Bühnenverein-Chef Zehelein fordert: Wagners "Ring" in Ruhe lassen

28.06.12 -
München - Der Präsident des Deutschen Bühnenvereins, Klaus Zehelein, kritisiert das Überangebot an Inszenierungen von Richard Wagners monumentalem Opernzyklus "Der Ring des Nibelungen" vor dem 200. Geburtstag des Komponisten. "Ich halte gar nichts davon, dass man aufgrund irgendwelcher Jahreszahlen nun vermehrt Wagners Werke aufführt", sagte Zehelein der Nachrichtenagentur dapd.
28.06.2012 - Von Agentur - dapd, KIZ

 

Der "Ring" genieße zwar als "größter musiktheatralischer Entwurf des 19. Jahrhunderts" und allein schon wegen seines enormen Umfangs von fast 15 Stunden Musik eine Sonderstellung. "Ich meine aber, man sollte dieses Werk mal ruhen lassen, am besten weltweit", sagte Zehelein, der auch Präsident der Bayerischen Theaterakademie ist.

Der Opernexperte erinnerte daran, dass er selbst als Intendant der Staatsoper Stuttgart im "Mozartjahr" 2006 bewusst keine Mozart-Premiere in den Spielplan genommen habe. "Das sind doch alles enzyklopädische Ereignisse ohne jede künstlerische Relevanz. Warum also auch im Wagner-Jahr mal überhaupt keinen Wagner aufführen?"

Grundsätzlich spreche allerdings nichts dagegen, Wagners Opernzyklus auch an kleinen und mittelgroßen Häusern aufzuführen. "Oft sind die Leute stolz darauf, dass es auch in ihrer Stadt einen 'Ring' gibt", sagte Zehelein. "Man kann den 'Ring' in kleineren Häusern sehr gut etwas leichter besetzen, ohne dass die musikalische und szenische Qualität darunter leiden muss."

Das gelte auch für die anspruchsvollen Vokalpartien des "Rings", vor allem die Rollen der Brünnhilde, des Siegfried und des Wotan. "Da braucht es nicht immer die große Röhre, das geht auch mit kleineren Stimmen. Es kommt vor allem darauf an, wie intensiv und überzeugend die Darstellung ist."

Der Ansicht, der "Ring" sei interpretativ ausgeschöpft, widerspricht Zehelein nachdrücklich. "Dieses epochale Werk kann man immer wieder neu befragen auf seine Relevanz für unser aktuelles Leben." Die heutige Tendenz, das Stück nicht mehr zu interpretieren, sondern nur noch zu "erzählen", hält er für fragwürdig: "Ich beharre darauf, dass gerade so ein wesentliches Werk der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert als Spiegel eines beispiellosen Willens und Aufbruchs zur Vereinheitlichung und Bündelung von Macht, Kapital und Wissen immer wieder auf seine Bezüge zum Heute untersucht werden muss."

Eine Art Führungsrolle der Bayreuther Festspiele in der Wagner-Pflege sieht Zehelein nicht. Der "Grüne Hügel" zehre vor allem von seinem Nimbus. "Eine Deutungshoheit über die Werke Wagners kommt Bayreuth nicht zu." Die Absicht von Bayreuth-Chefin Katharina Wagner, im Teatro Colon im argentinischen Buenos Aires dieses Jahr einen auf sieben Stunden gekürzten "Kompakt-Ring" herauszubringen, beobachtet der Bühnenverein-Chef mit Interesse. "Das Werk ist sicher nicht sakrosankt. Ich finde es apart, dass gerade ein Mitglied der Familie Wagner dieses Experiment wagen will."

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