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Fußball sacra: Orgelmusik kommentiert Fußballübertragung in Kreuzberger Kirche

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Berlin - Das erste Tor der Italiener wird von einem zuckenden Akkord angekündigt. In der Emmaus Kirche in Kreuzberg springen einige wenige Menschen auf und applaudieren. Carsten-Stephan Graf von Bothmer stimmt die italienische Nationalhymne auf der Orgel an. Es folgen dramatische, dumpfe Töne, kein Wort von Reporter Steffen Simon ist zu hören. Stattdessen wird die Live-Übertragung durch die Musik kommentiert, alles komplett improvisiert durch den Organisten.

 

Etwa 300 Menschen haben in dem hell durchfluteten Kirchenschiff Platz gefunden. Dort wo eigentlich das große Kreuz aus Holz hängt, wird das satte Grün des Fußballrasens an die weiß gekalkte Wand projiziert. Lautsprecher fehlen. Zweites Tor der Italiener, ein Raunen geht durch den Kirchenraum. Von Bothmer verfolgt das Spiel auf einem kleinen Bildschirm, der neben den Notenblättern am Orgelpult aufgestellt ist. Für seine Spielbegleitung braucht er wegen der Improvisation eigentlich keine Noten, nur die der deutschen und italienischen Nationalhymne hat er sich parat gelegt.

Nur einige wenige Männer tragen ein weißes Trikot der deutschen Nationalmannschaft, das Blau der Italiener fehlt ebenso. Auch die schwarz-rot-goldenen Accessoires sucht man in der Kirche fast vergeblich. Unter den Besuchern sind viele Männer und Frauen im gehobenen Alter. Sie halten Gläser mit Rot- oder Weißwein in der Hand. Aber auch grüne Bierflaschen werden über die Theke im Vorraum gereicht. Jugendliche mit Dreadlocks sitzen neben grauhaarigen Frauen auf den hellen Kirchenstühlen.

Patrizia Thoma zählt zu den jüngeren Besuchern. Sie sei hauptsächlich wegen der Musik hier, sagt sie. Fußball spiele sie zwar selbst manchmal, aber ein begeisterter Fan von Fernsehübertragungen sei sie eher nicht. "Das ist schon faszinierend, wie er das Spiel mit Musik umsetzt", sagt sie über den Mann an der Orgel.

Eigentlich ist Carsten-Stephan Graf von Bothmer Stummfilmbegleiter, interpretiert Klassiker wie Fritz Langs Metropolis, davon lebt er. Doch dann hatte Ingo Scholz, der Organist der Emmaus-Kirche bei der Europameisterschaft vor vier Jahren die Idee, die Fußballspiele nicht mehr nur im kleinen Gemeindesaal der Kirche zu zeigen. Aber der Stadionton war ihm zu aggressiv, wie Scholz sagt. Etwas anderes musste her.

"Fußball sehr sakral"

Also untermalte von Bothmer zum ersten Mal ein Fußballspiel statt eines Schwarz-Weiß-Filmes. Es folgte die Weltmeisterschaft. Und nun das Drama gegen Italien. "Manchmal möchte ich schon aufspringen und mitjubeln oder die Hände vor den Kopf schlagen", erzählt der 42-Jährige, "aber das geht natürlich nicht." Er versuche ansonsten, die Emotionen umzusetzen, die er selbst fühle, sagt er.

Dass er in einer Kirche ein Fußballspiel musikalisch interpretiert, findet er nicht ungewöhnlich. "Fußball ist etwas sehr Sakrales. Alles was zu den Menschen gehört, gehört in die Kirche", sagt der 42-Jährige noch schnell, bevor die Halbzeitpause um ist und er sich wieder an die Orgel setzt. Zwei kleine Mädchen stellen sich hinter ihn und gucken ihm beim Spielen über die Schulter. Die Orgel steht direkt im Kirchenraum in der linken Ecke neben dem Altar.

51 Minute, Freistoß der Deutschen. Den Anlauf von Marco Reus begleitet ein Motiv, das an Duelle aus Westernfilmen erinnert. Doch der Ball wird von Italiens Torwart an die Latte umgelenkt. Raunen, Klatschen und helle, hohe Orgeltöne. Die Musik klingt mal heiter und beschwingt. Mal wirkt sie dramatisch angespannt.

Mesut Özil läuft auf der Leinwand zum Elfmeter an: Tor, fröhliche Orgelklänge, das Freudengeschrei schallt laut von den Steinwänden wieder. Doch es soll beim 2:1 für Italien bleiben. Schwermütige Töne in Moll untermalen die Tränen der deutschen Spieler auf dem Bildschirm. Dann ist es still im Kirchenschiff. Es folgt tosender Applaus der Zuschauer. Er gilt dem Organisten.

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