rudolf dankt es mit „In this City“. Seine Vorstellung von amerikanischer Musik scheint einfach, aber genial: Gitarren bis zum Anschlag. Den Groove nie vergessen. Das Flair der amerikanischen Popmusik nicht aus den Augen verlieren. Und den Refrain singbar in der Mitte verorten. Kalkül trifft jede Menge Herz und Talent (www.kevinrudolf.com).

Es ist die blanke Lust, das Scheitern zu hören, wenn man sich Kevin Costner & Modern West tatsächlich aufbürdet. Singender Schauspieler geht überhaupt nicht. „Untold truths“ beweist dies einmal mehr. Trotz musikalischer Chorvergangenheit Costners. Das countrygeküsste Album versinkt in unaufgeregt sämigen Songs, wirkt konservativ und wenig inspiriert. Warum (www.kevincostnermodernwest.com)?

Diskographie

Heidi Happy – Flowers, Birds and Home (13.03.09, Little Jig Records)
Kellner – This Ocean Life (27.02.09, südpolrecords)
Frank Sinatra – Seduction: Sinatra sings of love (06.02.09, Warner)
Thin Lizzy – Still dangerous… (06.03.09, Thin Lizzy Productions)
Kevin Rudolf – In this City (Februar 2009, Universal Republic Records)
Kevin Costner & Modern West – Untold Truths (20.02.09 Republic Records)

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